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Folke Tegetthoff über Fantasie als Essenz des Lebens

Folke Tegetthoff Foto: Paul Guschelbauer

Mit über 1,5 Millionen verkauften Büchern gilt Folke Tegetthoff als erfolgreichster Märchendichter unserer Zeit. Im Vorfeld des internationalen Storytelling-Festivals sprachen wir mit ihm über moderne Märchen und die Kraft der Fantasie.

Text: Stefan Zavernik

Vor 40 Jahren standen Sie das erste Mal auf der Bühne. War es damals einfacher als heute, das Publikum zum Zuhören zu bringen?

Da müssen wir unterscheiden zwischen Kindern und Erwachsenen. Bei den Erwachsenen ist, durch die rasant steigende Entwicklung hin zu einer völlig übervisualisierten Welt, einer Welt der Bilder, die Sehnsucht nach dem reinen, reduzierten Zuhören noch größer geworden. Da ist für mich als Erzähler sogar eine Intensivierung zu spüren. Anders bei Kindern: Vor 30-40 Jahren war es ein Kinderspiel, Kinder eine Stunde lang total zu fesseln. Das gelingt mir heute auch noch, aber nach der einen Stunde bin ich schweißgebadet … Die Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeit liegt bei rund 10 bis 15 Minuten, dann nimmt sie dramatisch ab und man muss alle seine Kräfte und Fähigkeiten (und Tricks) aufwenden, um zum Ziel zu kommen. Aber das ist ja mein Job!

Sie haben seit Ihrem ersten Auftritt 43 Bücher veröffentlicht, für solch ein Universum an Geschichten braucht es wohl eine nie enden wollende Fantasie. Haben Sie die Fähigkeit, „fantasievoll zu sein“, jahrzehntelang bewusst kultiviert?

Sagen wir so: Ich habe bald einmal erkannt, dass die Fantasie die Essenz unseres Lebens ist. Sie ist es, die uns andere, weitere, verborgene Dimensionen unseres Daseins und unseres Alltags eröffnet. Glaube zum Beispiel wäre ohne diese Kraft nicht möglich: Sie ist es, die uns etwas Unaussprechliches, Unsichtbares – wie Gott es ist – nahezubringen imstande ist. Alle Mythologie, alle Märchenwelt und im Heute die gesamte „Fantasy-Welle“ in Buchform, in Filmen und jetzt Computerspielen ist nichts anderes als der Gegenentwurf zu einer vom Patriachat erschaffenen Verherrlichung der Ratio. Und wer jetzt protestierend aufschreit, dem halte ich Aussagen von zwei der klügsten Köpfe des 20. und 21. Jahrhunderts, Einstein und Hawking, entgegen, die der Fantasie eine übergroße Bedeutung für ihre Arbeit zugemessen hatten: Denn sie ist es, die die engen Mauern und Grenzen der Ratio zu überwinden imstande ist.

Die gerade erwähnten Fantasy-Filme und -Serien boomen aktuell. Nie überlegt, hier einmal miteinzusteigen?

Nein! Ich bin der Gegenentwurf zur Welt der Bilder. Meine „Schule des Zuhörens“ ist zum Zentrum meines Lebens und meiner Arbeit geworden. Wer je erlebt hat, was sich da mit 100 bis 200 oder mehr Menschen aller Alters- und Gesellschaftsschichten abspielt, wenn ich sie auf intensivste Art nichts anderes als zuhören lasse, wird verstehen, dass dies mein Auftrag ist: Dem simplen, einfachen Hören ein Denkmal zu setzen!

Denken Sie, dass jeder Mensch mit der gleichen Portion Fantasie geboren wird?

Grundsätzlich ja. Doch von unseren ersten Tagen an kann diese Kraft bewusst gefördert oder systematisch verdrängt werden. Fantasie spielt eine eminent wichtige Rolle in unserem gesamten Alltag – wir wissen es nur nicht! Ob beim Kochen oder beim Spielen mit seinem Kind. Für einen Post auf Instagram oder bei der Einrichtung unseres Heimes – ohne Fantasie gäbe es jeden Tag Kartoffel, ein Video auf dem Handy, ein nichtsagendes Foto und Wohnen wie in den 60ern. Um fantasievoll zu bleiben, braucht es Mut, Überzeugung und das Bewusstsein, welche Kraft Fantasie eigentlich bedeutet.

Foto: Oliver Wolf

Es heißt, die Fantasie irrt sich nie. Wie viel Wahrheit kann sie uns liefern?

Ich erkläre das so: Unser Auge liefert uns ein vermeintliches Bild der ­Wirklichkeit. Unser inneres Auge, genährt von unserer Fantasie, liefert uns ein erweitertes Bild einer vielleicht anderen Wirklichkeit. Wir müssen lernen, diesem Bild genauso zu vertrauen, es genauso zu respektieren, wie dem Bild der Sinne. Vielleicht sogar noch mehr, weil es aus unserem tiefsten Inneren entspringt. Ein Beispiel, das ich bei Kindern und Jugendlichen immer bringe, ist, dass vieles, was sie im TV oder Kino sehen (und jetzt auf Social Media) eine Wirklichkeit suggeriert, vorgaukelt, aber uns als DIE Wirklichkeit verkauft wird. Die Bilder, die uns jedoch unsere Fantasie liefert, sind immer ehrlich und aufrichtig, weil sie von uns selbst produziert wurden. Somit kämpfen Wirklichkeit und Fantasie nicht miteinander, sie sollten sich ergänzen, eine die andere erweitern.

Kennen Sie eigentlich so etwas wie eine Schreibblockade?

JUHU! Bisher noch nicht … Ich stand bei Buch- und anderen Projekten schon sehr oft vor auf den ersten Blick unüberwindbaren Herausforderungen. Aber mein unerschütterliches Vertrauen in meine Fantasie hat mich jedes Mal an das von mir gesteckte Ziel gebracht!

Gerade der Beginn Ihrer Karriere war eine scheinbar unüberwindbare Herausforderung: Ihr erstes Buch wurde von 30 Verlagen abgelehnt. Sie haben es dann in Eigenregie gedruckt und veröffentlicht. Die Auflage betrug 1.000 Exemplare. Auch die nächsten zwei Bücher erschienen im Eigenverlag. Erst Nummer vier wurde dann von einem großen deutschen Verlag veröffentlicht. Was hat Ihnen damals gesagt, dass Sie mit Ihrem Weg Erfolg haben würden?

Mein unerschütterlicher Glaube an die Kraft des Märchens!

Und was macht ein gutes Märchen aus?

Ich würde die Frage gern erweitern: Was macht eine gute Geschichte aus? Weil dadurch auch unser Alltag ins Spiel kommt, wo wir alle ohne Unterbrechung Geschichten erzählen. Für mich gibt es nur ein Kriterium: Eine gute Geschichte ist die, die jemanden findet, der ihr zuhört!

1981 gelang Ihnen mit den Liebesmärchen dann Ihr erster Bestseller. Welche Erinnerungen haben Sie heute an diese Zeit? Waren es goldene Jahre eines Bestseller-Autors, wie es sich junge, angehende Literaten in ihren Träumen ausmalen?

Naja, ein bisschen schon! Ich hatte eine eigene TV-Serie (einmal die Woche stellte ich zur damaligen Primetime Geschichten vor, die Menschen eingesandt hatten), ich war ständig in Talkshows und diversen Sendungen zu Gast und hatte bereits im Jahr 4 meiner „Karriere“ 200 Lesungen im Jahr. Dann das i-Tüpfelchen, als ich alles aufs Spiel setzte und auf eine 2-jährige Welttournee ging – alle hielten mich für total verrückt, alles Erreichte im deutschsprachigen Raum aufzugeben. Und das für die Idee, auch im 20. Jahrhundert  Märchen gegen „Bett & Brot“ tauschen zu können: in 28 Ländern und mit 245 Gastspielen!

Sie sind mit Erzählern auf der ganzen Welt vernetzt. In welchen Ländern ist das Märchen heutzutage besonders gefragt? Gibt es so etwas wie eine Hochburg des modernen Märchens?

Im angelsächsischen Raum ist „Storytelling“ weitaus populärer und dadurch auch verbreiteter. Dies hat jedoch nichts mit „modernen Märchen“ zu tun, im Gegenteil, dort werden eher traditionelle Märchen erzählt. Ich bin nach wie vor einer der ganz wenigen weltweit, die sich mit neuer Märchendichtung  beschäftigen. Weil sich sonst niemand getraut, mit einem Genre in Verbindung gebracht zu werden, das mit Lüge, kleiner Schwindel, mit etwas nicht ganz Ernsthaftem assoziiert wird, wie es im Deutschen mit dem Märchen jedoch geschieht.

Welche Rolle spielen Gut und Böse in der modernen Märchenerzählung?

Es geht hier weniger um Gut und Böse, sondern einfach um Gegensätze. Vor allem bei der Arbeit für Kinder und Jugendliche ist es wichtig, mit möglichst einfachen Werkzeugen zu agieren. Deshalb eben das Böse und das Gute und kaum etwas dazwischen. Kinder haben intuitiv die Fähigkeit, die Facetten dazwischen zu erspüren, und deshalb haben sie auch kein Problem damit – was für Erwachsene, mit unseren Erfahrungen und dem Wissen, dass unsere Welt viel komplexer ist als diese Gegensätze, viel schwieriger ist zu akzeptieren. Bei meiner Dichtung versuche ich, diese Grenzen viel offener zu halten und Stereotypen zu vermeiden, weil sie, in dieser unserer extrem aufgeklärten Welt auch nicht mehr wirklich zeitgemäß wären.

Foto: Bernd Gruber

Wenn Sie die Kraft hätten, eines Ihrer Märchen wahr werden zu lassen, welches wäre es?

Ich scheine diese Kräfte zu besitzen, denn ganz viele meiner Märchen sind wahr geworden! Da ist mein Leben, das ein einziges Märchen ist. Das sind meine Liebesmärchen, die sich in meiner bald 40-jährigen Ehe und Liebe mit Astrid und in meinen großartigen Kindern realisierten. Und da ist, zuletzt, Let’s chat, Baby!, das Buch, das ich meinem ersten Enkel zu verdanken habe. Darin sehe ich auch den wahren Sinn in meiner Arbeit: Nicht nur Gedanken zu Papier zu bringen, sondern sie auch ganz konkret umzusetzen …

Sie selbst meinten einmal, das Buch in seiner alten Form liegt in seinen letzten Zügen. Dennoch werden Sie nicht müde,  neue zu schreiben. Es besteht also noch Hoffnung?

Wir stehen inmitten mehrerer großer, wenn nicht gigantischer Paradigmenwechsel. Einer davon betrifft das Buch. 500 Jahre lang DAS Symbol für Bildung. Wer las, wer Bücher besaß, ja selbst wer Bücher verschenkte, galt als „gebildet“ und damit hochwertiger, gescheiter. Heute haben wir die allererste Generation, die ohne mit der Wimper zu zucken sagt, dass sie keine Bücher liest. Vor noch wenigen Jahren undenkbar – siehe der arme Erwin Pröll, dem sein Sager, er habe nur ein Buch gelesen, Karl May, bis heute nachhängt … Das Buch wird nicht verschwinden, aber es wird als Luxusgut wiedererweckt werden. So wie jetzt Yoga hypt, wird in absehbarer Zeit „Lesen“ mit einem gedruckten Buch hypen – wow!