Zum 90. Geburtstag von Steve Reich macht Günter Meinhart am 3. Oktober Graz zur Bühne: 24 Stunden lang erklingt dessen „Minimal Music“.
Interview: Stefan Zavernik
Sie haben bereits 1981 gemeinsam mit Steve Reich eine Tournee absolviert, seine Musik begleitet Sie also seit mehr als vier Jahrzehnten. Was hat Sie damals an Reich und seiner Musik fasziniert – und was bedeutet Ihnen diese persönliche Verbindung heute?
Ein Faszinosum der Minimal Music, deren wesentlichster Wegbereiter Steve Reich ist, war immer das Spielen mit Raum und Zeit. So als würden Klang und Rhythmus irgendwo herkommen und irgendwo hingehen. Und das hat letztendlich sehr viel mit unserer Existenz zu tun. Kein brachialer symphonischer Schlussakkord, um zu sagen „So ist es!“, sondern immer wieder mit Fragezeichen aufzuhören: „Ist es so?“ Diese Offenheit habe ich damals als 24-Jähriger in der Neuen Musik, die in Graz sehr präsent war, gefunden und durch die Arbeit mit Steve Reich bestätigt bekommen.
Zum 90. Geburtstag von Steve Reich lassen Sie nun für 24 Stunden ganz Graz seine Musik spielen. Wie entstand die Idee zu diesem außergewöhnlichen Projekt – und warum eignet sich gerade Graz dafür?
Die Idee stammt von meinem Sohn Raphael. Wir haben sie dann zusammen weitergedacht und versuchen die Ideen punktgenau umzusetzen. Als geborener Grazer glaube ich, ein sehr gutes Gefühl für die Stadt zu haben, zu spüren, welches Viertel wie schwingt, welches Eck der Stadt wie belastet ist, oder wo man Freude oder Provokation deponieren sollte. Insofern würde ich nicht sagen, dass sich gerade Graz dafür eignet, aber die Liebe zu dieser und die Sorge um diese Stadt zwingen uns dazu, dieses Projekt umzusetzen.

Foto: Nikola Milatovic
Steve Reich zählt zu den bedeutendsten Komponisten unserer Zeit, trotzdem können vermutlich nicht alle etwas mit seinem Namen anfangen. Wie würden Sie seine Musik jemandem beschreiben, der noch nie bewusst ein Werk von ihm gehört hat, und was macht sie so unmittelbar und faszinierend?
Während viele Komponisten der Nachkriegszeit komplexe und schwer zugängliche Musik schrieben, suchte Reich nach Klarheit, Wiederholung und direkter Wahrnehmung. Seine Stücke entwickeln sich langsam, fast unmerklich, und ziehen die Zuhörer sogartig in einen stetigen musikalischen Fluss hinein.
Das Projekt verlässt bewusst den klassischen Konzertsaal: Reichs Musik erklingt unter anderem in Kirchen, am Hauptplatz, am Ostbahnhof, im Landesgericht, am Schloßberg und auf dem KUG-Campus. Wie haben Sie die Orte ausgewählt – und welche Rolle spielt der jeweilige Stadtraum für die Musik?
Viele Spielorte sind dramaturgisch sehr eng mit der Musik verbunden. Als Beispiel nenne ich das frühe Tonbandstück It’s Gonna Rain. Wenn ein Straßenprediger in einem Konzertsaal vom Tonband über die Sintflut spricht, ist das wahrscheinlich relativ substanzlos. Wir bringen dieses Stück in die Notschlafstelle VinziNest. Dort ist die tägliche Frage „Wie ist das Wetter morgen?“ an uns ehrenamtliche Mitarbeiter schon eine existenzielle Sorge. Zumal die „Sintflut“ im übertragenen Sinn bei diesen Menschen sowieso oft ein Leben lang vor der Tür steht.

Foto: Jennifer Taylor
Das Programm führt chronologisch durch Reichs Schaffen – von frühen Werken wie „It’s Gonna Rain“ und „Violin Phase“ über „Drumming“ und „Different Trains“ bis zu „City Life“. Welche Stationen würden Sie einem Publikum besonders ans Herz legen, das Steve Reich an diesem Tag erstmals für sich entdecken möchte?
Unbedingt DRUMMING um 15 Uhr im Schauspielhaus. Entstanden nach seinem längeren Aufenthalt in Afrika, ist es eine seiner bekanntesten Kompositionen und ein rhythmisch-klangliches Feuerwerk für 9 Percussionisten, 2 Vocalistinnen und Piccolo-Flöte. Und CITY LIFE um 19 und 20 Uhr in der Kanonenhalle am Schloßberg. So coole Musik und der unglaubliche Blick auf die ganz Stadt. Ein Wahnsinn.
Graz besitzt mit Institutionen wie der Kunstuniversität, dem musikprotokoll und dem Ensemble STUDIO PERCUSSION graz eine lange Tradition zeitgenössischer Musik. Welche besondere Beziehung besteht zwischen Steve Reich und Graz – und welchen Stellenwert hat die Stadt international in diesem Bereich?
Graz und seine Bewohnerinnen und Bewohner werden erst nach dem 3. Oktober eine besondere Beziehung zu Steve Reich haben (lacht). Aber der internationale Stellenwert als Stadt der Kunst, namentlich seit der Kulturhauptstadt 2003, ist unbestritten. Aber: 2003 gab es unglaublich faszinierende Projekte, jetzt passiert sehr viel Routine. Ich wage zu sagen: mehr Leuchtturmprojekte wie „Graz spielt Steve Reich“ täten der Stadt sehr, sehr gut.

Foto: Reithofer Media
90 Musikerinnen und Musiker, zahlreiche Spielorte und 24 Stunden Musik: Das Projekt ist auch organisatorisch eine enorme Unternehmung. Wenn am Ende dieses Tages ganz unterschiedliche Menschen Steve Reich gehört haben – vom Kenner bis zum zufälligen Passanten –, was soll von „Graz spielt Steve Reich“ bleiben?
Ich würde mir wünschen, dass ein paar Menschen sagen „Cool, so habe ich die Stadt noch nie betrachtet“.













