
50 Jahre verrückt nach Kunst und Kultur: Seit 1976 bringt die Kulturinitiative Kürbis Wies Theater, Literatur, Musik und Kunst aufs Land – und erfindet sich dabei immer neu.
Text: Sigrun Karre
„Man muss leicht verrückt sein, dass man das da durchsteht“, sagt Karl Posch. Vielleicht erklärt das am besten, warum eine Kulturinitiative in einer kleinen Gemeinde in der Südweststeiermark seit 50 Jahren Kunst und Kultur abseits des Mainstreams ermöglicht und weit über die Region hinaus wahrgenommen wird. Zwei, die diese Geschichte wesentlich geprägt haben, sind Karl Posch und Wolfgang Pollanz: Posch vor allem als Theatermacher und Organisator, Pollanz mit Literatur, Musik und Verlagsarbeit. Anfang der 1970er-Jahre brach eine Gruppe junger Wieserinnen und Wieser mit den üblichen Aktivitäten der Landjugend. „Wir wollten Theater machen, wir wollten anderes Theater machen als alle rundherum“, beschreibt Karl Posch ihren Anspruch. Als „Jugend Wies 73“ demonstrierte die Gruppe für einen eigenen Raum. Mit Erfolg: Ein leerstehendes Pfarrheim konnte günstig gemietet und ausgebaut werden. 1976 entstand daraus ein eigener Kulturverein. Auch die Gemeinde unterstützte die Initiative mit Infrastruktur. Einen frühen Erfolg brachte der „Burgstaller Bauernkalender“ im Schloss Burgstall. Doch beim „Bauerntheater“ blieb es nicht lange: Bald folgten zeitgenössische Literatur und kritisches Kabarett, später Figurentheater.

Foto: Kürbis
Wolfgang Pollanz kam Ende der 1970er-Jahre dazu. Er hatte 1976 die Literaturzeitschrift Sterz mitbegründet. Posch sei ihm eines Tages begegnet und habe gefragt: „Möchtest nicht irgendwas mit Literatur im Kürbis machen?“ Pollanz wollte. Die damalige Aufbruchsstimmung sieht er auch als Nachwirkung von 1968: „Am Land passiert alles zehn Jahre später.“ Er organisierte Lesungen, holte Autorinnen und Autoren nach Wies und begann, Bücher herauszugeben. Daraus entwickelte sich die Edition Kürbis.
Vom Theater zum Mehrspartenbetrieb
Der Kürbis blieb nie bei einer einmal gefundenen Form stehen. Im Theater werden Ensembles bis heute projektbezogen zusammengestellt. Gerade diese Offenheit, sagt Posch, habe immer wieder neue Impulse gebracht. Katharina Sieghartsleitner, die in den vergangenen Jahren zum Team des Kürbis gestoßen ist, erinnert sich an einen ihrer ersten Besuche: Frauen sangen mit großer Leidenschaft Brecht-Lieder, das Bühnenbild war minimal, die Wirkung umso eindringlicher. Sie sei damals „richtig baff“ gewesen. Pollanz erweiterte das Spektrum in Richtung Popmusik. Auf „Rock in der Tenne“ folgte ein Sampler mit Bands aus der Region. Daraus entwickelte sich Pumpkin Records. Überregionale Aufmerksamkeit erhielt das Label unter anderem mit dem Themen-Sampler „Heimat“, auf dem sich österreichische Musikerinnen und Musiker mit dem Heimatbegriff und dem Volkslied auseinandersetzten. Auch die bildende Kunst kam hinzu. Auf erste Ausstellungen folgten Projekte im öffentlichen Raum sowie Artist- und Writer-in-Residence-Programme. Für Pollanz macht gerade diese Verbindung der Sparten den Kürbis aus, nämlich „dass es nicht nur das Theater gibt, sondern eben Kunst, Musik, Literatur“.

Foto: Christian Koschar
Die Sparten verbindet eine Haltung: Viele Produktionen entstehen direkt in Wies. Kunstschaffende sowie Autorinnen und Autoren kommen nach Wies und setzen sich mit dem Ort auseinander. Die Hoffnung, mit dem Kürbis werde die gesamte Bevölkerung kulturell „mitwachsen“, erfüllte sich allerdings nicht. Pollanz bezeichnet sie rückblickend trocken als „Trugschluss“.
Die nächste Generation übernimmt
Nach 50 Jahren ist der Generationswechsel längst im Gange. Pollanz hat Pumpkin Records an Gabriel Schmid übergeben. „Ich mische mich null ein“, sagt er. Dass sein Nachfolger andere Entscheidungen trifft, findet er richtig. Bei Posch lässt sich die Übergabe weniger klar an einer einzelnen Funktion festmachen. Über Jahrzehnte liefen bei ihm viele organisatorische Fäden zusammen. Doch während viele Kulturvereine mit fehlendem Nachwuchs kämpfen, gibt es beim Kürbis längst Menschen, die Verantwortung übernehmen können. „Ich glaube, das wird funktionieren.“ Andrea Stift-Laube wird die Edition Kürbis weiterführen, Katharina Sieghartsleitner trägt Verantwortung im Bereich der bildenden Kunst und Melina Schuster im Theater. Cornelia Schuster ist schon länger beim Kürbis tätig und kümmert sich um Organisation, Presse und Förderungen. Die nächste Generation ist damit deutlich weiblicher geprägt, zugleich verteilt sich die Verantwortung zunehmend auf mehrere Schultern.

Foto: Christian Koschar
Wie diese Zukunft aussehen könnte, beschreibt Sieghartsleitner: Der Kürbis soll von einem gut abgestimmten Team künstlerisch wie organisatorisch gemeinsam geleitet werden. Ihre Vision ist ein „Vorreiter:innenverein“ für Kulturarbeit am Land und für die gerechte Bezahlung von Mitarbeiter:innen und Künstler:innen. Dafür brauche es ein „gut funktionierendes organisatorisches Rückgrat“. Für Sieghartsleitner geht es darum, Menschen zusammenzubringen. „Die Kunstwerke bilden dabei die Brücke.“ Die ersten 50 Jahre werden am 16. Oktober mit dem „Fest für den Kürbis“ in Wies gefeiert. Und warum hat der Kürbis so lange überlebt? Es brauche „Verrückte“, sagt Posch. „Die verrückt nach Kunst und Kultur sind“, ergänzt Pollanz.
Fest für den Kürbis
Freitag, 16. Oktober 2026
17 Uhr: Ankommen und Eröffnung der Bilderchronik im Rathauspark
Marktgemeinde Wies, Oberer Markt 14, 8551 Wies
18 Uhr: Programm im und um das Atelier im Schwimmbad aus allen vier Sparten
Atelier im Schwimmbad, Marktplatz 4, 8551 Wies
Die „pumpkin-records-Allstars-Band“ führt zum Bade. Dort warten theatrale Überraschungen, Wieser Begebenheiten aus literarischer Sicht und künstlerische Interventionen im ehemaligen Schulschwimmbad.
19 Uhr: Festakt, Worte zum Kürbis von Heidrun Primas und weiteren Ehrengästen
Atelier im Schwimmbad, Marktplatz 4, 8551 Wies
Um Anmeldung wird gebeten.












