
La Damnation de Faust ist weder Oper noch Oratorium: Hector Berlioz erzählt den Faust-Stoff als Phantasmagorie aus Weltschmerz, Einsamkeit und metaphysischem Sturz zwischen Hölle und Himmel.
Manche Werke sprengen Gattungsgrenzen nicht aus Verlegenheit, sondern aus purer Lust am Regelbruch. Hector Berlioz’ La Damnation de Faust von 1846 gehört dazu: keine Oper, kein Oratorium, keine Sinfonie – und gerade darin eines der berauschendsten Zeugnisse musikalischer Romantik. Berlioz vertont Goethes Stoff nicht brav, er reißt ihn an sich, zerlegt ihn und würzt ihn neu mit eigenem Furor. Das Ergebnis: eine Phantasmagorie aus Weltschmerz, Rausch, Halluzination und metaphysischem Absturz – süß, bitter, feurig, schwindelerregend. Faust stürzt verdammt in den Abgrund, Marguerites Seele steigt zum Himmel auf; Méphistophélès, verführerisch, funkelnd und gefährlich, kostet jeden Moment aus. Orchesterwucht, dämonische Chöre und himmlische Melodien verschmelzen zu einer theatralischen Mischform ohnegleichen. Berlioz erzählt nicht linear, sondern in jähen Sprüngen: Räume wechseln von realistischen Ortsszenen zu inneren Zuständen – eine reizvolle Herausforderung für jeden Regisseur und jede Regisseurin. Lorenzo Fioroni, zuletzt mit Brittens War Requiem an der Oper Graz gefeiert, greift die offene Form des Werks auf und fragt: Was bleibt vom Spektakel, wenn längst alles spektakulär geworden ist? Sein Faust ist kein forschender Gelehrter, sondern ein erschöpfter, melancholischer Mensch, der die Welt missdeutet und zu ihr kein tragfähiges Verhältnis findet, auf der verzweifelten Suche nach der abhandengekommenen Intensität des eigenen Gefühlslebens. Der Pakt mit Méphistophélès wird zur erotischen Komplizenschaft zweier Verlorener in einem rastlosen Roadmovie durch eine phantastische Stadt vom Typus „Good Old Europe“. Marguerite erscheint als Verführerin, Sängerin und „Mutter“ des Teufels und entlarvt das Theater als trügerischen Schein. Am Ende bleibt nur die Alternative: Komplexität aushalten – oder die Perspektive zum überschaubaren Rahmen verengen.
Nach den Trojanern, von der FAZ zu den zehn besten Opernproduktionen 2025 gezählt, lädt die Oper Graz zur Fortsetzung der Reise in Berlioz’ bild- und klangmächtiges Œuvre.
La Damnation de Faust
Zu sehen bis 13.12.2027, Oper Graz
Weitere Infos & Tickets: oper-graz.com












