Improvisation als sinnlicher Genuss, Haltung und gemeinsame Entdeckungsreise: Das Grazer Impro (GIF) von 26. August bis 1. September Fest streckt heuer seine Fühler über das Schaumbad hinaus aus und erobert für seine vierte Festivalausgabe neue Spielorte in der Stadt.
Text: Lydia Bißmann
Eine Modeschau mit Kleidung aus Ton. Eine Live-Tattoo-Session. Musik, die aus dem Knacken frisch gegessener Radieschen oder einem Trampolin entsteht. Was auf den ersten Blick ungewöhnlich wirkt, folgt einer gemeinsamen Idee: Improvisation. Nicht als bloße Spontaneität, sondern als eigenständige künstlerische Praxis. Ende August geht das Grazer Impro Fest (GIF) von und im Schaumbad in seine vierte Runde. Anstoß zu dem inzwischen in der Szene fest verankerten Festival, das neben Musik auch Sparten wie Tanz, Performance, Literatur, Kulinarik und bildende Kunst vereint, gab 2018 der von Eva Ursprung initiierte Improcon – Congress of Free Improvised Music, Arts & Thoughts.
Kunstort Schaumbad
Das freie Atelierhaus Schaumbad versteht sich seit Jahren als Ort, an dem bildende Kunst selbstverständlich mit Musik, Performance und Diskurs zusammentrifft. 2025 wurde es dafür mit dem Hanns-Koren-Preis des Landes Steiermark ausgezeichnet. Eine der treibenden Kräfte hinter dieser Entwicklung ist Keyvan Paydar. Seit 2013 ist der bildende Künstler im Schaumbad tätig, wo er heute als Vorstandsmitglied des Vereins und GIF-Kurator gemeinsam mit der künstlerischen Geschäftsführerin Jasmin Haselsteiner-Scharner dessen Ausrichtung maßgeblich weiterentwickelt. Von Beginn mit an Bord ist auch die Improvisationsmusikerin Annette Giesriegl. Mit ihrer Arbeit im Styrian Improvisers Orchestra (STIO) und an der Kunstuniversität Graz verbindet sie die Grazer Szene mit der internationalen Improvisationslandschaft. Paydars Zugang zur Improvisation ist eng mit seiner Biografie verbunden. Seine ersten musikalischen Erfahrungen sammelte er in Teheran, später fand er in Graz in der freien Impro-Szene und im STIO eine künstlerische Heimat. „Das Improvisieren ist schon oft lebensrettend. Man schaut, was man mit dem machen kann, was gerade zur Verfügung steht.“

Foto: Mani Froh
Komponieren und Agieren im Jetzt
Improvisation wird oft mit Unvorbereitetheit oder mangelnder Perfektion verbunden. Tatsächlich folgt freie Improvisation einer eigenen künstlerischen Logik. „Improvisation ist eine Sprache, die man lernen kann“, sagt Paydar. Die Kunst der Improvisation lebt vom Zuhören, vom Reagieren und vom Dialog. „Wenn du improvisierst, komponierst du im Moment. Der Weg ist es – und dieses Tun ohne Angst.“ Man kann den anderen einen harmonischen Boden bereiten, bewusst Kontraste setzen oder eigene Impulse einbringen – entscheidend ist das Zusammenspiel. „Es geht nicht darum, dass der Lauteste bis zum Ende spielt“, betont der Musiker. Gerade deshalb fordert freie Improvisation auch erfahrene Künstlerinnen und Künstler heraus. Es geht nicht darum, zu gefallen oder „sauber“ zu spielen, sondern um Dialog, Verstehen und die gemeinsame Energie im Moment. Wer jahrelang gelernt hat, wie ein Instrument oder eine Bewegung „richtig“ gespielt oder ausgeführt wird, muss zunächst den Mut finden, Gewohntes loszulassen, so Jasmin Haselsteiner-Scharner. Dieser Schritt kann für professionell Ausgebildete oft schwieriger sein als für Menschen ohne künstlerischen Hintergrund. Improvisation bedeute nicht weniger Können, sondern die Bereitschaft, Bekanntes und Gewohntes für einen Moment hinter sich zu lassen.

Foto: Sofija Palurovic
GIF it away: Blind-Date-Konzerte und Playfight
Der künstlerischen Leitung ist es wichtig, dass das GIF als Festival für experimentelle Musik zugleich niemanden ausschließt, auf allen Ebenen barrierefrei bleibt und sich niemandem verschließt, wie das bei Nischenprogrammen manchmal vorkommen kann. Manche Konzerte fordern heraus, manche Performances verlassen bewusst vertraute Hör-, Seh- und Rezeptionsgewohnheiten. „Alle sollen sich angesprochen fühlen“, so Jasmin Haselsteiner-Scharner, die an der Ortweinschule Kunstgeschichte unterrichtet. Vorkenntnisse für die offenen Formate brauche es nicht, ebenso wenig die Verpflichtung, selbst aktiv zu werden. Oft beginne Teilhabe ja bereits mit aufmerksamem Zuhören. Dieses Verständnis prägt auch die Ga-therings, die zum Herzstück des Festivals geworden sind. Wer möchte, kann sich einbringen, wer lieber beobachtet, bleibt in der passiven Rolle. Unter dem Motto „GIF it away“ wächst das Festival heuer über seine Homebase hinaus, um andere Communitys und die Nachbarschaft einzubeziehen. Fixpunkt des Festivals ist die Zusammenarbeit mit der Malwerkstatt von Jugend am Werk Steiermark, die zum Festival eine Ausstellung beisteuert. „Die Künstlerinnen und Künstler von Jugend am Werk sind Menschen mit besonderen Bedürfnissen, die auch sehr viel improvisieren müssen in ihrer Kunst“, betont Haselsteiner-Scharner. Neben dem Schaumbad werden erstmals auch das Zirkuszentrum Akrosphäre im Taggerwerk, das Café Stockwerk sowie das Forum Stadtpark in der Innenstadt bespielt. Zu den Höhepunkten des Programms zählen Blind-Date-Konzerte, bei denen international renommierte Musikerinnen und Musiker erstmals gemeinsam auf der Bühne stehen. Mit dabei sind in der heurigen Festivalausgabe unter anderem Bintag Manira Manik, die das Festival mit einer Performance auf der Flößerei und einem Soundwalk eröffnet, sowie Steve Beresford, der gemeinsam mit dem STIO konzertiert. Workshops mit dem Vienna Soundpainting Collective, DJ Sniff oder Oszilot bieten ebenso Zugänge zur freien Improvisation wie der Playfight im Schaumbad, die Konsens vor das Gewinnen stellen. Ergänzt wird das Programm durch die Artist-in-Residence Andrea Fajgerné Dudás, internationale Vorträge sowie den traditionellen Art-Brunch, der auftretende Künstlerinnen und Künstler und Publikum bei Gesprächen und einem gemeinsamen Frühstück zusammenbringt. Kann man da die eigene Oma auch mitbringen? „Natürlich“, lacht Keyvan Paydar. „Voriges Jahr war meine Tante da. Sie ist über 60 und hat beim Festival Zither gespielt!“

Foto: Peter Gratz
Grazer Impro Fest 2026 Die Highlights
Mi, 26.8.26 | Flößerei & Akrosphäre
Eröffnung mit der Berliner Klangkünstlerin Sabine Vogel auf der Mur, anschließend Soundwalk (Bintag Manira Manik) und Konzert des Coincidence Ensemble. Im Anschluss Gathering
Do, 27.8.26 | Schaumbad
Lecture von Annette Giesriegl, DIY-Workshop mit Stefan Tiefengraber, Playfight und offenes Gathering
Fr, 28.8.26 | Schaumbad
Ausstellung der Malwerkstatt Jugend am Werk, Blind-Date-Konzerte mit internationalen Improvisationsmusikerinnen & Musikern und Open-Air Blind-Date-Konzerte. Online Lecture mit Diego Kohn vor der Ausstellung
Sa, 29.8.26 | Schaumbad
Workshop mit DJ Sniff, Konzert des Styrian Improvisers Orchestra (STIO) unter der Leitung von Steve Beresford sowie audiovisuelle Performance
So, 30.8.26 | Schaumbad
Art Brunch, Artist Talk, Workshop und Performance mit dem Vienna Soundpainting Collective
Mo, 31.8.26 | Café Stockwerk
Impro-Speed-Dating, Joseph Böhms Radieschen-Klangperformance, Konzert mit Susanna Gartmayer und Elisabeth Harnik, anschließend offene Impro-Session
Di, 1.9.26 | Forum Stadtpark
Festivalabschluss mit der interaktiven Klanginstallation und Live-Performance des Schweizer Duos Oszilot.
Grazer Impro Fest (GIF)
26. August bis 1. September 2026
Tickets (ohne Workshops): Festivalpass: 50 Euro. Tageseintritt (Preisempfehlung): 9 Euro. Soli-Ticket 35 Euro & 7 Euro; Gatherings und Veranstaltungen sind frei zugänglich. Interviews und Live-Übertragung von Konzerten und Gatherings auf Radio Helsinki. Spielorte: Schaumbad (Puchstraße 41), Akrosphäre (Puchstraße 17), Café Stockwerk (Jakominiplatz 18), Forum Stadtpark (Stadtpark 1), Flößerei (Floßlände am Stadtstrand, Andersengasse 59), Anmeldung und Preise für Workshops auf













