Start Interviews steirischer herbst 2020: „Wir stellen Fragen in alle Richtungen“

steirischer herbst 2020: „Wir stellen Fragen in alle Richtungen“

Intendantin Ekaterina Degot Foto: Marija Kanizaj

Das Festival wird sich in diesem Jahr auf eine experimentelle Art und Weise neu interpretieren, erfindet sich dabei als Medienkonzern und bespielt einen Fernsehkanal mit dem Titel „Paranoia TV“. „Achtzig“ sprach mit Intendantin Ekaterina Degot über das aktuelle Programm, Angst in Zeiten der Pandemie und die Notwendigkeit analoger Kunst.

Text: Stefan Zavernik

Im letzten Jahr beschäftigte sich der steirische herbst in „Grand Hotel Abyss“ mit dem Tanz unserer Gesellschaft am Abgrund. Dass ein solcher Abgrund mit dem Virus nur wenige Monate nach dem Festival Realität wird, hatte dabei niemand auf der Rechnung – hat der herbst hellseherische Qualitäten?

So weit würde ich vielleicht nicht gehen, aber dennoch zeigt es, dass das Festival sehr unmittelbar und sehr lebensnah agiert, und Themen aufgreift – wie das gute Kunst meiner Meinung nach immer tun sollte –, die jeden Menschen in Österreich, Europa und darüber hinaus betreffen. Das war eine meiner Prioritäten, als ich die Intendanz übernommen habe, und so ist es noch immer.

Welche Rolle kommt der Kunst in solch unsicheren Zeiten zu?

Wie wir sehen, eine sehr zentrale. Es war für mich selbst sehr schön – um nicht zu sagen auch ein wenig verwunderlich – zu sehen, wie stark die Menschen auch in einer solchen Zeit an Kunst interessiert sind, jedoch auf eine etwas andere Weise: vor allem an klassischer Kunst, Literatur und Oper. Die Menschen waren aber auch motiviert, Kunst selbst zu produzieren! Viele haben beispielsweise klassische Kunstwerke interpretiert, oftmals auch auf sehr interessante Weise, und damit etwas Neues geschaffen. Somit sehen wir, dass Kunst auch in derartigen Krisenzeiten sehr zentral ist.

War Ihnen sofort nach dem Lockdown klar, dass das ursprüngliche Programm für den steirischen herbst 2020 nicht so wie geplant stattfinden kann?

Ja, das war uns allen sehr schnell klar – bereits im März –, nicht zuletzt auch aufgrund des damaligen Reiseverbots. Wir haben schnell reagiert: sowohl pragmatisch als auch künstlerisch. Wir wollten nicht nur eine reduzierte Version anbieten, sondern etwas Spezielles für diese spezielle Zeit schaffen.

Paranoia TV lautet der Titel des diesjährigen Festivals. Was steckt dahinter?

Wir haben gezielt nach einem Ausdruck gesucht, der nach einer Metapher klingt, aber zugleich auch ironisch und altmodisch anmutet. Es geht um Ängste, wir sind jetzt angehalten, sehr vorsichtig zu sein. Wir fürchten uns teilweise selbst, aber vielleicht sollten wir weiter in die Zukunft schauen und diese „Normalität“ fürchten, die zurückkommen kann. Es geht um Ängste, sowohl auf sozialer, persönlicher als auch auf politischer Ebene.

Wird Paranoia TV ein Pay-TV-Sender werden?

Nein, alle digitalen Inhalte werden kostenlos sein. Es ist jedoch angedacht, dass man dafür eine freie Spende entrichten kann, aber das obliegt jedem Einzelnen.

Die Menschen sehnen sich nach der „Normalität“, die wir vor der Zeit des Virus kannten. Wie „normal“ war Ihrer Meinung nach das Leben vor der Corona-­Krise?

Diese Frage stelle ich mir oft! Jetzt sehnen sich alle nach der Normalität, aber diese Normalität hat schon die Keime des Problems beinhaltet. Denn viele Probleme gab es auch schon vorher, wie Fremdenhass oder die Angst vor Fremden generell. Doch jetzt scheinen diese Gefühle und Ängste durch Corona plötzlich legitimiert. Deswegen möchte ich diesen Begriff der „Normalität“ auch hinterfragen. Generell sollten Menschen die Chance nutzen, nach oder auch schon während Corona ihre Ansichten zu verändern.

Wird das Festival in den digitalen Raum wandern?

Nicht zur Gänze. Das Wichtigste für uns ist dieses fiktive Element: dass es sich heuer nicht um ein typisches Festival handelt, sondern eher um einen TV-Konzern. Demnach gibt es auch Auslagerungen in den digitalen Raum, aber nicht im Sinne einer Dokumentation von Events, die schon stattgefunden haben oder stattfinden werden, sondern es werden Arbeiten zu sehen sein, die speziell für diesen Raum produziert wurden. Darüber waren sich die Kunstschaffenden bereits im Vorhinein im Klaren.

Was wird die zentrale Frage des Festivals sein?

Wir stellen uns dieses Jahr nicht nur eine Frage, das wäre unangemessen, sondern wir stellen Fragen in alle Richtungen. Eine Frage wird sein, was kommen wird und wie wir diese Erfahrungen auch für uns nutzen können. Was konkret die Kunst betrifft, haben viele Künstler und Künstlerinnen gemerkt, dass sie nun zu Hause produzieren müssen, was die meisten aber auch sehr positiv empfunden haben. Viele Künstlerkarrieren fangen so an, dass sie zuerst zu Hause im kleinen Rahmen Kunst schaffen. Das habe auch ich in den 80ern und 90ern in Moskau so erfahren. Es gab kein Atelier, keine Institutionen oder Museen und das war für viele Künstler und Künstlerinnen auch positiv und inspirierend. Eine andere Frage, die wir uns mit diesem Festival stellen, ist daher auch, wie Kunst zu den Menschen kommen kann. Das ist natürlich auch das große Museum, aber wir erforschen gerade Wege, der „direkten Zustellung“.

Es gestaltet sich schwierig bis unmöglich, internationale Kunstwerke nach Graz zu bringen und auch internationale Künstler einzuladen. Geht der steirische herbst aufgrund der Corona-Situation in diesem Jahr noch mehr Kooperationen und Zusammenarbeiten mit der lokalen Szene hier in Graz ein?

Wir haben zwar sehr viele und gute Kooperationen mit heimischen Künstlern und Künstlerinnen, verstehen uns aber nach wie vor als ein internationales Festival. Wir planen, zumindest einige Künstler und Künstlerinnen aus Europa nach Graz zu bringen. So hoffen wir auf eine Performance mit einem slowenischen Regisseur und auch auf eine mit einer deutschen Choreografin, sodass wir auch ein internationales Programm bieten ­können. Außerdem bringen wir viele Werke internationaler Künstlerinnen und Künstler durch das Online-Programm zu den Zuschauern. Es wäre eine verspielte Chance, diese Möglichkeit nicht zu nutzen, denn das Internet ist das Medium, welches wir alle nützen und mit dem wir uns täglich beschäftigen. Keinesfalls soll jedoch der snobistische Eindruck entstehen, dass gewisse Werke nicht so gut sind und deshalb „nur“ online präsentiert werden. Das ist überhaupt nicht der Fall; ganz im Gegenteil: Ich finde es sehr interessant, wenn Künstler und Künstlerinnen speziell Werke für diesen medialen Raum schaffen. Wir freuen uns aber auch sehr auf die verstärkte Kooperation mit der lokalen Szene: Zum einen mit dem Literaturhaus, hier haben wir eine neue Zusammenarbeit angefangen, die auf die lange literarische Tradition im steirischen herbst Bezug nimmt: ein Literaturfestival, drei Jahre in Folge, als Festival im Festival, ähnlich wie beim musikprotokoll. Mit dem Forum Stadtpark wird es eine internationale Konferenz zum Thema Utopie geben, bei der auch sehr prominente Sprecher wie Silvia Frederici eingeladen sind. Auch mit David Gräber ist ein Projekt im Rahmen dieser Konferenz geplant. Des Weiteren kooperieren wir dieses Jahr noch mit der Grazer Oper.

Denken Sie, dass es in Zukunft keine analoge Kunst mehr braucht?

Man wird immer analoge Kunst brauchen. Viele Künstler sagen, dass rein digitale Kunst keinen Sinn mache, etwa bei Kunstmessen. So ist es meiner Ansicht nach nicht sinnvoll, ein Kunstwerk digital zu kaufen. Gerade bei Einzelwerken der Malerei etwa spielen das Visuelle und das Taktile eine große Rolle. Deshalb kann ich mir auch nicht vorstellen, etwas Derartiges zu kaufen, wenn ich es nicht analog zumindest einmal gesehen habe. Man kann aber sehr vieles digital kuratieren, damit neue Formate entstehen können. Deshalb möchte ich mich auch nicht strikt gegen digitale Kunst aussprechen, es kommt immer auf den Kontext und die Intention an.

Gerade auch die Eröffnung ist für das Publikum des steirischen herbsts immer etwas Besonderes und im Rahmen dessen auch die Herbstbar. Wird es beides auch heuer wieder analog geben?

Die Eröffnung wird es auf alle Fälle wie gewohnt geben. Ich würde meine Rede auch sehr gerne wieder im öffentlichen Raum halten, gerade auch, um eine gewisse Stimmung zu erzeugen. Es wird außerdem ein sehr zentral gelegenes Besucher*innenzentrum von Paranoia TV in der Herrengasse geben, in dem man sich über das Programm informieren kann, doch alles, was die Gastronomie betrifft, werden wir kurzfristig je nach Situation im September entscheiden müssen.       

steirischer herbst 2020: Paranoia TV

24.9.–18.10.2020

www.steirischerherbst.at