Start Featureshome „Irgendetwas stimmt nicht“

„Irgendetwas stimmt nicht“

Ekaterina Degot Foto: Daniel Kindler

Warnsignale unserer Zeit, Wrestling und künstlerische Freiheit: Intendantin Ekaterina Degot über die Ideen hinter dem steirischen herbst ’26 und die Kraft unbequemer Kunst.

Frau Degot, der steirische herbst steht heuer unter dem Motto „Red Flags“. Der Begriff stammt ursprünglich aus der Dating-Kultur und beschreibt Warnsignale in zwischenmenschlichen Beziehungen. Warum eignet er sich Ihrer Meinung nach als Leitmotiv für ein Kunstfestival?

Der steirische herbst sucht immer Symptome unserer Zeit und verleiht ihnen Ausdruck. Dieses Red-Flag-Gefühl kennt jeder: Irgendetwas stimmt nicht, zum Beispiel in einer romantischen Beziehung oder bei einem Politiker, der zur Wahl steht, aber man kann es nicht genau benennen. Aus Unsicherheit kommt dann der Impuls, sich zurückzuziehen. Aber wir müssen uns diesen „Red Flags“ stellen und entscheiden, was wir akzeptieren und was nicht.

Die Eröffnung verspricht wieder spektakuläre Bilder – ein Wrestlingkampf als Sinnbild gesellschaftlicher Konflikte, dazu Tanz, Musik und Performance. Welche Gedanken sollen Besucherinnen und Besucher vom ersten Festivalabend mit nach Hause nehmen?

Wir wollen, dass sie inspiriert sind und mit einem Lächeln nach Hause gehen, wie das immer sein sollte, wenn man mit großartiger Kunst in Berührung kommt. Sie erlaubt uns, zu wachsen und uns zu verändern – und aus der Vogelperspektive auf unser Leben zu blicken.

Der steirische herbst gilt seit Jahrzehnten als eines der politischsten Kunstfestivals Europas. Wie schafft man den Spagat zwischen einer klaren gesellschaftlichen Haltung und der Offenheit, unterschiedliche Sichtweisen zuzulassen?

Da sehe ich keinen Widerspruch. Eine klare Haltung zu haben heißt nicht, dass man einer Parteilinie folgt. In einer wirklich demokratischen Gesellschaft gibt es einen Wettstreit der Meinungen. So sehe ich auch die Aufgabe eines Festivals: als eine Arena der freien Meinungsäußerung und der echten künstlerischen Freiheit.

Im Programm finden sich internationale Positionen ebenso wie zahlreiche Künstlerinnen und Künstler aus der Steiermark. Warum ist Ihnen dieser Dia­log zwischen regionaler und internationaler Kunst so wichtig?

Ich glaube, so etwas wie regionale Kunst gibt es gar nicht. Jeder Künstler, jede Künstlerin ist international. Wir helfen denen, die in Graz und der Steiermark arbeiten, größere Wirkungsfelder für ihre Karrieren zu finden, indem wir sie im Kontext anderer Künstlerinnen und Künstler präsentieren, auch in unseren internationalen Veröffentlichungen wie den Katalogen.

Der steirische herbst polarisiert seit jeher. Gerade weil das Festival öffentliche Fördermittel erhält, wird immer wieder gefragt, warum ein Kunstfestival auch provozieren darf oder sogar soll. Wie antworten Sie auf diese Kritik?

Es ist die Aufgabe eines Kunstfestivals, kritisch oder satirisch zu sein und zu provozieren. Wenn öffentlich geförderte Kunst kritische Positionen ausschließen soll, frage ich mich, ob ich noch in der Sowjetunion lebe.

Viele Menschen verbinden den steirischen herbst noch immer mit anspruchsvoller oder schwer zugänglicher Kunst. Was würden Sie jemandem sagen, der das Festival bisher gemieden hat? Mit welchem Programmpunkt sollte man heuer beginnen?

Zeitgenössische Kultur funktioniert auf vielen Ebenen. Man muss nicht bereits alle Referenzen kennen, um einzusteigen. Aber man muss offen sein für das Ungewöhnliche und mitunter Unbequeme. Fragen Sie sich: Wie fühle ich mich vor diesem Werk? Was lerne ich daraus? Lacht die Künstlerin oder der Künstler vielleicht über mich? Dann lachen Sie mit!

Seit 1968 prägt der steirische herbst das kulturelle Profil der Steiermark. Welche Bedeutung hat das Festival heute für das Kulturland Steiermark – gerade auch in Zeiten, in denen Kulturförderungen zunehmend unter Druck geraten?

Der steirische herbst ist nach wie vor das bedeutendste internationale Kulturereignis der Steiermark und genießt einen makellosen Ruf als höchst originelles, künstlerisch wie politisch engagiertes Festival, das stets einen Schritt voraus ist. Ich vertraue darauf, dass dies unter allen Umständen so bleiben wird.

Wenn die Besucherinnen und Besucher den steirischen herbst ’26 verlassen – welcher Gedanke oder welches Gefühl sollte idealerweise bleiben?

Es war fantastisch! Nächstes Jahr kommen wir wieder.