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Zwischen Stille und Gewalt

Zenita Komad, GOTT IST NICHT NICHTS Foto: Rauchenberger

Die zweite Ausgabe führt das neu aufgestellte Museum für Religion in Kunst der Gegenwart fort und interpretiert es mit temporären Interventionen neu. Die ersten stammen vom Architekten Eilfried Huth, der Grazer Künstlerin Elisabeth Gschiel und dem iranischen Künstler Ali Beheshti.

Im Mehrjahresprojekt der Museumspräsentation des KULTUMUSEUMs in den Zellen des Grazer Minoritenklosters wird am 12. September (in Kooperation mit dem steirischen herbst ’26) die zweite „Gott hat kein Museum“­-Ausstellung eröffnet. Die im ersten Jahr äußerst erfolgreiche Ausgabe wurde über den Sommer umgebaut und präsentiert sich nun in weiten Teilen neu. In zehn Abteilungen spürt Kurator Johannes Rauchenberger einer Bildgeschichte Gottes in der Gegenwart nach: Dessen Codes – in der Schrift, im Gesicht, in der Hand und den Füßen –, die Wege, das Unendliche im Endlichen sichtbar werden zu lassen, die dabei aufgebauten Widersprüche, der (Aber-)Glaube seiner Zeuginnen und Zeugen, das Verhältnis von Religion und Gewalt, die Brücken und Speicher von Wissen und Glauben und schließlich eine Poesie, sich „letzten Dingen“ anzunähern, entfalten sich auf drei Etagen. Im Refettorio, in den Zellen bis hinauf in den in den letzten Wochen weiter ausgebauten Dachboden.

Elisabeth Gschiel, Mosaike aus Stecknadeln, 2023
Foto: Peter Brandstätter

Das „Nichts“: Verneinung und Fülle

Als Hauptsujet für Gott hat kein Museum dient – nach der Granduca Raffaels im „digital painting“ von Dorothee Golz in der ersten Ausgabe – ein erst in diesem Sommer entstandenes Werk von Zenita Komad, welches Gottes übergroße, gelbe Regenjacke zeigt, die dem Bildkörper umgeworfen ist (und der auch das Shirt sein könnte). Genähte Lettern signalisieren: GOTT IST DAS NICHTS. Das „DAS“ hat die Künstlerin mit roter Farbe mit den handgeschriebenen Lettern übermalt. Das Wort verneint das Nichts: „GOTT IST (nicht) NICHTS.“

Unendlichkeit und Unsichtbarkeit

Das Nichts als unendliche Fülle hat in der Religions- und Spiritualitätsgeschichte die Mystik ausgelotet. Ihre Bildlosigkeit ist dafür charakteristisch. Der iranische, in Lyon lebende Künstler Ali Beheshti zeigt in der Ausstellung neu entstandene Grafiken, die geometrische Formen als Schleier deuten, um einen leeren, stillen Raum zu definieren und zu umgeben. Die „99 Namen Gottes“ im Islam projiziert er mittels Mathematik zurück auf geometrische Formen, die 49-mal in der Ausstellung zu sehen sind. Durch diese Bilder wird absolute Schwärze bei ihm zu einer Darstellung des Unendlichen – nicht als endlose Vermehrung von Formen, sondern als unermessliche, heilige Leere, die sich einer Begrenzung durch Form verweigert. Am 15. September ist er mit einem Vortrag über „Unendlichkeit und Unsichtbarkeit“ im KULTUM zu Gast.

Wilfried Gerstel, Der zerschossene Himmel
Foto: Rauchenberger

(Heilige?) Muster

Beheshti vertritt damit ein anderes Konzept als Ornamentalität, das üblicherweise gerade mit dem Islam und seiner in unendlichem Reichtum gestalteter Bildlosigkeit des Unendlichen in Verbindung gebracht wird. Die mit dem Kunstpreis der Stadt Graz ausgezeichnete Künstlerin Elisabeth Gschiel zeigt in demselben Raum derartige Ornamente. Sie sind schön. Aber sie tun weh. An der Vorderseite dieser Mosaik­elemente sind 14.000 zu schönen Ornamenten geformte blau Stecknadeln zu sehen, an der Rückseite geben die Nirosta-Nadelspitzen das Verletzungspotenzial frei. Gerade in Ländern der islamischen Welt sind oft Menschen – vielfach Frauen – von massiven Menschenrechtsverletzungen betroffen. Gschiel begann die Arbeit anlässlich der Protestbewegung im Iran seit Herbst 2022, die blutig niedergeschlagen wurde.

Religion & Gewalt

Dass Religion mit Gewalt einhergehen kann, ist ein Fakt: Das ist der Ausgangspunkt eines Gesprächs mit der bekannten früheren Alttestamentlerin an der Uni in Graz, Univ.-Prof. Irmtraud Fischer, als Auftakt zur „Langen Nacht der Museen“ am 3. Oktober mit Kurator Johannes Rauchenberger. Doch wie damit umgehen? Das Gespräch findet anlässlich des im steirischen herbst erstmals ausgestellten Zyklus zum Alten Testament des renommierten Grazer Architekten Eilfried Huth im Refettorio statt. TOHUWABOHU – Chaos lautet der Bilderzyklus, der 2007 entstanden ist und genau diesen Aspekt bearbeitet. Huth akzentuiert damit eine der zehn Abteilungen der Schau. Ein anderer Kommentar stammt vom Bildhauer Wilfried Gerstel, dessen schwarze Tonfliesen (die wie Sterne funkeln) das Vater Unser und die erste Sure des Koran freigeben. Sein Titel: Der zerschossene Himmel. Eindrucksvoller ist der Widerspruch von Religion und Gewalt kaum darstellbar.        

Werke aus dem Bilderzyklus TOHUWABOHU – Chaos von Eilfried Huth
Foto: Rauchenberger

Sa, 12. September, 11 Uhr:
Ausstellungseröffnung „Gott hat kein Museum #02. Aspekte von Religion in Kunst der Gegenwart“ mit Sonderausstellung „Tohuwabohu: Bilderzyklus zum Alten Testament“ von Eilfried Huth und Sammlungsinterventionen von Elisabeth Gschiel – in Kooperation mit steirischer herbst ’26

Di, 15. September, 18.30 Uhr:
Ausstellungseröffnung und Vortrag Ali ­Beheshti: Unendlichkeit und Unsichtbarkeit: Eine Architektur des Bātin (in Kooperation mit dem Fachbereich Fundamentaltheologie der Uni Graz)

Sa, 3. Oktober, 10 Uhr:
„Stille & Gewalt“ – Kuratoren- und Künstlerinnengespräch mit Elisabeth Gschiel und Johannes Rauchenberger im Rahmen des Galerientags von steirischer herbst ’26

Sa, 3. Oktober, 18 Uhr:
„Religion & Gewalt“ im Rahmen der Langen Nacht der Museen: Univ.-Prof. Irmtraud ­Fischer im Gespräch mit Johannes Rauchenberger

www.kultum.at/gott-hat-kein-museum