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„Es wird mehr geschrieben denn je!“

Andreas Unterweger Foto: Niki Lackner

Der steirische Autor und Herausgeber Andreas Unterweger schreibt gerade an seinem neuen Buch. Wir sprachen mit ihm über utopische Sehnsüchte und die Literaturzeitschrift manuskripte.

Konstante Abo-Zahlen legen nahe, dass die Druckversion eures Magazins nichts an Anziehungskraft eingebüßt hat. Wie lässt sich diese Entwicklung in Zeiten erklären, in denen neben all den wirtschaftlichen Widrigkeiten angeblich auch immer weniger gelesen wird?

In unserer Gegenwart reicht es nicht mehr aus, die neue Ausgabe viermal im Jahr an Buchhandlungen zu liefern und zu warten, bis interessierte Leserinnen und Leser zugreifen. Zwar ist die klassische Printausgabe weiterhin unser Kernprodukt, aber in den letzten Jahren haben mein Team und ich die manuskripte in eine multimediale Vermittlungsplattform für Literatur verwandelt, die im öffentlichen Diskurs präsent ist und aktiv auf die Menschen zugeht. Ob nun mit Lesungen im öffentlichen Raum oder mit einem Ex-Kondomautomaten, der Liebesgedichte ausgibt – am wichtigsten ist uns als gemeinnütziger Verein, dass die Literatur die Menschen erreicht. Eine (Literatur-)Zeitschrift herauszugeben bedeutet nicht zuletzt eine demokratiepolitische Verantwortung. Wer liest, ist empathischer, weniger leicht zu beeinflussen und sieht hinter die Fassaden, etwa von Wahlplakaten. Konstante Abo-Zahlen sind ein positiver Nebeneffekt des Strebens nach höheren Zielen.

Die manuskripte waren die erste Literaturzeitschrift in Österreich, die auch als E-Paper erscheint. Wie wird dieses Angebot angenommen? Und warum habt ihr euch 2021 dazu entschlossen, diesen Schritt zu gehen?

Auch das E-Paper war ein Schritt auf die Menschen – und ihre veränderten Lesegewohnheiten – zu. Tatsächlich wächst die Anzahl der E-Abos seither rasant, vor allem, wenn man es prozentual ausdrückt. Donald Trump würde mit den Nullen nur so um sich schmeißen. Jedenfalls verursacht das E-Paper keine Lagerplatzprobleme und hat sich wegen der wegfallenden Portokosten für weit entfernt lebende Lesende bewährt. In den kraft Trumps Zollpolitik zurzeit von der postalischen Welt abgeschnittenen USA etwa ist es zurzeit die einzige Möglichkeit, die manuskripte zu bestellen. Dennoch bleibt die Printausgabe das mit Abstand beliebteste Produkt unserer Palette.

Wie viele Text-Einsendungen pro Ausgabe erhaltet ihr, wie viele davon werden abgedruckt?

Es mögen weniger Bücher gelesen werden, aber wenn man sich nach der Anzahl der unverlangt eingesandten Texte richtet, so wird mehr geschrieben denn je. Wir erhalten mehr als tausend unverlangt eingeschickte Manuskripte pro Jahr, können aber nur eine Handvoll davon drucken.

Die kommende Ausgabe erscheint am 11. Juni – welche Texte werden zu lesen sein?

Highlights sind sicherlich neue Gedichte der rotahorn-Preisträgerin Carolin Callies und ein Schwerpunkt zu jungen belarussischen Autorinnen, den manuskripte-Preisträgerin Volha Hapeyeva für uns kuratiert hat. Die Grazer Stadtschreiberin Slata Roschal war als Filmrezensentin tätig und hat sich Jane Austen und das Chaos in meinem Leben, einen Film über ein Aufenthaltsstipendium, angesehen. Sie wird bei der Präsentation im Forum Stadtpark lesen und mit u. a. Julia Knaß und Lidija Krienzer-Radojevic über „Strukturen der Einsamkeit im Literaturbetrieb“ diskutieren.

Du selbst bist neben deiner Funktion als Herausgeber der manuskripte als Autor tätig. Aktuell arbeitest du an einem Buch über die Landschaft zwischen Graz und Leibnitz – was fasziniert dich an diesem Thema und warum wird das Buch von einem Verlag in Deutschland verlegt werden?

Ja, ich bin weiterhin Schriftsteller – die manuskripte machen mit (in der Regel nicht ausreichenden) 25 Stunden sogar den kleineren Teil meiner Arbeitszeit aus. Mein nächstes Buch handelt von dem Mischland zwischen Vorstadt und Land, Industrie und fast unberührter Natur, das wir alle nur zu gut kennen und für das es trotzdem keinen allgemein gültigen Namen gibt. Dabei wohnen 51 % der Weltbevölkerung in solchen Gegenden! Das Buch spricht von der utopischen Sehnsucht, die mit der Auflösung der Städte einhergeht, macht aber auch auf den von Gier gesteuerten Raubbau an Boden und Natur aufmerksam, der in den Umlandgemeinden grassiert. Es erscheint in der Reihe Essays on Nature and European Landscapes des deutschen Verlags KJM (Klaas Jarchow Media). Am 21. und 22. Oktober findet übrigens im Kultum das erste Grazer Nature Writing Festival statt, kuratiert von KJM und manuskripte. Es ist geplant, dass ich dann erstmals aus dem Buch lese.

Im Herbst wirst du das von den manuskripten für den steirischen herbst 2025 produzierte Projekt „Die Exhumierung Hödlmosers“ im Rahmen von Theaterland Steiermark erneut umsetzen. Was wird das Publikum zu sehen bekommen? Entsteht ein Theaterstück?

Letztes Jahr haben die manuskripte die Figur des Hödlmosers exhumiert – der entstandene Kurzfilm ist auf unserer YouTube-Seite zu sehen. Hödlmoser sollte die vielfältigen Arten der Spaltung in der steirischen Gesellschaft, etwa die künstlich herbeigeführte zwischen Volkskultur und sogenannter Hochkultur, überwinden. Wie nicht anders zu erwarten, ist es ihm dabei schlecht ergangen, er wurde bei den Josefitagen wegen angeblicher „Verhöhnung der Volkskultur“ festgesetzt und wird nun in einem Zoogehege auf dem Stainzer Hauptplatz ausgestellt. Man darf ihn füttern, aber nicht streicheln. Der renommierte Schauspieler Wolfgang Lampl/Jimi Lend wird in diesem szenischen Sequel wieder Hödlmoser verkörpern, dazu kommen Auftritte von Fiston Mwanza Mujila, Literaturexpertinnen und -experten sowie Reinhard P. Gruber höchstpersönlich. Zu sehen am 11. und 12.9. im Rahmen von Theaterland Steiermark am Hauptplatz von Stainz.

Jimi Lend als Hödlmoser
Foto: Andreas Unterweger

Die manuskripte werden bei der diesjährigen Ausgabe des steirischen herbst ein Projekt für das Rahmenprogramm des Festivals umsetzen. Es geht um Reliquien von Autorinnen und Autoren – welche Idee verfolgt ihr damit?

Die Ausstellung Pars pro Toto wird in unserer Redaktion stattfinden. Zu sehen sind 4 „Reliquien“ lebender Autorinnen und Autoren: Ulrike Draesner, Valerie Fritsch, Fiston Mwanza Mujila und Josef Winkler. Die Echtheit wird durch „Authentiken“ ebenso bekannter Literaturwissenschaftler beglaubigt und von Texten der sich selbst zum Teil Ausstellenden begleitet. Ich bin schon gespannt, was wir erhalten werden: Glasaugen, Herzklappen oder doch Bleistifte? Mit dem Projekt wird nicht nur die Sensationslust des Literaturpublikums total befriedigt, sondern die Schreibenden gewinnen auch die Deutungshoheit über ihr Werk und ihr Leben zurück. Eröffnung ist am 25.9. um 10 Uhr.