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Kulturregionen im Portrait: Alte Liebe rostet nicht

Skulptur von Gerhard Raab

Die Erde. Vom Weltall aus gesehen ein kleiner Punkt. Vom Weltraum aus betrachtet das scheibenförmige Abbild eines Lebensraumes. Aus der Nähe wahrgenommen ein Kulturraum mit gewinnendem Wesen und reichem Erbe. Oder: Haben Sie sich schon einmal gefragt, was Sie mit Rudolf Staininger, Gerhild Illmaier, Wolfgang Slamnig oder Edwin Weigand gemeinsam haben?

Text: Barbara Jernej

Der folgende Text ist im Rahmen einer Reise entlang der steirischen Eisenstraße entstanden. Einer Reise an Orte, an denen sich die Herausforderungen und Chancen des poetischen Ringens von Leben und Tod, Ökonomie und Ökumene und Tradition und Zukunft in hochkonzentrierter Form abzeichnen. Während die Wirtschaft seit Jahrzehnten floriert, scheint das gesellschaftliche Leben zu stagnieren. Oder ist es umgekehrt? Lässt sich anhand der kulturellen Initiativen und dem unermüdlichen Einsatz der Bevölkerung am Ende sogar ein Wandel von der Industriegesellschaft zur Kulturgesellschaft erleben?

Graz (GRZ) – Eisenerz

„Löbliche Gemeindevertretung Eisenerz. Der ergebenst Gefertigte beabsichtigt auf dem ihm eigentümlichen Grunde an Stelle des bestandenen Eiskellers laut beiliegenden Plänen die Erbauung eines Saales zur Abhaltung von Festlichkeiten, etztr. und ersucht eine löbl. Bau-Section um Vornahme der Bau-Komision und die diesbezügliche Baubewilligung.“ Mit diesem Anliegen richtete sich der Eisenerzer Unternehmer Rudolf Staininger am 29. April 1905 an die zuständigen Organe der städtischen Bauaufsicht und legte damit den Grundstein für die Entstehung des „Alten Tanzsaals“. Nach den ersten Jahren bunter Blüte wurde aus dem vielbespielten Kulturzentrum ein Kino, um schließlich als Schauraum einer ortsansässigen Möbelfirma in den Hintergrund des öffentlichen Veranstaltungswesens zu treten. Bis zu dem Tag, an dem sich Gerhild Illmaier, Urenkelin von Rudolf Staininger, seiner kulturellen Wiederbelebung annahm. Zum Spielort für ihre Kulturinitiative eisenerZ*ART erhoben, begann sie den Staub von der kollektiven Erinnerungsstätte zu klopfen und dem vielgedienten Ort kurzzeitig zu neuem Glanz zu verhelfen. Doch das Mahlwerk der Zeit hatte Spuren auf dem Buckel des kleinen Riesen hinterlassen und so kam es, dass nach über hundert Jahren Bestandszeit aus dem Bauherrn eine Bauherrin wurde, die sich nun um die Renovierung des geschichtsträchtigen Stückes bemüht. Ein konkretes Datum für die Wiedereröffnung gibt es noch nicht.

www.eisenerz-art.at

Eisenerz – Präbichl

Was das Universum mit Eisenerz zu tun hat, werden sich einige von Ihnen vielleicht gefragt haben? Und ohne Zweifel haben die einleitenden Worte dieses Textes den Bogen weit gespannt. Wem bekannt ist, dass die Steiermark als Forschungs- und Entwicklungsstandort für Weltraumforschung weltweit bekannt und geschätzt ist, dem dürfte auch die wirtschaftliche Bedeutung der Region im internationalen Metall- und Stahlhandel bewusst sein. Ob der inhaltliche Sprung zur Geschichte des „Einser-Polster-Sessellifts“ am Präbichl dadurch leichter nachvollziehbar wird, liegt im Ermessen der Leserschaft. Das nostalgische Prunkstück moderner Liftbaukunst soll vor allem deshalb Erwähnung finden, weil es Naturbegeisterten seit Jahrzehnten die Möglichkeit bietet, in einem nahezu schwerelosen Zustand den Gipfel des Präbichls zu erreichen. Jenen Berg, der einst die wirtschaftliche Trennlinie zwischen Eisenerz und Vordernberg markierte und dessen Lift damit ein verbindendes Symbol der beiden Orte darstellt. Dank hingebungsvoller Proteste der Bevölkerung und einem eindrucksvollen Crowdfunding-Projekt konnte die geplante Schließung des Lifts verhindert und seine Renovierung finanziert werden. Im Spätherbst soll der Betrieb wieder anlaufen.

www.polsterliftneu.at

Präbichl – Vordernberg

„Anno 1682 Johr, dem 24 Jenuory, is ein solliche große vnd grousambe Shne län gewößen, doiß gleihen Nie Moll in Vattermbeg geschen is wortt, […]“, gibt der persönliche Versuch einer Transliteration aus dem „Hausbuch der Stampferin“ Preis. Das Textzeugnis aus dem 17. Jahrhundert ist unter der Feder von Maria Elisabeth Stampfer entstanden und vermittelt mitunter Eindrücke der Vordernberger Lebens- und Arbeitswelt jener Zeit. Das Original kann im steiermärkischen Landesarchiv unter folgender Signatur gehoben werden: StLA, Handschriftensammlung Hamerlinggasse, Hs. 1223 (Maria Elisabeth Stampfer). Von seltenem Wert scheint der Besuch in dem kleinen Ort am Fuße des Erzbergs aber auch in Hinblick auf zahlreiche weitere Aspekte der Geschlechtergerechtigkeit. Ging es dort für Männer wie Frauen doch seit jeher heiß her an den Herden. Während die Damen dem Schöpfen meist am privaten Herd frönten, schichteten und schachtelten die Männer an den Hochöfen Kohle über Erze, um Eisen zu gewinnen. Und war der Mann einmal krank, durften die Frauen gleich an beiden Öfen kochen. Wie so ein Hochofen genau funktioniert hat, was unter dem Begriff Radwerk zu verstehen ist und was die Klauberinnen als ihre Aufgabe verstanden haben, sind nur funkenhafte Anklänge jenes Wissensschatzes, der im Radwerk IV in Vordernberg entdeckt werden kann. Das seit dem 16. Jahrhundert bestehende Gebäude war über Jahrhunderte Bezugspunkt vieler Veränderungen im wirtschaftlichen, technischen und gesellschaftlichen Leben der Region. So wundert es nicht, dass das bis 1911 im Dienst stehende Werk 1928 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Doch sollte es noch bis Ende der 1950er-Jahre dauern, bis es zu jenem Meisterstück wurde, das es noch heute ist: ein Museum, in dem sich das Interesse und das Wissen von Generationen spiegelt. Ein Wissen, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einem Bild verschmelzen. Einem Eisenschwamm etwa, der nur darauf wartet, gebrochen und miteinander geteilt zu werden.

www.radwerk-vordernberg.at

Vordernberg– Trofaiach

„Gabi und Magnus liegen wieder am Hochstand und schauen durch die Ritzen raus. Die Sonne strahlt die felsigen Berge an und Lebensfreude verbreitet sich über das ganze Tal. Am wolkenlosen Himmel ist der Kondensstreifen eines Flugzeugs zu sehen.“ (EIBL-ERZBERG, Stephan: SOFORT VERHAFTEN! Wien: Lehner 2008. (= Edition Milo. Hrsg. v. Helmuth A. Niederle. 15.), S. 99. (Achtung: Vergriffen!)

Barbara und Wolfgang stehen vor dem Friedhof und schauen über die Mauer in den Garten. Wolken bedecken den Himmel und ihr Blick schweift über die feinpolierten, sauber gesetzten Grabsteine. Man hört einen Schlüssel klirren und langsam beginnt sich eine Pforte zu öffnen. Was ist geschehen? Im ehemaligen Umspannwerk OST in Trofaiach erinnern heute nur noch dicke Plastikknüppel an metallgeschirrverhangenen Transformatoren an die einstige Nutzung als Elektrizitätswerk. Heute dient das liebevoll renovierte Gebäude als Veranstaltungsort, Ausstellungsfläche, Depot des Stadtmuseums und Büro des Museumsleiters. Klein, aber mit jeder Menge Raffinessen versehen: Da lohnt es sich, das Veranstaltungsprogramm im Auge zu behalten. Nicht weniger aufregend als im Museumsdepot geht es im Stadtmuseum zu. Neben einer traditionellen Kleiderausstellung, die Jungdesignern eine gehörige Tracht Inspiration bescheren dürfte, gibt es eine interessante Auswahl an pharmazeutischen und medizingeschichtlichen Artefakten zu entdecken. Wem der Spannungspegel noch nicht hoch genug ist, dem hilft vielleicht die Leich’ übern Berg. Oder um nicht pietätlos zu schließen: Sogar ein echtes Skelett lässt sich im Stadtmuseum bestaunen.

www.trofaiach.gv.at

Trofaiach – Graz (GRZ)

„Metakognitionen umfassen zum einen das Wissen und zum anderen auch die Kontrolle (Überwachung und Selbstregulierung) über die eigenen Kognitionen.“ (Wikipedia, SW: Metakognition [24.5.2019]) Würde man das Denken nicht mehr vom Handeln unterscheiden können, hätte mein Auto mich an jenem Nachmittag wahrscheinlich im Schlaf nach Hause gefahren. Oder: Ich könnte das nächste Mal auch einfach den Zug nehmen. Was ich über all dem außerdem nicht vergessen wollte, war der Hinweis auf folgenden Titel: MURGG, Werner: Burgruinen der Steiermark. Horn: Berger 2009. (= Fundberichte aus Österreich. Materialhefte B. 2.) (Achtung: Vergriffen!)

Randnotiz der Fangemeinde

Weil es ja doch nur eines gibt, das noch nicht jeder kennt: Am 16. und 17. August 2019 wird Eisenerz wieder zum ­Gastgeber für das ROSTFEST. Falls die Suche auf ­Google & Co bei diesem Stichwort nicht augenblicklich ins Schwarze trifft, hier der treffsichere Link zum Thema: www.rostfest.at

Barbara Andrea Jernej wurde am 24.2.1990 im Sanatorium Maria Hilf in Klagenfurt geboren. Sie mag Menschen. Fragt sich manchmal aber: Was ist der Mensch?