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„Wir wollen anpassungsfähig bleiben“

A MOMENT’S NOTICE lädt im Botanischen Garten dazu ein, zu entdecken, innezuhalten, zu be-obachten und zu reflektieren Foto: Gerald Hirl

In A MOMENT’S NOTICE vollziehen pflanzenähnliche Wesen einen Balanceakt zwischen Präsenz und Verschwinden. Wir sprachen mit Co-Initiator Alex Deutinger über das Stück, wie wir mit der Welt interagieren und Graz als Ausgangsort international beachteter Produktionen.

Interview: Wolfgang Pauker

In Ihrer Arbeit verschmelzen die Performer scheinbar mit ihrer Umgebung. Was interessiert Sie an der Spannung zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit?

In der Natur ist es ja eine gängige Überlebensstrategie, nicht auffällig zu sein, um sich entweder vor Fressfeinden zu schützen oder um sich möglichst unbemerkt nahe an die Beute heranzupirschen. Sehr auffällig zu sein ist allerdings auch eine Art Überlebensstrategie. Wer sich das Risiko leisten kann, auffällig zu sein, signalisiert Stärke und hat einen Fortpflanzungsvorteil. Ein interessantes Spannungsfeld, oder?

Wird das gesamte Leben damit zu einer Performance und Tarnung zur gesellschaftlichen Strategie?

Sich einfügen oder verschwinden wollen oder müssen, diese Erfahrungen machen wohl viele Menschen auf unterschiedlichsten Ebenen, sei es innerhalb von Familien, in Gruppen, in der Arbeit, im Alltag. Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, das sind oft auch biografische Themen und Erfahrungen, die in vielen Teilen der Gesellschaft eine Rolle spielen. Performance ist für mich jedenfalls eine Form der Kommunikation. Ich würde in Abwandlung von Paul Watzlawick sagen: Man kann nicht nicht performen. Wir senden ständig Signale aus. Vielleicht ist alles ein permanentes Tarn- und Täuschthea­ter?

Sie arbeiten mit Spiegeln. Diese können auch verzerren. Ist das Stück ein Kommentar darauf, wie wir Wirklichkeit wahrnehmen und wie leicht wir uns von Oberflächlichkeiten täuschen lassen?

Da wären wir wieder bei Paul Watzlawick. Ich denke, anstatt von menschlicher Wahrnehmung könnten wir manchmal auch von menschlicher Falschnehmung sprechen. Ich täusche mich zumindest recht beharrlich. Nicht, dass ich nicht gewarnt worden wäre: Als ich so um die 9 Jahre alt war, sagte meine Oma zu mir: „Weißt du eigentlich, was das 11. Gebot ist? – „Du sollst dich nicht täuschen.“ Ich hab’s mir hinter die Ohren geschrieben. Es hat leider nur teilweise geholfen.

Alex Deutinger
Foto: Kati Göttfried

Wurde A MOMENT’S NOTICE explizit für den Botanischen Garten konzipiert?            

Ja. Uns interessiert das Zusammenspiel von Architektur und Natur und wie wir uns als Menschen dazu in Beziehung setzen. Im Kontext des Uni-Vibes-Fests kam letztes Jahr über Vermittlung von La Strada die Möglichkeit auf, hier mit dem Botanischen Garten der Uni Graz zu kooperieren. Wir sind überglücklich, dass diese Kooperation zustande gekommen ist! Es ist ein außerordentlich schöner Arbeitsplatz. A MOMENT’S NOTICE wird hier in Graz uraufgeführt und kann später auch in anderen Botanischen Gärten stattfinden. Es bieten sich natürlich auch weitere interessante Aufführungsorte an der Schnittstelle von Architektur und Natur an, seien es Parkanlagen, Lost Places oder – wer weiß, let’s dream big – vielleicht spielen wir demnächst an einem emblematischen Ort wie dem Salzburger Mirabellgarten, Kew Gardens in London oder auf dem Gartenfest in Gleisdorf? Wir wollen jedenfalls anpassungsfähig bleiben.

Ihre Arbeit entspringt der freien Szene. Wie empfinden Sie als international tätiger Performer aktuell die Arbeitsbedingungen in der Steiermark?

Wir waren jahrelang international tätig, haben in vielen Ländern auf verschiedensten Bühnen gespielt. Es war Teil unserer Definition von Erfolg, unterwegs zu sein, innerhalb von diversen Netzwerken zu produzieren und in ganz Europa zu touren, an Residency-Programmen teilzunehmen. Ab und an ging es auch mal nach Korea, Mozambique, Kolumbien oder in die USA. Graz und die Steiermark waren allerdings von Anfang an der Dreh- und Angelpunkt für unsere Projekte. Vor ein paar Jahren haben wir dann beschlossen, verstärkt lokal zu arbeiten und wenn, dann nur mehr in Europa und mit dem Zug auf Tour zu gehen. Zur aktuellen Situation in der Steiermark kann ich – vielleicht etwas zweckoptimistisch – die Hoffnung zum Ausdruck bringen, dass es für Künstlerinnen und Künstler in der Steiermark in Zukunft weiterhin möglich sein wird, hier ihrer Arbeit nachzugehen. Das Motto der Uni Graz lautet: We work for tomorrow. Dem schließe ich mich an, auch wenn ich mir angesichts von drohenden drastischen Einsparungsmaßnahmen im Universitäts- wie auch im Kulturbereich denke: We’re working for today …for now … but for how long? 

Wie gut ist die Szene rund um Performance in Graz vernetzt?

Ich habe das Gefühl, es gibt eine gute Vernetzung innerhalb der Szene, mit diversen hilfreichen Plattformen, die dem Austausch gewidmet sind. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass in Graz ungewöhnliche Kooperationen möglich sind. Es gibt eine Offenheit. Verschiedenste konventionelle und unkonventionelle Orte und auch der öffentliche Raum werden genutzt. Was Sparten anlangt, kommt es auch immer mehr zu interessanter cross-fertilisation, wie man bei den Pflanzen oft sagt.

Seltsame Wesen werden in dieser Koproduktion mit La Strada zu Reflektoren ihrer Umgebung, aber auch ihres Gegenübers
Foto: ©Deutinger&Gottfarb

„A MOMENT’S NOTICE“ wird im Rahmen des Festivals La Strada aufgeführt. Wie wichtig sind angesichts knapp werdender Budgets solche Kooperationen?

Enorm wichtig! Ohne Kooperationen und starke Partner sind Projekte dieser Größenordnung nicht umsetzbar. Festivals wie La Strada erreichen nicht nur lokal sehr viele Interessierte, sondern haben auch die Kapazität, Projekte auf europäischer Ebene zu lancieren und starke Netzwerke wie IN SITU für Kooperationen aufzubauen und zu konsolidieren. So sind wir mit A MOMENT’S NOTICE in der Produktionsphase u. a. bei der Partnerinstitution C-Takt im Dommelhof Neerpelt (Belgien) als Artists-in-Residence zu Gast.

Was sind Ihre nächsten Projekte, die in Graz oder darüber hinaus zu sehen sein werden?

Die nächste Premiere ist DIE REDE AN DIE TIERE, eine choreografische Inszenierung eines legendären Theatertexts des heuer verstorbenen schweizerischen Körperphilosophen Valère Novarina. Ein wilder sprachlicher Ritt. Ein absurder Monolog, in dem die Sprache zum Tanzen kommt. Die REDE AN DIE TIERE wird also solo im Theaterhaus zu sehen sein, auf der historischen Bühne des ehemaligen Grazer Gesellenvereins, am Kaiser-Franz-Josefs-Kai. Die Termine dafür sind 8., 9. und 10. Oktober. Unser absolutes Lieblingsprojekt EMANCIPATION OF WONDER, bei dem wir auf der Basis von Interviews mit Volksschulkindern Museumsführungen für Erwachsene entwickeln, wird Ende September im kärnten.museum in Klagenfurt wiederaufgenommen. Auch dieses Projekt hat – wie alle unsere Projekte – in Graz seinen Beginn gehabt, war zunächst in der Neuen Galerie Graz, dann beim steirischen herbst, danach im Österreichischen Skulpturenpark, danach im Salzburg Museum und im kärnten.museum zu Gast. Im November geht es dann nach München und es wird dort am Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst (SMAEK) gezeigt. Wir haben noch viel vor.      

Alex Deutinger studierte Translationswissenschaft an der Karl-Franzens-Universität Graz und zeitgenössischen Bühnentanz am Institute for Dance Arts der Anton-Bruckner-Universität Linz. Sein Schaffen umfasst Bühnenproduktionen, performative Installationen und ortsspezifische Formate. Seit 2008 produziert er gemeinsam mit der Tänzerin und Choreografin Marta Navaridas meist textbasierte Tanzperformances unter dem Label Navaridas & Deutinger. Weiters arbeitet er regelmäßig mit dem Tänzer und Choreografen Alexander Gottfarb zusammen. Als Schauspieler war er unter anderem in Clemens Setz’ Erinnya und in Virginie Despentes’ Vernon Subu-tex am Schauspielhaus Graz zu sehen. Er lebt und arbeitet in Graz.

Alex Deutinger & Alexander Gottfarb (Österreich/Schweden)
A MOMENT’S NOTICE
Eine Koproduktion des Festivals La Strada Graz in Kooperation mit der Universität Graz
Termine: 6.8., 7.8. & 8.8., jeweils 17 bis 18.30 Uhr & 21 bis 22.30 Uhr (alle 30 Minuten)
Botanischer Garten, Schubertstraße 59, 8010 Graz
Info & Reservierung: www.lastrada.at/amomentsnotice