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Von der Kraft der Blume

2026 steht im Universalmuseum Joanneum und im Kunsthaus Graz alles im Zeichen der Blume. Un­ter dem Titel BLOOM beleuchtet man ökologische, ökonomische und postkoloniale Perspektiven – und zeigt, wie Blumen Kulturen und Menschen verbinden. Am 20. März startet das Kunsthaus mit einer Doppeleröffnung.

„Eine Blume zu sein, ist eine große Verantwortung“, so die bedeutende US-amerikanische Dichterin Emily Dickinson in ihrem Gedicht Bloom, entstanden Mitte des 19. Jahrhunderts. Dickinson beschreibt darin das Aufblühen als einen komplexen und langwierigen Prozess, als einen Akt des Überlebens und Gestaltens. Dieser Verantwortung gehen das Universalmuseum Joanneum und das Kunsthaus Graz in dem standortübergreifenden Programm BLOOM nach. Es beginnt zum astronomischen Frühlingsanfang, am 20. März. Zur Tag- und Nachtgleiche und zum tradierten Fest der Erneuerung feiert das Kunsthaus Graz die erste Doppeleröffnung des BLOOM-Reigens: Als Lob an die Blume appellieren die beiden Ausstellungen Hybrid Pleasures.

Helen Chadwick with Piss Flowers from the exhibition Helen Chadwick:  Effluvia, Serpentine Gallery, 1994 und Liesl Raff, Crush 3, 2025
Helen Chadwick & Galerie Eva Presenhuber/Kippa Matthews & Liesl Raff & Bildrecht Vienna 2026, photo: Stefan Altenburger

Helen Chadwick Supported by Liesl Raff und 30 % Löwenzahn an eine kollektive Erdverbundenheit. Denn Menschen und Blütenpflanzen sind auf vielfältige Weise miteinander verflochten. Eine Verbundenheit, die im Zuge aktueller ökologischer Krisen noch sichtbarer geworden ist. Das zunehmende Interesse an den Relationen und Interaktionen zwischen Menschen, Pflanzen, Blumen und anderen Lebensformen reicht heute weit über die naturwissenschaftliche Perspektive hinaus. Es führt zu zunehmend anspruchsvollen, inter- und transdisziplinären sowie transkulturellen Erkundungen der Netzwerke zwischen Menschen und Pflanzen. Universalmuseum Joanneum und Kunsthaus Graz greifen hier auf das Potenzial der Vielfalt zurück: Durch gemeinsames Kuratieren und Vermitteln und durch Leihgaben aus zahlreichen Sammlungen von der Naturkunde bis zur zeitgenössischen Kunst entsteht ein inspirierender Raum, in dem Vielfalt und Vernetzung nicht nur sichtbar, sondern auch erlebbar werden.

Die Ausstellung „30 % Löwenzahn“ zeigt rund 30 zeitgenössische Positionen, darunter: Joiri Minaya, Shield, 2022
Foto: Joiri Minaya

Der Löwenzahn als kulturelles Symbol

Vom Foyer über den Space02 bis in die Needle präsentiert das Kunsthaus Graz mit 30 % Löwenzahn eine Schau, in der kulturhistorische und naturhistorische Objekte aus Sammlungen mit mehr als 30 zeitgenössischen Positionen zusammenwachsen. Der Löwenzahn, der mit dem Menschen etwa 30 % seines genetischen Materials teilt, besitzt als botanisches Gewächs und kulturelles Symbol Stärke und stillen Mut: Als sonnengelb blühende Heilpflanze und zugleich Unkraut ist der Löwenzahn ausdauernd, er passt sich radikal an, sprengt sogar den härtesten Asphalt. Inmitten ökologischer Krisen, kolonialer Nachwirkungen und digitaler Beschleunigung fordert die Ausstellung eine Form der sensiblen Aufmerksamkeit – offen für das, was langsam wächst, Zeit fordert und zusammenhält. In den Arbeiten von mehr als 30 Künstlerinnen und Künstlern – darunter Anita Fuchs, Spencer Finch, Barbara Frischmuth, Joiri Minaya, Nina Schuiki, Claudia Larcher, Anna Jermolaewa, Elfie Semotan oder Thomas Stimm – begegnet das Publikum sowohl der Schwermut einer bröckelnden Gegenwart als auch der vertrauten und berauschenden Ästhetik der Blume und ihrem Ausdruck von Lebensfreude.

Claudia Larcher, Still Life 3000, No09, 2023–2024
Bildrecht, Wien 2026

Schokolade, Fleisch, Latex und Blumen

Hybrid Pleasures im Space02 zeigt das wegweisende sinnliche Werk der britischen Künstlerin Helen Chadwick (1953–1996) im Dialog mit der Bildhauerin Liesl Raff (*1978). In Chadwicks skulpturalen und performativen Arbeiten spürt sie den sinnlichen Qualitäten der natürlichen Welt nach. Lustvoll, provokant und auf humorvolle Weise bezieht sie sich dabei immer wieder auf die Metapher der Blume und bricht mit Vorstellungen vom „Traditionellen“ und „Schönen“. Fleisch, Blumen, Schokolade, Kompost oder Körperflüssigkeiten werden dabei zu bedeutungstragenden, oft poetischen Elementen. Von der legendären Domestic Sanitation (1976) bis zu den Piss Flowers (1991/92) hinterfragt Chadwick mit Humor und Radikalität tradierte Bilder von Weiblichkeit, Natur und Körper. Im Zusammenspiel mit den Latex-Arbeiten der in Wien lebenden Künstlerin Liesl Raff entsteht dabei ein spannungsvoller Dialog über Materialität und Veränderung sowie das Potenzial des Hybriden.

Liesl Raff, Installation view with Den 1–4, Maag Areal, Zürich, 2025
Bildrecht, Wien 2026, Foto: Stefan Altenburger

Meine Pflanze – meine Geschichte

Ein Kleeblatt, das Glück brachte, eine Rose, die verzauberte, oder ein Blatt, das an einen unvergesslichen Moment erinnert: Im Zuge von BLOOM lädt die Künstlerin Regula Dettwiler dazu ein, Teil ihres Kunstprojekts zu werden und sich im Herbarium der Gefühle mit einer frischen oder gepressten Pflanze samt Erinnerung zu verewigen. Pflanzen können an der Info im Kunsthaus Graz von 20. März bis 19. April (Di–So, 10.30–17 Uhr) abgegeben werden.               

Eröffnungswochenende im Kunsthaus Graz
20.3., 18 Uhr: Eröffnung von „30 % Löwenzahn“ und „Hybrid Pleasures. Helen Chadwick Supported by Liesl Raff“
21.3., 10 Uhr: Kuratorinnenführung mit Katrin Bucher Trantow und Liesl Raff
21.3., 15.30 Uhr: Anpflanzen im Botanischen Garten im Rahmen der Reihe Discussique: Blumen hören von Jeremy Woodruff

www.kunsthausgraz.at

BLOOM. 1 Thema, 8 Standorte, 10 Ausstellungen
Infos zum Programm und den kommenden Eröffnungen: www.museum-bloom.at