Start Featureshome „Wollten mehr als einen Konzertort“

„Wollten mehr als einen Konzertort“

Luis Bonilla und Sigi Feigl Foto: Marija Kanizaj

Seit sieben Jahren bringt das tube’s internationale Jazzgrößen, heimische Musiker und junge Talente auf eine der kleinsten Bühnen von Graz. Sigi Feigl und Luis Bonilla über große Musik auf 60 Plätzen und einen Club, der längst zum Treffpunkt geworden ist.

Interview: Stefan Zavernik

Sieben Jahre tube’s: Mit welcher Idee sind Sie damals gestartet – und ist der Jazzclub heute der Ort geworden, den Sie sich vorgestellt haben?

Sigi Feigl: Für uns war von Anfang an klar, dass wir ein gemeinschaftliches „Community Center“ schaffen wollen. Einen Platz, an dem Live-Musik in hoher Qualität und unter sehr guten Bedingungen stattfinden kann. Und einen Platz, an dem sich das Publikum wohlfühlt – wenn es den Club betritt und von uns persönlich empfangen wird, während des Konzerts und auch, wenn es danach mit einem Stück Schokolade wieder hinausgeht.

Luis Bonilla: Obwohl gerade Corona begonnen hatte, waren wir überzeugt, dass wir in Graz einen solchen Musikort schaffen und eine Gemeinschaft aufbauen können, die sich für Jazz und kreative Musik interessiert. Die ersten Jahre waren herausfordernd. Aber unser Programm wurde immer stärker – und auch der Publikumszuspruch ist gewachsen.

Hinter dem tube’s steht der Verein Live Music Graz. Welche Aufgabe übernimmt er heute für die Grazer Musikszene?

Feigl: Die Gründung eines Vereins war notwendig, um bei öffentlichen Stellen um Subventionen ansuchen zu können. Wir sind in der glücklichen Lage, dass Stadt Graz und Land Steiermark die Wichtigkeit dieser Bühne erkennen und uns finanziell unterstützen. Wir sind uns sicher, dass das tube’s mittlerweile ein wesentlicher Teil der Grazer Musikszene ist. Immerhin haben wir allein von Anfang Oktober bis Mitte Dezember 63 Konzertveranstaltungen.

Bonilla: Live Music Graz entwickelt sich aber auch in Richtung Bildungsarbeit weiter und schafft zusätzliche Auftrittsmöglichkeiten für Studierende ebenso wie für etablierte Musikerinnen und Musiker.

Immanuel Wilkins

Im aktuellen Programm stehen internationale Jazzgrößen wie Delfeayo Marsalis und Immanuel Wilkins neben österreichischen Musikern, Blues, Tango und experimentelleren Formaten. Was ist Ihre Handschrift?

Feigl: Unsere Handschrift ist, dass die Konzerte die jeweils höchstmögliche Qualität bieten. Wir möchten einen lebendigen Mix aus verschiedenen Stilen und unterschiedlichen künstlerischen Levels auf die Bühne bringen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass neben Weltklassemusikerinnen und -musikern auch eine Band aus Studierenden der KUG ihren Platz findet.

Bonilla: Unser Schwerpunkt liegt zwar auf Jazz, aber wir beschränken uns nicht darauf. Uns interessiert kreative Musik. Gleichzeitig holen wir regelmäßig internationale Spitzenmusiker nach Graz. Sonst hätte unser Publikum gar nicht die Möglichkeit, viele dieser großartigen Künstler live zu erleben.

Graz verfügt mit der KUG über eine international renommierte Jazz-Ausbildung. Wie wichtig ist Ihnen die Nachwuchsförderung?

Feigl: Wir haben in jeder Saison verschiedene Ensembles der KUG bei uns auf der Bühne. Das reicht von Masterstudierenden mit eigenen Projekten bis zum Latin Ensemble, zur KUG Stage Band oder Nine Piece Band. Manchmal haben Jazz-Studierende sogar die Möglichkeit, Weltklassemusiker wie Tim Armacost, Lew Tabackin oder Rick Margitza während ihrer Residency im tube’s bei einem privaten Workshop zu erleben. Die Zusammenarbeit mit dem Jazzinstitut funktioniert – wohl auch aufgrund der langjährigen Zugehörigkeit von Luis und mir – ausgezeichnet.

Bonilla: Wir unterstützen Studierende und Absolventen auch dabei, neue Aufnahmen, Projekte oder Tourneen zu präsentieren und über unsere gedruckten Materialien und unsere Online-Präsenz bekannt zu machen.

Mingus Big Band

Wenn bei Ihnen auch Blues, Tango oder experimentelle Musik Platz finden: Was ist Jazz heute überhaupt?

Bonilla: Ich habe gelernt: Jazz ist nicht die Musik, die man spielt, sondern die Art, wie man sie spielt. Natürlich kann die Definition von Jazz kontrovers diskutiert werden. Für uns ist Jazz Musik, die auf einem kreativen Zugang und auf Improvisation basiert. Jazz ist ein Konzept, das sich letztlich auf alle Kunstformen übertragen lässt.

Wie hat sich das Grazer Jazzpublikum in diesen sieben Jahren verändert?

Feigl: Wir haben mittlerweile eine durchaus große Zahl an Stammgästen, die unsere Konzerte sehr oft besuchen. Und einige Besucher sind vom zufälligen Konzertpublikum zu Jazzliebhabern geworden. Durch die große Präsenz des tube’s im Grazer Kultur- und Musikleben ist der Club für viele zu einem Fixpunkt geworden.

Bonilla: Unser Publikum ist großartig. Viele kommen ohne konkrete Erwartungen, sind sich aber sicher, dass sie den Abend genießen werden. Manche waren ursprünglich gar keine Jazzfans. Durch das konstant hohe Niveau der Musiker sind sie zu Fans guter Musik geworden. Unsere Stammgäste bringen wiederum andere Menschen dazu, das tube’s kennenzulernen.

Ein Club mit rund 60 Plätzen funktioniert anders als ein großer Konzertsaal. Was braucht es, damit daraus ein Jazzclub mit eigener Identität wird?

Feigl: Meines Erachtens braucht es Persönlichkeit! Und das tube’s hat viel Persönliches an sich: das Ambiente, die Gastronomie, die Betreuung des Publikums, den Sound. Natürlich kümmern wir uns auch um die Künstler in einem nicht selbstverständlichen Ausmaß. Luis und ich wissen aus eigener Erfahrung sehr genau, was Künstler für ihren Auftritt benötigen. Viele höchst renommierte Musiker kommen deshalb gerne wieder. Immanuel Wilkins hat das tube’s mittlerweile zum dritten Mal in Folge in sein Tourneeprogramm aufgenommen – auch wenn wir finanziell nicht die potentesten Veranstalter sind.

Bonilla: Die Schönheit eines intimen Raumes liegt darin, dass alle sehr nahe beieinander sind. Musiker und Publikum können unmittelbar miteinander kommunizieren. Wir sehen das tube’s deshalb eher als Community Center, das sich auf Jazz und kreative Musik spezialisiert hat, denn nur als Jazzclub. Wir treffen unsere Gäste, sprechen mit ihnen und lernen sie kennen. Diese persönliche Atmosphäre macht unsere Identität aus. Langfristig wollen wir das tube’s als über Graz hinaus bekannten Musik- und Kulturort für herausragenden Jazz in dieser Region Europas etablieren.  

Foto: Kanizaj

Aktuelles Programm im Tubes auf www.tubes-music.at