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Ausgraben und erinnern: Das Lager Liebenau

Ausstellungsansicht_Lager Liebena. Ausgraben und Erinnern Foto: Vanessa Bednarek

Eine kleine, aber intensive Ausstellung in der Gotischen Halle im Graz Museum beschäftigt sich mit dem Lager Liebenau. Im Interview erzählen die Kuratorinnen Sibylle Dienesch, Annette Rainer und Susanne Lamm über das Zusammenspiel von Erinnern, Wissenschaft und Zivilgesellschaft.

Im November 2018 gab es gemeinsam mit dem Ludwig-Boltzmann-Institut die erste Ausstellung über das Lager Liebenau im Graz Museum. Nun widmet sich Ihr Haus erneut diesem Thema, warum?

Sibylle Dienesch: Seit 2021 ist die Stadtarchäologie Teil der Stadtmuseum Graz GmbH – und ihre Entstehung hängt eng mit den Grabungen im Bereich des ehemaligen Lagers Liebenau zusammen. Wir haben heute neue Objekte im Haus, die wir nicht nur zeigen, sondern auch in ihren Fundkontext einbetten können. Dazu kam ein Projekt zur Digitalisierung dieser Funde. Und: Wenn wir jetzt darüber nachdenken, wie sich das kulturelle Gedächtnis und unsere Sicht auf Geschichte verändert hat, dann ist es naheliegend, das Thema noch einmal aufzugreifen und neu zu beleuchten.

Warum ist das Lager Liebenau so wichtig für die Stadt?

Sibylle Dienesch: Es geht um eine Zeitgeschichte, die uns räumlich und zeitlich sehr nahe ist – und dennoch oft schwer greifbar bleibt. Neben den großen historischen Ereignissen gibt es den Alltag: den Alltag von Menschen in der Stadt und jenen von Menschen, die gezwungen wurden, ihre Heimat zu verlassen und hier zu arbeiten. Das Lager ist ein konkreter Ort im heutigen Graz. Und gerade weil dort heute gelebt wird, entsteht ein starkes Bedürfnis zu verstehen, was sich an diesem Ort abgespielt hat. Ich denke, deswegen finden gerade archäologische Themen nach wie vor oder vielleicht sogar noch mehr Interesse. Das hat so etwas Konkretes, das ist etwas Materielles und macht neugierig.

Sibylle Dienesch (Direktorin Graz Museum), Susanne Lamm (Stadtarchäologin) und Annette Rainer (Kuratorin im Graz Museum)
Foto: Graz Museum

Ab wann hat man sich kritisch mit der Lagergeschichte beschäftigt?

Sibylle Dienesch: Ein wesentlicher Auslöser war der Bau des Murkraftwerks. In diesem Zusammenhang wurden Grabungen durchgeführt, und es gab einen Forschungsauftrag an das Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung, die NS-Lagergeschichte aufzuarbeiten. Parallel dazu entstand die Gedenkinitiative Lager Liebenau. Seit das Areal als Bodenfundstätte deklariert wurde, sind archäologische Grabungen bei Bauarbeiten verpflichtend.

Der Titel „Ausgraben und Erinnern“ stammt von einem Text von Walter Benjamin aus dem Jahr 1931 – warum dieser Text?

Annette Rainer: Für uns war beim Einstieg in das Thema wichtig, dass wir uns ein wenig von der Schwere der reinen Wissenschaftlichkeit entheben. Bei der Archäologie geht es sehr stark um die Anregung der eigenen Fantasie, um diese Bilder, die da entstehen. Das Schöne ist, dass Walter Benjamin in dem Text, wo es eigentlich um Sprache, aber auch um Erinnerung geht, die Archäologie als Bild, als Metapher für diesen Umgang mit Erinnerung verwendet. Er sagt, dass man, wenn man sich an etwas zurückerinnern möchte, von der Gegenwart heraus immer alle Schichten, die davor waren, durchleuchten muss. Und natürlich, dass auch der Ort ganz zentral ist – der Ort in der Gegenwart und in der Vergangenheit.

Badepuppe „Frozen Charlotte“ als Fundstück aus dem Areal in Liebenau

Im Zentrum stehen vor allem Fundstücke. Zwei – eine Zahnbürste und ein Kamm – wirken auf den ersten Blick alltäglich und unspektakulär. Was steckt dahinter?

Susanne Lamm: Das Besondere an der Zahnbürste ist, dass es sich dabei eindeutig um ein ungarisches Fabrikat aus den 1930er- oder 1940er-Jahren handelt. Sie stammt sehr wahrscheinlich von einer ungarischen jüdischen Person, die im Zuge eines Todesmarsches ins Lager und dort ums Leben kam. Es gibt auch ein sehr gutes Vergleichsstück aus dem Lager Gunskirchen, einem Zweitlager nach Mauthausen. Gunskirchen war ja auch eine der Stationen des Todesmarsches, daher kann man das sehr gut in Verbindung bringen. Die Besitzerin des Kammes, eine Frau Vlasta Široka, hat den Kamm im März 1944 mit ihrer Inschrift markiert. Frau Široka ist auch in der Lager-Liebenau-Kartei angeführt. Deshalb wissen wir, wo sie hergekommen ist und wo sie im Lager untergebracht war. In der Baracke 168 waren Mitte 1944 193 Personen auf knapp 180 Quadratmetern untergebracht. Ein so persönliches Stück wie ein Kamm diente nicht nur der Hygiene, der Läusebekämpfung, sondern man konnte sich so auch ein Stück Menschlichkeit bewahren – durch die Pflege.

Annette Rainer: Die archäologischen Fundstücke sind zunächst scheinbar stumme Zeugen, die wir zum Sprechen bringen wollen. An ihnen lässt sich sehr viel über die Lebensrealität im Lager erkennen – über Alltag, über Zwang, über individuelle Erfahrungen.

Susanne Lamm: Es gibt in der Ausstellung ein Zitat von Marija Gimbutas: „Archäologische Objekte sind nicht stumm, sie sprechen ihre eigene Sprache.“

Fragment einer gelben Zahnbürste

Was ist der Vorteil von scheinbar neutralen „Zeugen“ wie diesen Fundstücken?

Susanne Lamm: Der Vorteil von archäologischen Objekten ist: Sie heißen schon „Objekte“. Wenn Zeitzeugen sterben, dann sind die Objekte noch immer da und können uns viel erzählen. Wir wissen die Hard Facts zum Objekt, können zum Beispiel genau sagen, wann gewisse Stücke wo hergestellt worden sind. Wir können aber nicht immer alles über die Verwendung dieser Objekte oder darüber, wem sie gehört haben, sagen. Das sind immer Interpretationen. Etwa am Beispiel der Porzellanpuppe, der „Frozen Charlotte“. Da wissen wir, sie wurde irgendwann ab 1850 bis wahrscheinlich Anfang des 20. Jahrhunderts hergestellt. Sie könnte einem Grazer Kind im 19. Jahrhundert gehört haben, das sie dort verloren hat, oder einem Kind einer Umsiedlerfamilie – also erst 1940 dorthin gekommen sein. Oder dem Kind einer Zwangsarbeiterin.

Der letzte Raum ist sogenannten „Mystery Objects“ gewidmet – worum geht es dabei?

Susanne Lamm: Wir gehen beim Bestimmen oft an Objekte heran und überlegen uns: Nach was schaut das jetzt aus, wie könnte man das beschreiben? Was könnte man damit gemacht haben? Manchmal müssen wir sehr lange überlegen, und in der Ausstellung können die Leute einfach mithelfen. Wir zeigen dort drei Fundstücke, deren Funktion nicht eindeutig geklärt ist. Zwei davon kann man als 3D-Druck angreifen und sich überlegen: Kenne ich so etwas? Habe ich so etwas schon einmal gesehen, vielleicht irgendwo bei der Großmutter am Dachboden oder in einem anderen Museum? Man kann dann seine Tipps bei uns hinterlassen, direkt in der Ausstellung.

Annette Rainer: Ich glaube, dass es für Menschen ein schönes Erlebnis sein kann, an einem Erkenntnisprozess teilnehmen zu können. Mir ist es wichtig, dass wir die Besucherinnen und Besucher in dieses Entschlüsseln direkt mit einbeziehen und Fragen an sie stellen. Jede und jeder Einzelne soll sich dazu ermächtigt fühlen, durch eigene Expertise und eigenes Wissen einen Beitrag leisten zu können. Und da ist dann auch diese schöne Verbindung zum Thema Erinnerungskultur, weil ja auch die Objekte Teil dieser Erinnerungskultur sind – und diese ist eben ganz stark geprägt von zivilgesellschaftlichem Engagement.              

Lager Liebenau. Ausgraben und Erinnern
Bis 6.9.2026, täglich 10–18 Uhr
Graz Museum, Sackstraße 18, 8010 Graz
Infos zu Veranstaltungen und Führungen: www.grazmuseum.at