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Future of Life: Vernetzung der Disziplinen Kunst, Wirtschaft und Bildung

HYPO Steiermark Generaldirektor Martin Gölles und Meister-Cellist Friedrich Kleinhapl. Foto: Hannes Loske

Bildung als Fundament gesellschaftlicher Entwicklung: Cellist Friedrich Kleinhapl und HYPO-Steiermark-Generaldirektor Martin Gölles über das Zukunftsprojekt „Future of Life“, das Dreieck aus Bildung, Wirtschaft & Kunst und wieso es ganz okay ist, verrückt zu sein.

Text: Wolfgang Pauker

Was steckt hinter dem Projekt „Future of Life“, für das sich der Künstler Friedrich Kleinhapl und die HYPO Steiermark gemeinsam engagieren?

Friedrich Kleinhapl: Ich wurde von meiner ehemaligen Schule, dem BG & BRG Lichtenfels, gebeten, ob ich mich an einem Projekt anlässlich des 150. Jubiläumsjahres beteiligen würde. Der Blick zurück hat mich aber nicht gereizt und deshalb habe ich gemeinsam mit den Organisatoren der Feierlichkeiten, Prof. Nikolaus Holzapfel und Prof. Meinhard Lang, das Zukunftsprojekt „Future of Life“ initiiert. Im Zentrum stand die Frage an die Jugendlichen: „Wie stellt ihr euch euer Leben 2050 vor und wohin entwickelt sich die Realität?“ Daran beteiligten sich fünf steirische und eine Pariser Schule. Nachdem ich meinen Kulturpartner HYPO Steiermark für das Projekt gewinnen konnte, startete Frau Prof. Dr. Haring-Mosbacher vom Institut für Soziologie der Karl-Franzens-Universität das Projekt gemeinsam mit den Jugendlichen mit einer großen Studie. Zusammen mit der SFG des Landes Steiermark, IV Steiermark, der Technischen Universität Graz und steirischen Unternehmen wie AVL, AT&S oder Knapp wurde parallel dazu untersucht, wie sich die Realität tatsächlich entwickelt. Offensichtlich hat das Projekt den Nerv der Zeit getroffen, denn während „Future of Life“ bereits in vollem Gang war, hat sich auch die Bewegung „Fridays for Future“ mit ganz ähnlichen Zielsetzungen etabliert.

Martin Gölles: Die HYPO Steiermark hat in ihrem Leitbild verankert, Verantwortung gegenüber der Gesellschaft zu tragen. Daraus ergibt sich neben dem täglichen Interagieren mit den Menschen unserer Region auch die Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass nicht alles in den gewohnten Bahnen bleibt, sondern sich weiterentwickelt, man Zukunft sichert, ohne auf die Traditionen zu vergessen. Und um zu verstehen, wie die Wertvorstellung der jungen Generation ist, haben wir uns an diesem Projekt beteiligt und an der Universität Graz eine Studie in Auftrag gegeben, die die Motivationstreiber der heutigen Jugend untersucht. Hier hat sich herausgestellt, dass Werte wie Freundschaft, Familie und Freiheit ganz wesentlich sind. Und das gilt es auch für uns in der Wirtschaft umzusetzen, denn wir müssen uns dahingehend ändern, dass wir stärker auf die Wertvorstellungen der nächsten Generationen eingehen. Das betrifft uns sowohl hinsichtlich unserer Kundinnen und Kunden als auch als Arbeitgeber.

Martin Gölles: „Es ist eine der größten Künste überhaupt, aktiv zuzuhören und nicht gleich eine Antwort parat zu haben.“

Wie schließt sich hier der Kreis von den Bildungs- zu den Kulturpartnerschaften?

MG: Wir engagieren uns im Bildungsbereich, weil wir es als unsere große Pflicht sehen, den jungen Menschen den Eintritt in das Wirtschaftsleben so interessant wie möglich zu gestalten. Auf der anderen Seite arbeiten wir mit Künstlern wie Friedrich Kleinhapl zusammen, um uns auszutauschen und verschiedene Sichtweisen auf unsere Welt zu bekommen. Denn viele Dinge lassen unterschiedliche Interpretationen zu. Weiters müssen sich auch Künstler ständig verändern und insbesondere in der klassischen Musik geht es darum, Tradition zukunftsfit zu machen. Und das ist eben genau die Evolution, die auch „Future of Life“ erreichen möchte – und hier schließt sich der Kreis. Wir als Wirtschaft müssen uns weiterentwickeln, wir müssen aber sehr wohl auch in Interaktion mit der jungen Generation treten und auch die Kunst miteinfließen lassen, um eine neue Sichtweise zu eröffnen.

FK: Genau das kann ich nur unterstreichen. Ich denke, dass die Kunst auch die Aufgabe hat, zuzuhören und vorauszudenken, die Themen der Zeit zu beleuchten, Fragen zu stellen und andere Sichtweisen zu eröffnen. Im Rahmen der Kulturpartnerschaft werden Möglichkeiten geschaffen, derartige Projekte zu initiieren. In diesem Fall hat das Projekt mit dem Bildungssektor unmittelbar zu tun. Die Offenheit und das Engagement der Lehrer und Schulen hat bei mir dabei einen wirklich starken Eindruck hinterlassen. Ich hoffe, dass es mit „Future of Life“ gelungen ist, ein wenig dazu beizutragen, dass Erwachsene den jungen Menschen zuhören und die Themen ihrer Zukunft ernst nehmen.

Friedrich Kleinhapl: „Es gibt einen schönen Satz aus dem Film Babylon: ‚Wenn du verstanden werden willst, musst du zuhören!‘“

Wo liegen die Probleme, denen sich die junge Generation stellen muss?

FK: Wir sind gerade dabei, Grundlagen unserer zukünftigen Existenz mit vollen Händen aus dem Fenster zu werfen. Zum Beispiel geben wir Demokratie – ein Gut, das im Lauf der Geschichte so schwer erworben wurde – meist zugunsten von Bequemlichkeit und Convenience-Tools auf. Wir geben unsere Daten aus reiner Bequemlichkeit im Internet preis und bedenkenlos frei und gleichzeitig nimmt aktuell die Menge an machtbesessenen Autokraten in der Welt beängstigend zu. Wobei oft junge Menschen sehr viel Bewusstsein dafür haben, was wir gerade auf einem Altar der Technik viel zu schnell und leichtfertig opfern oder wo wir dabei sind, bedenkenlos zu automatisieren und Ressourcen, Energie und Lebensraum zu vernichten. Es ist gesellschaftlich absolut notwendig, im Sinne der Zukunft neue Werteordnungen zu schaffen, uns klar zu werden, was wichtig ist und wovon wir uns eventuell auch verabschieden wollen. Und das gleichzeitig aus dem Blickwinkel des Künstlers und der Wirtschaft zu betrachten, ist tatsächlich sehr spannend und inspirierend.

Was muss sich ändern?

FK: Man sollte beispielsweise ein paar Glaubenssätze überdenken. Etwa das Dogma des ewigen Wirtschaftswachstums. Kann das auch in alle Zukunft so bestehen bleiben? Junge Menschen suchen zunehmend nachhaltige Wirtschaftskreisläufe und Produktionsprozesse. Dadurch verschieben sich die typischen Werte der Wohlstands- und Industriegesellschaft. Da kommt auf jeden Fall etwas in Bewegung.

MG: Wir sind hier alle gefordert, mit den Entwicklungen unserer Zeit Schritt zu halten. Deshalb glaube ich, dass dieses Dreieck Bildung, Kunst und Wirtschaft etwas ganz Wesentliches ist. Und in diesem Feld muss man offen sein und auch Experimente zulassen, weil man einfach Dinge verändern wird müssen. Wir müssen die Welt verrücken, eine Welt der Verrückten schaffen, ohne das Wort dabei negativ zu besetzen. Der Anspruch lautet, Dinge von anderen Seiten zu betrachten, um sie in ihrer Ganzheit zu verstehen, um eingefahrene Positionen aufzulösen. Deshalb ist es auch ganz okay, verrückt zu sein, damit man Dinge anders versteht.

Steckt unser Bildungssystem in einer Krise, wie so oft behauptet wird?

MG: Wir täten alle miteinander gut daran, besser zuzuhören. Das ist eben auch die große Kunst solcher Projekte. Wie überdies auch unseres Kerngeschäftes als Bank. Man braucht keine fertigen Produkte, sondern muss sie aktiv gestalten. Man muss hinhören und erfahren, wo die Probleme liegen, und dann individuelle Lösungen finden. Manche Themen muss man erst besprechen und von vielen Seiten betrachten – und das gilt auch für unser Bildungssystem, über das sich mancher gern fürchterlich alteriert. Ich glaube, je mehr man sich nämlich damit beschäftigt, desto besser erkennt man, dass unser Bildungssystem in Österreich ein gutes ist, man sich aber fortlaufend damit beschäftigen muss, um es, was die Anforderungen der Zeit betrifft, auch stetig weiterzuentwickeln. Und dafür muss man aktiv etwas tun.

Foto: Hannes Loske

FK: Ich sehe rund um mich großartige junge Menschen mit bewundernswerten Fähigkeiten. Mir fällt in erster Linie nicht ein Bildungs-, sondern ein Gesellschafts- und Kulturthema auf. Ich glaube zutiefst an den inneren kreativen Schöpfungsprozess und der benötigt Wissen, das nicht beliebig ersetzbar ist durch externe digitale Quellen. Ebenso glaube ich an die extrem hohe Bedeutung der künstlerischen Fächer wie Musik, Tanz, bildnerische Erziehung usw. für die intellektuelle und kreative Entwicklung. Das ist durch zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen eindeutig belegt. Gesellschaftlich haben wir uns seit der Aufklärung aber immer weiter auf die Wichtigkeit der natur- und wirtschaftswissenschaftlichen Fächer fokussiert. Die gegenwärtigen globalen Themen zeigen aber eindeutig, dass wir dringend neue kreative Zugänge und Denkweisen benötigen.

Wie wirkt sich das auf die Wirtschaft als Arbeitgeber aus?

MG: Wir unterhalten als HYPO Steiermark Partnerschaften mit den berufsbildenden Schulen, um mittels gezielter Zusammenarbeit den Schülern auch die Möglichkeit zu eröffnen, einen Blick in die Arbeitswelt zu werfen. Und darüber hinaus hören wir sehr genau hin, um zu erkennen, ob unser Angebot überhaupt den Vorstellungen der nächsten Generation entspricht, und was wir tun können, um ein Arbeitgeber am Puls der Zeit zu sein. Und wenn man eine Filiale der HYPO Steiermark betritt, wird man auch spüren, dass hier zufriedene Menschen gerne ihrer Arbeit nachgehen. Und zwar nicht, weil sie das aus finanziellen Gründen müssen, sondern weil sie das gerne tun. Und das auch, wenn es manchmal anstrengend ist. Denn Anstrengung per se ist ja noch nichts Negatives. Es muss nur sinnvoll sein.

FK: Die Frage ist, wie schafft es die Wirtschaft, genau diese Sinnhaftigkeit und diese Begeisterung für das zu schaffen, was sie von den Arbeitnehmern erwartet? Aus meiner Sicht sagt allein schon der Begriff einer Work-Life-Balance genug darüber aus, dass Arbeit als Gegenteil von Leben definiert wird. Wie kann eine solche Definition förderlich sein? Das hat nichts mit zu hohen Anforderungen zu tun, denn es gibt unzählige Menschen, die in der Freizeit bereit sind, geradezu exzessiv Anstrengungen auf sich zu nehmen. Nach meinem Empfinden kann diese Begeisterung durch ethisch vertretbare und sinnvolle Tätigkeiten erreicht werden.

Kommt die Kunst zu kurz, wenn es darum geht, kreative Lösungen für diverse Lebenssituationen zu finden?

FK: Ich glaube, dass die Kunst sehr oft auf der Jagd nach Quoten zu opportunistisch sein muss, um das zu sagen, was sie wirklich zu sagen hätte. Auch dort, wo sie sich augenscheinlich als gesellschafts- oder zeitkritisch präsentiert, ist die Kunst oft nur ein Hilfeschrei nach Aufmerksamkeit. Es geht viel zu oft um Strategie und viel zu wenig um die Sache und den Inhalt. Und das gilt auch für viele andere Bereiche, wie die Politik, die sich oft in Strategien verliert. Wenn ich mir als Künstler ausschließlich strategisch überlege, wie ich was und wann tue, dann bin ich nicht mehr in der Lage, die eigentliche Aufgabe eines Künstlers wahrzunehmen – nämlich mein Sensorium zu öffnen für neue Entwicklungen in der Gesellschaft und neue Perspektiven darauf zu werfen. Das verlangt vom Künstler natürlich Mut und von der Gesellschaft Offenheit.

MG: Wenn Kunst sich nur in die Richtung der Wirtschaftlichkeit oder der Selbstdarstellung instrumentalisieren lässt, dann haben wir Stillstand. Und damit trägt sie auch nicht zur gesellschaftlichen Entwicklung bei. Und deshalb hat Kunst nicht den Anspruch zu gefallen, sondern den Menschen den Spiegel vorzuhalten. Deshalb glaube ich auch, dass die Verantwortung der Künstler – aber auch der Wirtschaft – eine sehr große ist. Das Thema ist: Je ehrlicher die Wirtschaft kommuniziert, was notwendig ist, um erfolgreich zu sein aus gesellschaftlicher Sicht, umso eher wird auch der Bildungsbereich wissen, was zu tun ist, um weiterzukommen. Es ist ein aktives Miteinander, das hier gelebt werden muss. Und hier sind wir zwar auf einem guten Weg, aber diesen Weg wird man nie zu Ende gehen können. Der ist endlos und den wird man immer wieder beschreiten müssen. Die Frage ist schlussendlich, ob wir als Gesellschaft diese Freiheit weiterhin zulassen, dass die Wirtschaft, die Kunst und die Bildung Hand in Hand gehen können, um gemeinsam die Zukunft zu gestalten.  

Future of Life

Anlässlich seines 150-jährigen Jubiläums hat das Grazer Lichtenfelsgymnasium gemeinsam mit dem Cellisten, Lichtenfels-Absolventen und Visionär Friedrich Kleinhapl beschlossen, im Jubiläumsjahr 2019 nicht nur in die Vergangenheit zu blicken, sondern sich den zentralen Fragen unserer Zukunft zu stellen. Dafür wurden fünf weitere Grazer bzw. steirische Schulen und eine Pariser Partnerschule eingeladen, gemeinsam einen euphorischen, kritischen, besorgten und gleichermaßen optimistischen Blick auf die nächsten Jahre zu werfen. Hierfür konnten auch zahlreiche renommierte Innovationsfirmen, Start-ups, Institutionen und Experten als Projektpartner gewonnen werden. SchülerInnen und Lehrende gehen in dem Projekt gemeinsam der Frage nach, wie das Leben 2050, auch angesichts der großen Veränderungen durch Klimawandel, Migration, Globalisierung, Digitalisierung, Roboting, künstliche Intelligenz usw., aussehen wird. Nach einer Studie des Instituts für Soziologie und Besuchen von Firmen, Institutionen und Diskussionen mit Experten, ging das Projekt in die Analyse. Es folgten Workshops und Diskussionsforen, um das Erlebte nicht nur aus der Sicht von Unternehmen, sondern auch aus anderen Perspektiven zu beurteilen. In weiterer Folge werden Vorschläge erarbeitet, um die Zukunft bereits jetzt zu gestalten. Die Abschlussveranstaltung findet am 13. März 2020 im Grazer Orpheum statt.

Auftaktveranstaltung in der Helmut List Halle

www.futureoflife.at