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„Siedende Gehirne“ im TiK: Nehmen Sie zum Dank ein Zuckerl!

Mit nur zwei Schauspielern auf der Bühne ist dem Theater im Keller wieder ein grandioser Saisonauftakt geglückt. „Siedende Gehirne“ von Günter Eichberger ließ bei der Premiere am 7. November so manche Köpfe rauchen.

Text: Bettina Leitner

Was auf den ersten Blick wie ein makaberer Psychothriller wirkt, entpuppt sich zunehmend als Kopfkino eines Mannes, der seine Sehnsüchte nur im Traum ausleben kann. Das von Günter Eichberger für das Grazer TiK verfasste Theaterstück präsentiert sich als Paraphrase und Neudeutung des englischen Klassikers, sozusagen als Sommernachtsalbtraum. „Der Kern von Shakespeares Komödie, diesem grausamen Traum von einem Stück, ist das Begehren in seinen lust- und qualvollen Facetten. Dass das Begehren im Kern einem (unausgesprochenen) Machtanspruch folgt, wird hier auf mehreren Ebenen vorgeführt“, so der Autor. So sind es beispielsweise die Träume, die sich im Kopf des Herrn Hinterer drehen und winden, sich festsetzen oder verschwinden, um in der Traumwelt selbst von der weiblich-dominanten Sequenz, einer Anspielung auf Shakespeares Peter Squenz, wieder zurückgeholt zu werden. Insgesamt präsentiert sich das Stück als buntes Mosaik aus dekonstruierten Klassikern mit komisch-witzigem Charme.

Hinterer und Sequenz: wenn die Sehnsucht einem die Luft abschneidet

„Du bist aus Traumstoff gemacht…“

Komplett desorientiert stolpert Hinterer wie aus dem Nichts auf die Bühne. Was er zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Er ist scheinbar durch den Wald an diesen sonderbaren Ort gelangt, an dem er ab sofort nichts mehr zu sagen hat, denn die Domina(nte) Sequenz weiß genau was sie will: Sie ist eine Frau, die zum Sadismus neigt und Hinterer in ein Traumlabyrinth voller Rollenspiele lockt. Eichberger nutzt diese Konstellation, um die Machtspiele des Geschlechterkampfes nicht bloß als Beziehungs- sondern auch als politische Ranküne zu deuten. Voller Genuss breitet er einen reichen Fundus an romantischen oder auch weniger romantischen zwischenmenschlichen Beziehungen aus Geschichte und Mythologie aus: Oboe wird von seinem Psychiater Fuck in seinem, für seine Gattin Tita wahnwitzigen, Glauben bestätigt, ein Feenkönig zu sein. Tita ist sichtlich genervt von den Hirngespinsten ihres Mannes und rät ihm, seinen „Seeleninstallateur zu wechseln“, obwohl sie selbst bei diesem in Behandlung ist: „Sie haben den Weg zu mir gefunden. Nehmen Sie zum Dank ein Zuckerl!“, belohnt der Seelendoktor die junge Frau, die er versucht durch Sex zu heilen, denn „über Ihre Öffnungen kann ich in Ihre Seele schauen“, gibt Fuck an. Tita lässt daraufhin ihre Seele sprechen und schwärmt von ihrem 23-jährigen Lover, den sie besser nicht aussuchen hätte können, denn „alles an ihm ist dreiundzwanzig“, und prahlt bei Fuck mit einem Sex-Selfie. Zu dumm nur, dass dieser kurz darauf verhaftet wird.

„Bist du wach, wirst du schwach!“

Wieder in der Traumrealität von Hinterer zurück, verletzt sich der junge Mann am Bein, doch Sequenz wünscht weiterhin von ihm unterhalten zu werden und lässt nicht ab, ihn weiter zu quälen: „Ich will nur spielen!“. Was Hinterer zu Beginn noch als Erfüllung seiner geheimsten Sehnsüchte empfand, entwickelt sich immer mehr zum persönlichen Albtraum. Sequenz will seine Manneskraft durch einen magischen Trank beleben, ohne jedoch genau zu wissen, wie dieses Elixier genau wirkt: „Mal schauen, wohin du dich verwandelst, du formbares Material“. Seines Verstandes beraubt und scheinbar in Ekstase gelüstet ihn plötzlich nach rohem Menschenfleisch und so fällt er über Sequenz her, die versucht, alles pragmatisch zu lösen: „Können wir das nicht wie zivilisierte Primaten besprechen?“ Als Hinterer völlig erschöpft aus seinem Drogenrausch erwacht, beginnen sukzessive die verschiedenen Ebenen zu verschmelzen, bis man sich am Schluss nur mehr fragt: Und wer träumt jetzt wen? Denn „wenn ich geträumt werde von einem anderen, wer bin ich dann und wer lässt fragen?“

Termine: Mi, 20.11., Sa, 27.11., Do, 28.11., Fr, 29.11., Mi, 4.12., Do, 5.12. und Fr, 6.12.2019, jeweils um 20 Uhr

Mit: Florentina Klein, Bernd Sracnik

Regie: Alfred Haidacher

Tickets unter: 0664 97 33 184 oder auf www.tik-graz.at