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Spielzeiteröffnung am Schauspielhaus Graz: Vernon Subutex

Foto: Lukas Dieber

Vernon Subutex, Besitzer eines Plattenladens, war ein cooler Hund. Doch dann kamen Digitalisierung und unverschämte Mieterhöhungen.

Text: Wolfgang Pauker

Und plötzlich ist sein Laden pleite. Eine Weile hält sich der Endvierziger mit Gelegenheitsjobs und Arbeitslosenhilfe über Wasser. Doch als der Popstar Alex Bleach stirbt, der bis dahin seinem Freund die Miete zahlte, wird Vernons Wohnung gepfändet. Er übernachtet bei alten Freunden und neuen Bekannten, bis er ahnungslos seinen größten Schatz, quasi seine Lebensversicherung, verliert: die Aufzeichnung eines Interviews mit Alex Bleach kurz vor dessen Tod, das brisante Details enthält.

Foto: Lukas Dieber

Mit Vernon Subutex startet das Schauspielhaus Graz am 26. September (19 Uhr) in die neue Spielzeit und zeigt die Bühnenfassung der gefeierten Trilogie, mit der die französische Schriftstellerin Virginie Despentes ausgehend von der titelgebenden Figur ein breit ausgemaltes, tiefschürfendes Gesellschaftspanorama entwickelte, das von den kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen der vergangenen 30 Jahre erzählt. Galten ihre früheren Bücher als Punk, wird Despentes inzwischen mit Balzac verglichen und ihr dreibändiger Bestseller gilt als neues Opus magnum der Gegenwartsliteratur. Darin verleiht sie Angehörigen jeder Generation und sozialen Schicht, politischen Orientierung und Desorientierung, jeden Geschlechtes, jeder Kultur und Subkultur unserer Zeit Kontur. Verschiedensten Zeitgenossen begegnet Vernon bei seinem Abstieg – der eigentlich ein Aufstieg in die Sphären einer zukünftigen Religion ist.

„Vernon erzeugt Schwingungen und überträgt sie auf andere – und das wird auch in der Inszenierung so sein. Er ist als Protagonist immer wahrnehmbar, aber nicht in der ersten Reihe als dominante Titelfigur, sondern er trägt subtil zum Grundton der Inszenierung bei. Vernon spricht auch im Roman weniger als die meisten anderen Figuren. Der „non speaking Captain“ sozusagen.“ Norbert Wally ist Vernon Subutex.
Foto: Lukas Dieber

Regisseur Alexander Eisenach, der am Schauspielhaus Graz bereits Frequenzen nach dem Roman von Clemens J. Setz und Der Zauberberg nach dem Roman von Thomas Mann inszenierte, wird eine Romanadaption mit Norbert Wally als Vernon als Eröffnungsproduktion in HAUS EINS auf die Bühne bringen.

„Achtzig“ stellte dem Regisseur drei Fragen:

Der umfangreiche Roman wird massenhaft verkauft – in allen europäischen Ländern. Welchen Nerv trifft er, dass er zum Bestseller wurde?

Ich denke, dass er die Zerrissenheit unserer westlichen Gesellschaften in ihrer Komplexität einfängt. Wir erleben Obdachlose, neurechte Wutbürger, Pornodarsteller, Transgender, Finanzhändler, Bulimikerinnen, Frauenschläger … All diese Menschen sind miteinander verbunden und auf eine Art portraitiert, dass man ihnen nahekommt, Empathie mit ihnen entwickelt. Wir sehen die gesellschaftliche Zerrissenheit und die Utopie ihrer Überwindung. Das ist faszinierend. Die Drastik und der Humor der Sprache kommen dazu. Der Roman ist schlagfertig und amüsant. Dabei hoch politisch.

Regisseur Alecander Eisenach
Foto: Claudia Balsters

Es geht um einen obdachlos gewordenen Schallplattenverkäufer, der quasi aus Versehen zu einer Art DJ-Legende wird. Musik spielt folglich eine große Rolle in dem Buch. Auch in der Inszenierung?

Ja. Norbert Wally, der die Rolle des Vernon spielt, ist Musiker und wird den Part auch eher über seine Präsenz als Musiker anpacken als über klassisches Schauspiel. Gemeinsam mit dem Musiker und Produzenten Benedikt Brachtel sowie dem gesamten Ensemble, das auch musizieren wird, versuchen wir auch zu einer musikalischen Erzählweise zu kommen. Wir wollen nicht einfach den Text nachbeten, sondern versuchen, zum Geist, zur Atmosphäre des Textes vorzudringen.

Was erwartet die Zuschauer im Herbst in Graz?

Es wird ein bildhafter und atmosphärischer Abend, der auf vielen Kanälen sendet. Musik, Sprache, Tanz, Videokunst, Raum … Wir versuchen, uns auf verschiedensten künstlerischen Wegen dem Stoff zu nähern. Ich denke dabei eher vom Gesamtbild als von einer narrativen Struktur. Das Ganze hat in meiner Fantasie was von einem dieser Hieronymus-Bosch-Wimmelbilder.

Foto: Lukas Dieber