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kunsthaus muerz: brückenfestival der Neuen Musik

Klangforum Wien Foto: Lukas Beck

Frische Impulse, ungewöhnliche Spielorte und die Region im Blick. Von 5. bis 22. Juni breitet sich das Festival „Brücken“ mürzabwärts aus und präsentiert unter anderem das Klangforum Wien in einer spannenden Zusammenarbeit. Ursula Horvath, Leiterin des kunsthauses muerz, und Geiger Ernst Kovacic geben Einblick in die Programmgestaltung.

Text: Pia Moser / Stefan Zavernik

Nach über zehn Jahren ist das brückenfestival für die Region Mürzzuschlag zum starken Markenzeichen geworden. Wie realisiert man ein Festival für Neue Musik in der Region?

Ursula Horvath: Wir möchten kein Ufo landen und nach ein paar Tagen wieder verschwinden lassen. Denn ein Gedanke leitet das Festival seit den Anfängen: Mit der Region und für die Region. Es geht uns darum, die Menschen miteinzubeziehen, im aktiven wie im passiven Bereich. Das ist natürlich ein großer Spagat.

Ernst Kovacic: In der Festivalgestaltung gehen wir auf die Menschen zu, auch durch die intensive Zusammenarbeit mit Musikern aus der Region. 2019 präsentiert etwa die Komponistin Maria Gstättner aus Krieglach ihr gemeinsames Projekt mit der Schriftstellerin Angelika Reitzer, das unter dem Titel „Inventar der Gegenwart“ die Region thematisiert.

Ursula Horvath: Auch die außergewöhnlichen Spielorte, wie die Schneealm oder das Looshaus, machen das Festival aus. Heuer arbeiten wir in Mariazell mit einer Musikschule im besonderen Ambiente eines Tonholzlagers oder gehen mit Musikern zum Schwammerlsuchen in den Wald.

Inwiefern schlägt sich das Motto des Brückenbauens im Programm nieder?

Ernst Kovacic: Wir versuchen Brücken von den Klassikern der Neuen Musik bis in die Gegenwart  zu bauen,  für die musizierende Jugend und das Publikum. Brücken zwischen den verschiedenen Künsten sind ebenso wichtig: ein gutes Beispiel ist heuer das Stück Atem und Bewegung, das die altbekannte Blechblasmusik mit zeitgenössischem Tanz kombiniert.

Ursula Horvath, Leiterin des kunsthaus muerz, und Geiger Ernst Kovacic.

Vom Schulchor bis zum Avantgarde-Quartett: Das Festival steht für Vielfalt im Programm. Passt alles zusammen, wenn es für das große Ganze richtig abgestimmt wird?

Ernst Kovacic: Wir wollen neue Entwicklungen zeigen und bewegen uns hinsichtlich der Qualität stets auf höchstem Niveau. In einem  Festival kann man sicher nicht alles abdecken; über die Jahre gesehen können wir aber Entwicklungen aufzeigen, sensibel machen für Umbrüche, gegensätzliche Positionen. Und es wird auch transparent, dass Widersprüchliches letzten Endes  zusammenfließen kann: Es passt schon alles zusammen.

Mit dem Klangforum Wien wird 2019 eines der führenden Ensembles für Neue Musik drei Tage zu Gast in der Region sein. Was darf man sich von diesem Engagement erwarten?

Ernst Kovacic: Es war ein langjähriger Wunsch, das Klangforum für längere Zeit bei uns zu haben. In erster Linie erwarten wir uns natürlich hervorragende Aufführungen. Ausgangspunkt für die Zusammenarbeit war der Gedanke, dass Musik auch eine spirituelle Komponente besitzt. Daraus hat sich der Titel „Sinn und Klang“ ergeben. Im Vorfeld gab es viele Gespräche mit den Musikern des Klangforums über Werke mit spirituellem Hintergrund. Herausgekommen ist ein wunderbares Programm, das wir im Kapitelsaal von Stift Neuberg präsentieren, der damit erstmals bespielt wird.

2019 breitet sich das Festival auch nach Kapfenberg, Mariazell und Neuberg aus. Welchen Mehrwert sehen Sie für die Region rund um Mürzzuschlag?

Ursula Horvath: Ich spreche nicht gerne von einem messbaren Erfolg. Ein Festival wie „Brücken“ macht naturgemäß etwas mit einer Region und ihren Menschen. Was jedenfalls dahinter steht, sind Überlegungen, wie es mit der Region weitergehen soll oder welche Impulse man durch das Zusammenkommen geben kann. Auch die Innenreflexion ist wesentlich: Die Menschen vor Ort sollen im Idealfall das Gefühl haben, dass hier etwas in die Zukunft Gerichtetes passiert.

Klangforum Wien
Foto: Lukas Beck

Ernst Kovacic: Ich erkenne hier durchaus eine Langzeitwirkung. Gerade im Rahmen der Kinderprogramme habe ich die Erfahrung gemacht, das die Zusammenarbeit für die Teilnehmer sehr prägend sein kann. Auch spüre ich ein deutliches Anwachsen der Neugier und des Interesses in unserer Bevölkerung.

Welche Rolle spielt Internationalität für das brückenfestival?

Ursula Horvath: Wir bieten kein touristisches Programm. Natürlich kann und soll das Festival nicht nur regional strahlen, aber es geht ganz klar von der Region aus.

Ernst Kovacic: Es geht ja um beide Richtungen: Wir informieren einerseits  Menschen unserer Gegend über das, was international in der Welt der Musik vor sich geht.
Andererseits aber strahlt unser Festival auch durch die Art und Weise unserer Programme. Es kann uns nur recht sein, wenn wir über die Landesgrenzen hinaus bekannt sind. Die Aussenwahrnehmung gibt auch unserem Publikum das stolze Gefühl, dass dem kunsthaus muerz das Brückenbauen zwischen der großen Welt und der Region gelingt.

Warum sollte man sich heute mit zeitgenössischer Musik auseinandersetzen?

Ernst Kovacic: Das ist eine große Frage. Obwohl ich „alte Musik“ liebe, sie bildet unsere Welt nicht mehr ab: Ein Ereignis in der Neuen Musik, der „Cluster“, das gleichzeitige Erklingen mehrerer benachbarter Töne kann als ein Beispiel dienen: Man kann ihn als Klangbild dafür verstehen, dass wir alle verschiedene Meinungen haben, oft sehr naheliegende, aber doch andere. Die Klangwelt der Neuen Musik ist differenzierter, viel reicher an Facetten, sie verleibt sich mehr und mehr Klangvisionen verschiedenster Kulturkreise ein und schafft allmählich eine erdumspannende Tonsprache. Eurozentrismus ist nicht mehr aufrecht zu erhalten. Wir wachsen auch musikalisch zu einer Welt zusammen.