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Wie aus Forschern erfolgreiche Unternehmensgründer werden

JOANNEUM-RESEARCH-Geschäftsführer Wolfgang Pribyl. Foto: Manuela Schwarzl

JOANNEUM-RESEARCH-Geschäftsführer Wolfgang Pribyl über erfolgreiche Start-ups, innovative Ideen und die Schlüsselfunktion der heimischen Forschungsschmiede.

Text: Wolfgang Pauker

Die sieben Forschungseinheiten Ihres Hauses präsentieren sich traditionell auf der Zukunftskonferenz. Warum wählte man heuer das Thema „Entrepreneurship“?

Ein Kernelement des Unternehmensauftrages der JOANNEUM RESEARCH ist der Technologietransfer in die Wirtschaft. Dies geschieht primär durch die gemeinsame Arbeit in Forschungsprojekten, aber auch durch die Gründung von Spin-offs und Start-ups durch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das unternehmerische Denken, das Verständnis für das Unternehmertum ist für ein angewandtes Forschungsunternehmen essenziell, daher ist die diesjährige Zukunftskonferenz dem wichtigen Thema „Entrepreneurship“ gewidmet. Den Besucherinnen und Besuchern wurde neben den Einblicken in die Forschungsaktivitäten und dem Innovationsnetzwerk des Unternehmens heuer auch die Gelegenheit geboten, einen Teil der aus der JOANNEUM
RESEARCH entstandenen Unternehmen kennenzulernen.

Mit dem Fokus auf angewandte Forschung nimmt die JOANNEUM RESEARCH eine Schlüsselfunktion im Wissenstransfer ein. Worin sehen Sie Ihre Rolle an der Schnittstelle zur Wirtschaft?

Die JOANNEUM RESEARCH orientiert sich bei der Entwicklung ihres Forschungsportfolios am Bedarf der Wirtschaft vor Ort und unterstützt Unternehmen bei der Entwicklung von Technologien und Prozessen. Sie leistet damit einen zentralen Beitrag zur Sicherung und Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit österreichischer Betriebe. Wir bemühen uns, im großindustriellen Bereich wirkliche Schlüsselinnovationen zu machen – sei das im Stahlbereich mit der voestalpine oder mit so großen Firmen wie AT&S oder Infineon, die dann in weiterer Folge von diesen verwertet werden. Für den Standort sehr wichtig sind aber kleinere Firmen, die wir unterstützen, um ihre Innovationsfähigkeit zu stärken. Da wir auch sehr gut in das europäische Forschungsnetzwerk eingebettet sind, können wir den heimischen Unternehmen darüber hinaus Zugang zu internationalen Entwicklungen und Forschungs- und Technologieprogrammen der Europäischen Union erleichtern. Dies ist besonders für kleinere und mittlere Unternehmen wichtig, die selbst nicht über ein internationales Netzwerk verfügen.

Im Ausstellungsbereich der Zukunftskonferenz präsentieren die Forschungseinheiten Technolo-gien am Puls der Zeit.
Foto: JOANNEUM RESEARCH/Bergmann

Wie kann Entrepreneurship in Zeiten der Digitalisierung für Institutionen aus Wissenschaft und Forschung wirksam werden?

Die Digitalisierung durchdringt alle Segmente der Wirtschaft und hat damit wesentliche Auswirkungen auf alle Aspekte wirtschaftlichen Tuns. Für die Wissenschaft und Forschung ergeben sich durch die Digitalisierung eine Vielzahl neuer Möglichkeiten. Neue Werkstoffe, neue Medikamente, neue Fertigungstechnologien wie der 3D-Druck wurden und werden durch die Digitalisierung ermöglicht. Auch die aktuellen Entwicklungen im Bereich des hochautomatisierten Fahrens und der Kommunikation zwischen Fahrzeugen und Verkehrsinfrastruktur wird durch Digitalisierung ermöglicht. Forscherinnen und Forschern bietet sich die Chance, spannende und für die Gesellschaft und Wirtschaft relevante Fragestellungen erfolgreich zu beantworten. Nicht zuletzt bietet die Digitalisierung auch die Möglichkeit der einfacheren weltweiten Kommunikation und des wissenschaftlichen Diskurses zwischen Forscherinnen und Forschern in aller Welt.

Welche Herausforderungen stellen sich für Forschungseinrichtungen?

Die Herausforderungen sind vielfältig. Nachdem viele Institutionen nach Personal suchen, ist es eine der Problemstellungen, die richtig guten Leute zu finden und diese auch zu halten. Da sind wir, denke ich, nicht schlecht unterwegs, weil es hier im Haus ein interessantes Arbeitsumfeld gibt. Eine weitere Herausforderung ist, dass man ein gemeinsames Verständnis aufbaut, um dann die neuen Techniken in die Produkte und Services zu bringen. Und ein ganz großes Thema ist der Bereich Cyber Security. Hier sind wir sehr stark tätig, wenn es darum geht, neue Methoden und Verfahren sicher zu gestalten, sodass die gewünschten Effekte eintreten und nicht die ungewünschten, von denen man dann oft in der Zeitung liest. Hierfür hat die
JOANNEUM RESEARCH mit der Forschungsgruppe Cyber Security and Defence ein eigenes Forschungsteam zu diesem Themenbereich etabliert, das neben industriellen Kooperationen auch Partnerschaften mit dem österreichischen Bundesheer und dem Innenministerium unterhält.

Wie können Forschungsergebnisse in den Markt eingeführt und Spin-offs, also die weiterführende Nutzung einer Technologie, erfolgreich etabliert werden?

Wenn ich aus unserer Erfahrung heraus spreche, dann ist es zweckmäßig und notwendig, dass man, noch bevor man etwas ausgliedert, schon ein bisschen ein Gefühl dafür hat, was wirklich möglich ist. Es ist wichtig, einen guten Businessplan zu haben, der eine realistische Basis für den Marktzugang bildet. Die JOANNEUM RESEARCH hat in den vergangenen Jahren erfolgreich einige Spin-offs gegründet, die am Markt hochflexibel agieren können und damit für die Wirtschaft von besonderem Interesse sind. Auch die gemeinsam mit den Universitäten und Unternehmen aufgebauten Kompetenzzentren oder Unternehmen wie die steirische ALP.Lab GmbH sind im weitesten Sinne Spin-offs der etablierten Forschungseinrichtungen bzw. ihrer Forschungsaktivitäten. Auch aus den vielen internationalen Forschungskooperationen ergeben sich für die JOANNEUM RESEARCH immer wieder gute Know-how-Verwertungsmöglichkeiten, einerseits durch die Vergabe von Produktionslizenzen, andererseits durch die Übernahme der Produktion durch lokale Unternehmen und anschließenden Export der Produkte bzw. Dienstleistungen.

Foto: Manuela Schwarzl

Die Umsetzung von Innovationen braucht Ideen und einen langen Atem. Was müssen Entrepreneure an Rüstzeug mitbringen, um erfolgreich zu reüssieren?

Sie müssen einen gewissen Weitblick haben, sie müssen Geduld haben und in der Regel auch einen sehr großen Arbeitseinsatz liefern, der weit über die normalerweise im Arbeitsgesetz geregelten Grenzen hinausgeht. Und sie müssen auch den richtigen Investor finden, denn es ist wichtig, dass man den eigenen Atem, der oft nicht lang genug ist, entsprechend erweitern kann durch Zusatzkapital. Und eine kritische Sache diesbezüglich bei den jungen Unternehmen ist, wie viel Prozent einer aufstrebenden Firma diese bereit oder gezwungen sind abzugeben, um dafür das entsprechende Kapital zu bekommen. Hier rechtzeitig – auch betriebswirtschaftlich, neben dem reinen technisch-wissenschaftlichen Aspekt – zu erkennen, dass es einen nächsten Schritt benötigt und man vielleicht einen zusätzlichen Partner braucht und das auch zu wagen, ist sicher eine schwierige Aufgabe.

In welchen Bereichen sehen Sie am meisten Zukunftspotenzial?

Potenzial gibt es u. a. durch die Auswirkungen des Klimawandels auf die Landwirtschaft und generell die Landnutzungsmöglichkeiten. Mit LIFE, dem Zentrum für Klima, Energie und Gesellschaft, stellt sich die JOANNEUM RESEARCH diesem Fragenkomplex und ist gut gerüstet, um die öffentliche Hand und die Wirtschaft zu beraten und zu unterstützen. Ein Thema, das ebenso die ganze Gesellschaft betrifft, ist die Mobilität. Ein Bereich, in dem Zahlen, Daten, Fakten mehr denn je gefragt sind, um die Diskussionsgrundlage der oftmals rein emotional geführten Diskussionen zu verbessern. Mobilität ist ein wesentliches Element unserer Gesellschaft. Sie bietet persönliche Freiheit, ebenso aber ist sie eine wesentliche Voraussetzung für unser Wirtschaftssystem. Dem Thema Mobilität widmen sich daher viele unserer Institute. Einerseits im Bereich Autonomes Fahren und Fliegen, andererseits aber auch beim Thema Smart Mobility, das vor allem im urbanen Raum beforscht werden muss. Sehr interessant ist auch die Frage nach dem Mix der zukünftigen Antriebssysteme und Treibstoffe. Wasserstoff, Strom, Diesel, Gas – die Welt wird vielfältiger werden. In der Robotik drehen sich die großen Forschungsfragen um die Zusammenarbeit zwischen Menschen und Robotern und die Sicherheitsfragen, die in diesem Zusammenhang beantwortet werden müssen. Generell ist aber der Bereich der Produktionstechnologien und hier wieder das Thema der additiven Fertigung, das auch den 3D-Druck beinhaltet, für die österreichische Wirtschaft in allen Segmenten von besonderer Wichtigkeit. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass bei allen Diskussionen über mögliches Zukunftspotenzial und dem Einsatz von Ressourcen aus der Forschung die Schwerpunkte der österreichischen industriellen Produktion Berücksichtigung erfahren müssen.

Foto: JOANNEUM RESEARCH/Bergmann

 

Neunte Zukunftskonferenz

Entrepreneurship

Die JOANNEUM RESEARCH lud wieder zur jährlich stattfindenden Zukunftskonferenz in den Messe Congress Graz.

Die diesjährige Veranstaltung stand unter dem Generalthema „Entrepreneurship“ und lieferte nicht nur einen Überblick über die Forschungslandschaft des Unternehmens, sondern auch einen Einblick in die Verwertung und Marktumsetzung von Forschung. Über 600 Interessierte folgten der Einladung zum Wissensaustausch und offenen Dialog über die neuesten Technologien, deren Potenzial und wirtschaftliche Verwertung. Magdalena Hauser, CEO der I.E.C.T Hermann Hauser Management GmbH, und Clemens Gasser, CEO der NEXTSENSE GmbH, konnten als Hauptvortragende gewonnen werden. Zentrales Thema beider Vorträge war, wie aus Forscherinnen und Forschern erfolgreiche Entrepreneure werden. Hauser schöpfte aus der Erfahrung ihrer Arbeit im „I. E. C. T. – Institute for Entrepreneurship Cambridge“ in Tirol. Das I. E. C. T. arbeitet mit dem Ziel, viele Start-ups und Entrepreneure sehr erfolgreich zu begleiten. Clemens Gasser, selbst ehemaliger Mitarbeiter der JOANNEUM RESEARCH, präsentierte das „Erfolgsmodell NEXTSENSE – Der Weg vom Start-up zum Weltmarktführer. Wie vier JOANNEUM RESEARCH-Mitarbeiter mit Entrepreneurship und einer innovativen Idee binnen 10 Jahren ein KMU aufbauen und dieses nun für die Zukunft in einem Konzern rüsten.“

JOANNEUM RESEARCH-Geschäftsführer Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Pribyl (Mitte) mit Landesrätin MMag. Barbara Eibinger-Miedl (2.v.l.), Kärntens Landeshauptmann-Stellvertreterin Dr. Gaby Schaunig (2.v.r.), Hauptvortragende Magdalena Hauser, BA MSc (l.), und JR-Aufsichtsratsvorsitzender Dr. Martin Wiedenbauer (r.)
Foto: JOANNEUM RESEARCH/Bergmann

Vom Labor in den Markt

Dieses Jahr wurden erstmals auch Studierende eingeladen, sich für einen Platz im Workshop „Research and Entrepreneurship: Vom Labor in den Markt“ mit Magdalena Hauser zu bewerben. Einige von ihnen konnten am Workshop teilnehmen und erhielten einen Einblick in die Welt der Start-ups, der Investoren, ihrer Ziele und Erwartungshaltungen. Die sieben Forschungseinheiten MATERIALS, HEALTH, DIGITAL, POLICIES, ROBOTICS, LIFE und COREMED diskutierten mit Interessierten, Kunden und Partnern in einzelnen Sessions folgende Themen: „Sciencepreneur­ship und Digitalisierung“, „Best Practice in Robo-Business“, „Firma gründen und ‚… nur noch kurz die Welt retten‘ – Klimaschutz und Climate Services als Chance für Start-ups“, „The 3Ls of Entrepreneurship: Look, Listen and (Lessons) Lern(ed)“, „Digitalisierung im Krankenhaus – Chancen für Entrepreneurship“, „Die Gründungslandschaft Österreichs – Dynamik, Herausforderungen und regionale Lösungsansätze“ sowie „Über den Wolken – die Rolle von MATERIALS in der Luftfahrt“.

In einem vollen Saal sprach die Hauptvortragende Magdalena Hauser darüber, wie aus Forschern erfolgreiche Entrepreneure werden.
Foto: JOANNEUM RESEARCH/Bergmann

Highlights des Forschungsprogramms

Im Rahmen der Zukunftskonferenz haben sich auch Spin-offs der JOANNEUM RESEARCH im Ausstellungsbereich präsentiert. Darunter zum Beispiel die decide Clinical Software GmbH, die das Erfolgsprodukt GlucoTab, ein Tablet-basiertes Dia­betes-Management-System, weiterentwickelt und vermarktet, oder die Geo5 GmbH, ein Spin-off der JOANNEUM RESEARCH im Bereich Geophysik und Tiefengeothermie. Auch die Steirische Wirtschaftsförderungsgesellschaft (SFG) war im Ausstellungsbereich vertreten. Die JOANNEUM RESEARCH präsentierte Highlights ihres aktuellen Forschungsprogramms. Die JOANNEUM RESEARCH Forschungsgesellschaft mbH entwickelt Lösungen und Technologien für Wirtschaft und Industrie in einem breiten Branchenspektrum und betreibt Spitzenforschung auf internationalem Niveau. Mit dem Fokus auf angewandte Forschung und Technologieentwicklung nimmt die INNOVATION COMPANY eine Schlüsselfunktion im Technologie- und Wissenstransfer ein.

www.joanneum.at