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Kulturregionen im Portrait: die südsteirische Grenzregion

Michael Petrowitsch, Absolution, Immersion, Innehalten (sexy 2), aus der Serie Innehalten, Fotoarbeit 2017

Als der Begriff „südsteirische Grenze“ aber sowas von „sexy“ wurde und sich in geiles Vokabular einschlich.

Text: Michael Petrowitsch

Rückblick: Wir reden von einer Region, für die sich von dort abkünftige Menschen zuweilen schämten, da eher als Armenhaus denn als Kulturproduzent im weitesten Sinn bekannt. So Mitte 1970er Jahre, Sommerferien, Ratsch an der Weinstraße: ich geh immer zum Nachbarhof spielen. Bloßfüßige, verdreckte Kinder, Kuhstall, unter den Wohnschlafräumen von insgesamt neun Personen aufgeteilt auf drei Generationen. Das Grenzthema ist allgemein präsent. Die Omi sagt: „… benimm dich, sonst gehen die Partisanen mit dir über die Grenze.“ Und „hör auf, mit den Beinen zu wackeln“. „Tote Hunde ausläuten“ nennt sie das. Die Hunde in Ratsch 40 verschwinden regelmäßig oder werden abgeschossen, das machen die Jäger, die haben ihren Spaß dabei, oder gar die jugoslawischen Soldaten, die auf Hochständen an der Grenze gewohnt haben? Zicki und Flocki zum Beispiel, verschwunden im Wald, der Richtung Jakope und Richtung Grenze geht. Dort, wo sich ein paar Jahrzehnte später VW-Vorstandsbosse einkaufen, höchstrangige PolitikerInnen tanzen und fesche Jungwinzer hochdeutsch in die Seitenblickekamera plaudern, dass der Sauvignon blanc heuer wieder fantastisch wird.

Ich sag mal so: Die südsteirische Grenze ist zweigeteilt, auf der B67 bei Vogau links bzw. rechts weg. Zwei Gebiete, zwei Kinder, die man irgendwie gleich lieb haben muss. Also die „steirische Toskana“ auf der einen Seite und das Gebiet um die Mur auf der anderen. Klingt vorerst banal geographisch, schlägt sich aber auf das Gemüt/die Gemütlichkeit der Menschen nieder. Was tun mit dem „Kulturbegriff“ in der Region? Vorhandenes stärken? Neues Heranschaffen? Hm … Landesausstellungen zum Beispiel. Hüben Wein in Gamlitz 1990 (de facto eine gelungene Reinwaschung nach dem sogenannten „Glykolskandal“) und ausgerechnet „Yougend“ 1998 in Bad Radkersburg, wo sich wahrlich Grenzüberschreitenderes angeboten hätte, waren Startschuss für Nachhaltigeres. Und damit sei nicht nur der massive Anstieg der Immobilienpreise auf der Toskanaseite gemeint. „Franz und Franc“ Anfang der 1990er Jahre war ein Meilensteinprojekt in ­puncto grenzüberschreitender Zusammenarbeit in Radkersburg. Von Ed Hauswirth initiiert und unter den damaligen strengen Bedingungen durchgeführt. „Aufgenommen“ wurde das Konzept dann durch „Meja na reki – Grenze im Fluss“. Das kam in Wien gut an. Und es wurde schön langsam chic, sich mit dem Thema Grenze auseinanderzusetzen. Das kam in den Medien und in Wien gut an. Topos Grenze: Das Konzept funktioniert interessanterweise noch immer und wird immer funktionieren. Projekte wie „Vorurteile abbauen“, das „Gemeinsame vor das Trennende stellen“ etc. haben nach wie vor Saison. Das ist ethisch-moralisch betrachtet eh gut so, aber oft in der Menge auch ein wenig zu inflationär. Speziell um die Zeit vor und nach der „Flüchtlingskrise“. Weitgehend verantwortet von Menschen, die gar nicht an der Grenze leben. Und das Thema ist zum Klischee verkommen. Dass grenzüberschreitendes Zusammenleben ohnehin schon immer funktioniert hat und sich die Region von außen nicht unbedingt etwas hineinreden lassen wollte, wurde leider von „Zuagroastn“ oft außen vor gelassen. Zurück zu den 1980er und gleich mal Hand aufs Herz: Natürlich hatte die ­Intelligenzija aus der Südsteiermark mit ihrer Abwanderungstendenz für eine gewisse Ausdünnung des Landstriches gesorgt.

Heimkehrer brachten Wissen von der großen weiten Welt zurück.

Seppi Schemeth war so einer. Als Student in Graz im Forum Stadtpark aktiv. Ein Basisarbeiter und früher Weggefährte in Sachen Pavelhaus. Ein Visionär. Einer jener, der in der Region als ein wenig aufmüpfig galt und deswegen auch den Weg aus der Enge suchte. Nach der Heimkehr in den späten 90er Jahren aktiv zu werden, war für ihn eine Wohltat. Die Guten sterben leider viel zu jung. In jedem Fall war das von der Familie Gombocz in Laafeld stark mitinitiierte Kulturheim am Anfang nicht sonderlich beliebt. Ein Fremdkörper gar. Viel Emotion im Spiel. Ein artifizielles Teil, eine Wiener und Laibacher Erfindung unter Umgehung von Landesbedürfnissen. Zudem im Dunstkreis eines urbanen, multikulturellen, minderheitenfreundlichen Ge­dan­kenguts der 1980er Jahre entstanden. Weiters ex negativo formuliert und das sollte hier auch erwähnt werden: Franz Fuchs ist immer Thema. De facto ein „Mitbegründer“ des Hauses, ohne seine Briefbombe keine mediale Öffentlichkeit, keine Förderungen, kein Pavelhaus. So ging der Algorithmus. Kein Fortkommen ohne schweres Gerät, so geht Kultur­arbeit in den Regionen! Nicht umsonst kam immer wieder der Vorwurf aus der Nachbarschaft, dass der Verein sich die Bombe selbst geschickt hätte. Die grundsätzliche ­Auseinandersetzung mit der Frage „Was ist Kultur, Ethnie, Rasse, Volk, Identität?“ begleitete das Programm des Hauses in der Anfangszeit. Zwischen Identitätsmanagement und Slowenenmacher. Die Teilnahme beim ersten steirischen herbst von Peter Oswald und der Besuch von LH Waltraud Klasnic Anfang der 2000er löste viel auf. Ab da rutschte man im Tun in so etwas wie „Normalität“ und einen „geordneten Ablauf“. Highlights gab es viele und Rückschläge auch: Zweisprachige Kulturtafeln dies- und jenseits der Grenze nach südfranzösischem oder irischem Vorbild war ein Plan Mitte der Nullerjahre. Mit Altbürgermeister Peter Merlini fand man damals einen kämpferischen und verlässlichen Partner. Leider wurde das nicht weiterverfolgt. Die große Erzählung „Sprache qua Blut qua Rasse“ machte damals auch vor der Minderheitenfrage nicht halt. Die beiden Linien „multiple Identität“ vs. „Volksgruppenbewusstsein“ wurden auch intern bezüglich der ideologischen ­Vereinsausrichtung des „Artikel-VII-Kulturvereins“ dem Träger des Pavelhauses diskutiert. Ein allgemeines ideologisches Dilemma, das sich bis heute fortsetzt. Das Pavelhaus ist momentan saturiert und angelangt, im besten Fall beides. Chor und Slowenischkurs reichen für Basisförderungen und reichlich mehr. Politisch wird momentan nichts mehr gefordert und alles Weitere funktioniert als Selbstläufer. Apropos Minderheit: Als solche ist sie natürlich nicht fassbar und da kein Kollektivbewusstsein erarbeitet wurde, ist sie als solche nicht vorhanden. Zweisprachige Menschen gibt es natürlich nach wie vor. Der Sicheldorfer Kürbiskernprofi Majszan weiß ein slowenisches Lied davon zu singen, auch davon, dass die Sprache kaum weitergegeben wird. Slowenisch als Arbeitssprache der Doppelbesitzer und weniger als identitätsstiftendes Momentum.

So war das circa. Und jetzt?

Mittlerweile hastet der Murradwegfahrer durch den Tann (bzw. Maiglöckchenwald) und über die Interreg-IIIa-Brücke bei Donnersdorf. Herrlich entspannt lässt es sich bei der Murecker Schiffsmühle verweilen. Zarte Pflänzchen wie das Murecker Jugendzentrum, das Urbanität in den beschaulichen Ort brachte und immer fesche Zusammenarbeit mit den Pendants auf der slowenischen Seite vorwies, schenkten dem Heranwachsenden bis vor kurzem glückselige Zeiten. Mittlerweile hat das Projekt „Norost na meji/Wahnsinn an der Grenze“ das intellektuelle Kommando übernommen. Das Josef-Matl-Haus in Abstall erinnert an die deutsche Minderheit in Slowenien und das Kulturforum und das Zehnerhaus in Radkersburg arbeiten intensiv in und für die Region. Höchst ambitioniert auch der Versuch, von Graz aus das Zollamt an der Friedensbrücke, die im nächsten Jahr ihren 50er feiert in Schwung zu bringen. Möge die transgenerationale Weitergabe von Grenzmythen auch zukünftig Unangepasstes und Alternatives beflügeln.

Michael Petrowitsch wurde in der Südsteiermark geboren, lebt aber in Graz.