Start Featureshome „Wollen keinen moralisch-belehrenden Weg einschlagen!“

„Wollen keinen moralisch-belehrenden Weg einschlagen!“

KRA (Nora Köhler und Vera Kopfauf) Foto: Marlen Weingartmann, Tim Habe

Das Theaterkollektiv KRA wurde von Theaterland Steiermark zu einer Residency bei den Theatertagen Stainach eingeladen. Mit ihrem Projekt stellen sie sich der Klimakrise. Wir sprachen mit ihnen über ihre „Mission Mustang“.

Interview: Stefan Zavernik

Bei den Theatertagen Stainach zeigt ihr mit MISSION MUSTANG ein Projekt mit einem sehr ortsspezifischen Ansatz. Was hat euch an Stainach als Arbeits- und Aufführungsort besonders gereizt?

KRA löst alle Konflikte der Welt. Aktuell lösen wir die Klimakrise. Stainach ist für uns der nächste logische Schritt. In unserer neuesten Mission schauen wir nicht in die große, sondern in die kleine Welt, weil von dort kommen wir und dort kennen wir uns aus. Wir übersetzen die großen Weltrettungspläne in konkrete, lokale Realitäten, um sie handhabbar zu machen. Aus diesem Grund wurden wir vom Theaterland nach Stainach eingeladen: um vor Ort, am Verkehrsknotenpunkt des Ennstals, den jeden Tag hunderte Menschen auf der Durchreise passieren, genau hinzuschauen und an Lösungen zu arbeiten. Hier entwickeln wir die performative Grundstruktur für MISSION MUSTANG. 

Während eurer einwöchigen Residency recherchiert ihr direkt vor Ort zu Mobilität und öffentlichem Raum. Wie beeinflusst dieser unmittelbare Austausch mit der Region eure künstlerische Arbeit?

Wir rücken aus, wir reisen an, wir schauen hin, wir hören zu. Nur durch diesen unmittelbaren Kontakt verstehen wir den emotionalen Teil der Verkehrswende. Die Transformation ist politisch notwendig und technisch erklärbar, aber emotional weitgehend unbearbeitet. Wir recherchieren und erarbeiten vor Ort, wie man sich von einer Beziehung trennt, die toxisch geworden ist, aber immer noch nach Freiheit riecht.

Der Abschied vom Auto wird oft als persönlicher Angriff auf die eigene Identität und das Recht, Raum einzunehmen, erlebt. Wir dokumentieren diese Reaktion direkt vor Ort und machen sie zur Basis der Performance.

MISSION MUSTANG wird als performatives Abschiedsritual beschrieben. Ist dieses „Loslassen“ auch etwas, das ihr gemeinsam mit dem Publikum in Stainach verhandeln wollt?

Absolut. Veränderung ist am Anfang oft weniger die Freude am Neuen, sondern primär der Schmerz über das Loslassen der Welt, wie man sie kennt. In unserer Mission geht es um eine letzte Liebeserklärung an eine Erzählung, die uns lange getragen hat und nun bricht. Der Abschied, den wir inszenieren, richtet sich nicht nur an das Auto. Ein kleines, temporäres Autokino wird zum Ort, an dem große Erzählungen von Freiheit, Fortschritt und Zukunft neu verhandelt werden. Gemeinsam. Für einen Moment.

Im Rahmen eines regional verankerten Festivals wie den Theatertagen Stainach: Unterscheidet sich eure Herangehensweise an das Thema Klimakrise hier von Projekten in urbanen Kontexten?

Wir machen grundsätzlich keine anderen Arbeiten für Stadt oder Land, wir machen immer, was wir machen. Wir rücken an, um Verbindungen zu schaffen, Perspektiven zu wechseln und zu verstehen. Das sehen wir als zentralen Punkt unserer Arbeit und auch von Theaterland: lokale Diskurse in einen globalen Zusammenhang zu bringen und umgekehrt. Aber natürlich ist die Ausgangssituation beim Thema Auto in Stainach eine andere als in Graz. Der Individualverkehr spielt außerhalb urbaner Infrastrukturen eine viel größere Rolle. Abseits von Stadtbussen, Straßenbahnen, Carsharing, Mitfahrbörsen und gut ausgebauten Radwegen stellt sich ein Abschied vom Auto besonders schmerzhaft dar. Der Austausch mit Menschen, die auf Autos angewiesen sind, ist für uns von zentraler Bedeutung, um nicht, wie schon so viele, einen naiven, moralisch-belehrenden, vermeintlich einfachen Weg vorzuschlagen.


Ihr verbindet mit dem Projekt Performance, Film und Installation zu einem hybriden Format. Wie fügt sich diese Arbeitsweise in den Kontext von Theaterland Steiermark, das ja unterschiedlichste Theaterformen zusammenbringt?

KRA übersetzt gesellschaftlich relevante Themen in hybride, oft absurde Formen. Wir bringen ein Format, das die Grenze zwischen Fiktion und Realität bewusst verwischt. Es gibt nicht den einen Zugang zu der einen Realität. Unsere Arbeit verbindet unterschiedliche Genres, um Themen aus mehreren Blickwinkeln zu beleuchten und ihre Komplexität sichtbar zu machen. Denn sobald ein Konflikt in all seinen Facetten sichtbar ist, kann man anfangen, ihn ernsthaft zu bearbeiten und letztlich auch zu lösen. KRA löst jeden Konflikt.


KRA versteht Kunst auch als gesellschaftliches Experiment. Welche Rolle spielt das Publikum der Theatertage Stainach dabei – eher Beobachter oder Teil eurer künstlerischen Untersuchung?

Jede Anwesenheit verändert das Gefüge und wird Teil des Versuchs. Wer teilnimmt, wird zum Akteur in einem gesellschaftlichen Experiment. KRA rettet die Welt. Alle Anwesenden sind beteiligt.        

Das Theaterfestival in Stainach
Veranstaltet und kuratiert von Theaterland Steiermark

14.–19. April
www.theaterland.at