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Warum eine Kunst-Auszeit ein schreckliches Dilemma ist

Otto Hans Ressler Foto: Klaus-Dieter Weber

Ein Kommentar von Otto Hans Ressler, Kunstexperte und Auktionator.

Die türkis-grüne Bundesregierung hat uns eine Auszeit verordnet. Im Speziellen eine Auszeit von Kunst. Sie verordnet uns eine Zeit ohne Musik, eine Zeit ohne Bilder, eine Zeit ohne Literatur, eine Zeit ohne Tanz, eine Zeit ohne Theater. Das sei kein Problem, sagen Sie? Schließlich könne man ja Musik auch im Radio hören, Bilder im Internet anschauen, lesen, was an Büchern zuhause herumliegt, tanzen in den eigenen vier Wänden, und statt Theater gibt’s halt Hörbücher. Also kein Problem? Wir werden genug zu essen haben, uns zuhause sicher fühlen können, höchstens wird‘s ein bisschen langweilig – also, was soll die Aufregung? Nun, vielleicht, weil wir die Kunst brauchen. Wir brauchen sie, um uns bewusst zu werden, dass unsere Sinne nicht allein Empfangsgeräte für Informationen sind; dass wir Wahrnehmen bewusst als sinnvolle Tätigkeit erleben. Kunst führt uns vor Augen, dass Wahrnehmen etwas Wichtiges ist, etwas, das alles verändern kann. Denn durch die Kunst wird der Akt der Wahrnehmung reflektiert, und das heißt, dass wir schärfer, genauer, tiefer, konkreter, komplexer, lebendiger empfinden.

Genau gesagt, brauchen wir Kunst, um überhaupt Menschen genannt werden zu können. Gäbe es keine Kunst, gäbe es die Ideen, die Innovationen, die neuen Sichtweisen der Künstlerinnen und Künstler nicht, würde früher oder später alles vor die Hunde gehen. Wahrscheinlich würden noch eine Zeitlang technische Erfindungen gemacht werden. Wahrscheinlich würde es noch zu Innovationen kommen, die aus der Logik des Marktes und der Konkurrenz resultieren und mit viel Werbung und viel Geld durchgesetzt werden. Aber früher oder später könnte jedermann sehen, wie hohl alles ist. Früher oder später würden der Mangel an echter Kreativität und das Fehlen von Gegenentwürfen, der Verlust von Sinn, der Verlust von Schönheit schlagend werden. Früher oder später wäre es unübersehbar, dass das gesellschaftliche Leben, der technische Fortschritt, die wirtschaftliche Entwicklung, unsere Kultur und Zivilisation ohne den Motor Kunst, ohne die Phantasie, ohne die Freude am Sinn nicht mehr funktionieren. Früher oder später geriete alles zum Stillstand.

Deshalb brauchen wir die Kunst. Wir brauchen die Kunst, damit das Leben weitergeht. Damit ein wesentliches Element unseres Menschseins nicht brach liegt: Unsere Kreativität. Denn ohne Kreativität, ohne dass unsere Phantasie gefordert wird, könnte man uns nicht einmal als Menschen bezeichnen; wir würden uns in nichts von jedem anderen Lebewesen auf diesem Planeten unterscheiden.

Wir brauchen die Kunst, damit wir uns weiterentwickeln. Denn Kunst ist der neue Blick auf die Welt. Künstler und Künstlerinnen überschreiten die sichtbaren und unsichtbaren Grenzen, weil das die einzige Möglichkeit ist, etwas zu verändern. Und Veränderung ist die einzige Möglichkeit für uns, ein Stück voranzukommen. Ohne Kunst, ohne die neuen Sichtweisen, die durch sie entstehen, würden wir versteinern. Wir würden verkümmern. Wir wären vielleicht überhaupt nie aus unseren Höhlen gekrochen und hätten nie angefangen, so etwas wie Kultur zu entwickeln, so etwas wie Zivilisation.

Ohne Kunst, ohne die Herausforderung unserer Sinne, ohne das der Kunst innewohnende Prinzip der Innovation würden wir vielleicht noch immer mit Steinen nach wilden Tieren werfen.

Deshalb brauchen wir die Kunst. Damit wir durch sie mit neuen Sichtweisen konfrontiert werden, Sichtweisen, die verlangen, dass wir uns mit ihnen auseinandersetzen, die uns letztlich zwingen, sie uns anzueignen und uns auf diese Weise zu entwickeln. Denn das ist der eigentliche Wert der Kunst. Kunst bedeutet, dass wir die Welt immer wieder aufs Neue erkennen lernen.

Ja, wir brauchen Kunst; sie ist unverzichtbar. Sie ist ein Lebensmittel – im ursprünglichsten Sinn! Und eine „Auszeit“ davon, ist keine Durststrecke – sie ist ein entsetzliches Dilemma! Eine Zumutung! Eine Form der Versteinerung! Etwas, das uns eigentlich dazu bringen müsste, laut aufzuschreien!