Start Featureshome newsOFFstyria 2.19: Das Premierenfestival

newsOFFstyria 2.19: Das Premierenfestival

Animal Farm: Wenn der Mensch zum Zuchttier wird. Foto: Wille Filz

Theaterland Steiermark macht im September zum zweiten Mal Station in Graz. In insgesamt sechs innovativen Stücken wird auf spritzige Weise mit dem heutigen Zeitgeist abgerechnet.

Vom 10. bis zum 14. September wird die steirische Landeshauptstadt zu einer einzigen Theaterbühne, wenn in insgesamt sechs, extra für „NewsoffStyria 2.19“ komponierten Stücken innovative Ideen und Konzepte der Künstlerinnen und Künstler umgesetzt werden. Das Motto der steirischen Theaterfeste „Wir funktionieren“ ist der Festivalauswahl wie auf den Leib geschneidert, denn all diese Projekte beschäftigen sich mehr oder weniger mit der Frage, ob wir unser Leben hauptsächlich dafür verwenden sollen, zu funktionieren, oder ob wir aus dem gesellschaftlichen Korsett auch einmal ausbrechen dürfen. Insgesamt 21 Stücke und Theaterprojekte wurden bei der Jury vorab eingereicht, doch nur diese sechs dürfen das Grazer Publikum im September unterhalten:

Keep Stroke

Den Auftakt am 10. September macht das Planetenparty Prinzip mit einer außergewöhnlich direkten Performance. „Wir arbeiten im Zwölfstundentakt. Wir stehen auf, wir gehen ins Bad, wir gehen zur Arbeit. Wir arbeiten, wir produzieren, wir funktionieren. Jedes Rad dreht sich.“ Wir leben heute im 21. Jahrhundert in einer arbeitszentrierten Welt. Arbeit ist – soweit sie legal ist – die beste Möglichkeit, Geld zu verschieben. Wer arbeitet, hat eine Identität, ist jemand … im großen Hamsterradsystem. Die Arbeit sichert dem Menschen einen Platz in diesem Netzwerk. Doch was passiert, wenn sich das System plötzlich ändert? Genau an dieser Stelle setzt das Stück an: Die Arbeitsstruktur wird in den nächsten Jahren sukzessive einer Transformation unterzogen. Computertechnologien und der Fortschritt in der Entwicklung von künstlicher Intelligenz machen dem Menschen seinen Arbeitsplatz strittig. Die drei Performerinnen begeben sich in eine feministische und differenziert kritische Debatte zum Thema Arbeit in der Zukunft. „Wie sieht die Zukunft der Arbeit aus? Oder müsste die Frage vielmehr lauten: Wie sieht die Zukunft ohne Arbeit aus?“

Di, 10.9.2019, 20 Uhr, Büro für Pessi_mismus, Waagner-Biro-­Straße 20

Konzept & Performance: Victoria Fux, Nora Köhler, Alexandra Schmidt

Keep Stroke – Das Planetenparty Prinzip rechnet mit der Hamsterradgesellschaft ab.
Foto: Clemens Nestroy

Verrückte

Emma Berentsen und Hanna Rohn nehmen das Publikum mit in einen Raum der Geschichten, in den Kopf von jemandem – irgendeinem, unserem, deinem. Das engagierte Theaterduo hinterfragt in Verrückte Stigmata und romantisierte Ideen rund um das Bild des Künstlers in der Gesellschaft und findet sich dabei in einem Erste-Hilfe-­Kurs für psychische Gesundheit wieder. In einer gelungenen Mischung aus Performance und Hörstück wird auch der Frage nachgegangen, wie viele Bedeutungen das Wort „verrückt“ überhaupt haben kann. Wer oder was ist verrückt? Dass dies nicht so einfach geklärt werden kann, zeigt bekanntlich die weitverbreitete Annahme, dass Genie und Wahnsinn sehr knapp beieinanderliegen. „Wo ziehen wir die Grenze zwischen Kreativität und Wahnsinn? Wie viel psychisches Leiden braucht die Kunst – oder braucht sie es überhaupt?“

Mi, 11.9.2019, 19 Uhr (Premiere) und um 21 Uhr, TaL – Theater am Lend, Wiener Straße 58A

Konzept und Performance: Emma Berentsen und Hanna Rohn, Sprache: Englisch

ZUCHT – Neue Zeiten brauchen Neue Körper!

Fünf junge Performerinnen aus einer Generation, die mittlerweile alles kann, aber nichts mehr muss, wagen ein Experiment. Angekommen beim Militär, müssen sie von einem Moment auf den anderen ihre zerbrechliche, schwache Seite ablegen und für die nächste Zeit wegsperren – es wird gefolgt und nicht gefühlt! Sie ordnen sich dem militärischen Drill unter, um später ganz nach oben zu kommen, verkaufen dabei aber ihre Seele und ihr Wesen. Das soll sich lohnen? In ihrem Projekt begeben sich die jungen Frauen auf die Suche nach dem Reiz der Strenge, Autorität, Struktur und Ordnung. Diese Erfahrungen bilden die Grundlage einer Bewegungsperformance, in der die neuen Rechten ebenso unter die Lupe genommen werden wie die Kommune. „Es darf alles probiert werden, bevor es gekauft wird, aber Ziel ist die neue Elite, der Übermensch.“

Do, 12.9.2019 (Premiere), 17 Uhr, und Fr, 13.9.2019, 20 Uhr, Theater am Ortweinplatz, Ortweinplatz 1

Performance: Maria Prettenhofer, Anna ­Weber, Franka Jauk, Lisa Sophie Oberleitner, Carmen Schabler

ZUCHT: Reiz der Strenge, Autorität und Ordnung Foto: TaO!

Wie du mir, so ich dir

Wollen wir wirklich unsterblich sein? – Mit dieser Frage spielen JULALENA, wenn „sie sich aufführen“. Das makabre Gelände der alten Schlachthof-Halle scheint gewagt, aber trefflich gewählt worden zu sein, um über die Tragik des Seins zu philosophieren. Dieses Stück will wachrütteln. Die beiden Künstlerinnen schlagen die Brücke von der Idylle der Tradition über die „Teilersetzten“ bis hin zu den unsterblichen Menschen, die aller Emotionen entsagen und sich endlos regenerieren können. Das ist das Ziel der Wissenschaft? – wohl eher (noch) nicht, denn diese zieht gerade die Notbremse. Die beiden Schauspielerinnen stellen nämlich entsetzt fest, dass längst nicht alles gemacht wird, was machbar ist, denn die Menschen haben mittlerweile etwas von unerwünschten Nebenwirkungen zu spüren bekommen: „Wenn Reichtum plötzlich die Unsterblichkeit ermöglicht, wohin wird der Hass der Armen wachsen?“

Do, 12.9.2019, 20 Uhr, Alte Schlachthof-Halle, Großmarktstraße 4

Performance: Lena Westphal, Jula Zangger

Wie du mir, so ich dir: Lena Westphal und Jula Zangger als JULALENA. Foto: Harry Schiffer

[THE FRAME]

Mit der Künstlergruppe Eléctrico 28 bringen auch internationale Performer ihre Visionen auf die Bühne. Das halb österreichische, halb katalanische Theaterkollektiv trägt in seinen Stücken Erfahrungen aus Literaturwissenschaft, Linguistik, Medizin und Personalwirtschaft zusammen, um etwas Einzigartiges zu schaffen. So auch [THE FRAME]. In ihrem „Urban Interventions & Site-Specific Theatre“ versuchen die Künstler, das schnell vorbeiziehende und pulsierende Stadtleben zu beobachten und verbal einzufangen. Vier charismatische Figuren übersetzen dabei das, was sich vor ihren Augen abspielt, in Buchstaben, die Wörter bilden, und Wörter, die Sätze bilden. Das ganze Leben wird so zu einem einzigen Theaterstück auf einer Bühne, die nie abgebaut wird. „[THE FRAME] ist eine Einladung, das Herz zu öffnen – für Belanglosigkeiten, Kleinigkeiten, Dinge.“

Fr, 13.9.2019, 17 Uhr (Premiere), und Sa, 14.9.2019, 11 Uhr, Stubenberggasse 7

Performance: Daniela Poch, Alina Stockinger, Jordi Solé, Josep Cosials

ANIMAL FARM – Theater im Menschenpark

Das AGORA-Theater, eine deutschsprachige Künstlergruppe aus Belgien, setzt sich mit George Orwells Klassiker Animal Farm auseinander und verflicht den historischen Hintergrund in ihre eigene Komposition. In der Parabel auf die menschliche Natur sind es die vom Menschen gezüchteten Nutztiere, die eine Revolution beginnen. Heute sieht das anders aus: Nun werden die Menschen selbst zum Objekt von Züchtungen und Optimierungen, um die Leistungsfähigkeit zu verbessern. Im zeitkritischen Stück der jungen Belgier nimmt der „Menschenpark“, wie ihn schon Sloterdijk nannte, den Platz der Animal Farm ein. Die Zuschauer pendeln in einer faszinierenden Reise zwischen Vergangenheit und Gegenwart, sie erkennen in der Geschichte „ein fortwährendes Anfangen, ein andauerndes Versuchen – eine permanente Revolution“.

Sa, 14.9.2019, 18.30 Uhr, Kristallwerk, Viktor-Franz-Straße 9

Performance: Karen Bentfeld, Galia De Backer, Catharina Gadelha, Roger Hilgers, Joé Keil, Eno Krojanker, Daniela Scheuren

Tickets: www.theaterland.at, Festival-Pass: € 60/40, Einzelkarte: € 15/8

Infos unter info@theaterland.at oder +43 664 834 74 06