Start Featureshome „Vertigo“ im mumok Wien: Eine Geschichte des Schwindels

„Vertigo“ im mumok Wien: Eine Geschichte des Schwindels

Ausstellungsansicht, Adolf Luther, Laserraum Foto: Markus Wörgötter

Mit der Ausstellung „Vertigo“ beleuchtet das Wiener mumok die Op-Art, eine spektakuläre und zu Unrecht unterschätzte Kunstform.

Unter den bahnbrechenden Kunstströmungen der 1950er- und 1960er-Jahre wurde der Op-Art bislang die geringste Aufmerksamkeit zuteil. Zu spektakulär und daher oberflächlich, so die Kritik. Zu Unrecht – denn die Op-Art schärft das Bewusstsein für die Ambivalenz der Wirklichkeit und führt buchstäblich vor Augen, dass die Wahrnehmung nicht objektiv ist, sondern einfach zu destabilisieren und zu täuschen. Vielmehr ist sie vom Standpunkt der jeweiligen Betrachter abhängig – und das mit allen erkenntnistheoretischen Konsequenzen. Schon im Außenbereich, noch vor Betreten der Ausstellung, werden die Besucher mit dieser Kunst vertraut gemacht. Der französisch-venezolanische Künstler Carlos Cruz-Diez, der in Vertigo mit einer Arbeit aus den 1960er-Jahren vertreten ist, hat in situ für den Stiegenaufgang vom MQ-Haupthof zum mumok-Entrée eine Promenade Chromatique geschaffen. Die Bodenarbeit bietet eine erste Idee vom Spiel mit der Wahrnehmung, noch bevor die Besucher die Ausstellungsräume selbst betreten haben.

Carlos Cruz-Diez, Promenade Chromatique Vienne
Foto: Markus Wörgötter

Eine Geschichte des Schwindels

Die Schau im Wiener mumok, Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig, die sich auf zwei Etagen erstreckt, eröffnet ein Vexierspiel der Sinne, das von Tafelbildern, Reliefs und (kinetischen) Objekten über installative Arbeiten und Erfahrungsräume bis hin zu Film und computergenerierter bzw. gesteuerter Kunst ein breites Spektrum an künstlerischen Arbeiten umfasst. Für den Ausstellungstitel Vertigo stand ­Alfred Hitchcocks berühmter Film aus dem Jahr 1958 Pate. Denn wie die Ausstellung operierte auch der Film mit der Doppeldeutigkeit des Begriffs Vertigo (englisch für Schwindel) als physischem Phänomen sowie sinnlicher und kognitiver Täuschung. Legendär ist die als „Vertigo-Effekt“ in die Filmgeschichte eingegangene Kameraführung, die bei der Schlüsselszene auf der Treppe im Turm den Blick in den Abgrund als spektakulär destabilisierende, spiralförmige Sogwirkung inszeniert. Nicht nur bei der Filmfigur Scottie, die an Höhenangst und Schwindelgefühlen leidet, löst diese Sequenz physische Reaktionen aus, sondern auch bei den Zusehern. Ebenfalls legendär wurde der Vorspann zum Film mit seiner Totalen auf ein Auge, in dem sich eine Spirale zu drehen beginnt, die schließlich in ein abstraktes Spiel unendlich anmutender Spiralbewegungen übergeht.

Marina Apollonio, Spazio Ad Attivazione Cinetica 6B
Foto: Lauren Glazer

Kunst für den gesamten Körper

Dass sich die Werke der Op-Art keineswegs nur an den Sehsinn richten, sondern Erfahrungen vermitteln, die den gesamten Körper affizieren, zeigt sich in der Ausstellung ebenfalls. Nicht von ungefähr betitelt etwa die Künstlerin Bridget Riley ihre Bilder mit Begriffen wie Blaze, Hesitate oder Climax: Bezeichnungen für extreme physische Erfahrungen oder Zustände. Tony Conrad wiederum setzt die Betrachter seines Flickerfilms sogar der Gefahr epileptischer Anfälle aus. Um die intendierten Wirkungen herbeizuführen, verlangen die Op-Art und die ihr verbundenen Formen kinetischer Kunst zudem die Bewegung der Betrachter vor dem Werk beziehungsweise in Relation zu diesem. Die Op-Art ist somit dem Prinzip des Anti-Klassischen verpflichtet, weswegen die Ausstellungskuratoren sie als Manierismus der konkreten Kunst begreifen. Präzise ausgewählte Referenzwerke nehmen Bezüge zu Beispielen antiklassischer Kunst und veranschaulichen, dass sich die Auseinandersetzung mit vibrierenden Mustern, pulsierenden, flüchtigen Nachbildern, paradoxen Raumillusionen, Anamorphosen, Moiré- und Umspringeffekten ebenso wie andere Methoden optischer Täuschung, aber auch körperlicher Affizierung bereits in früheren Epochen jeweils als Gegenpole zu Konzepten einer „Klassik“ finden.

Ausstellungsansicht

Vertigo

Op-Art und eine Geschichte des Schwindels 1520–1970

Zu sehen bis 26. Oktober 2019

mumok, Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien

Museumsplatz 1, 1070 Wien