Start Featureshome Kulturregionen im Portrait: Weltkulturdorf Saint Ulrich in Greith

Kulturregionen im Portrait: Weltkulturdorf Saint Ulrich in Greith

Foto: Bernhard Lampl

Wo Hochkultur und Volkskultur Hochzeit halten.

Text: Jimi Lend

Sankt Ulrich im Greith ist ein kleines Dorf in der Südweststeiermark. Es liegt in einem Meer von sanft sich wellenden bewaldeten oder mit Wein bepflanzten Erhebungen, von denen wir zu den größeren Hügelketten hinaufblicken, die uns von Kärnten und der slowenischen Steiermark trennen und von denen wir herab lächeln auf das Sulmtal und das Saggautal, zwischen denen sich unser Stammesland eingebettet findet. Es gibt hier weit und breit keine ebene Fläche, sodass es zwar schwer war einen international anerkannten Fußballplatz zu errichten, aber anscheinend außerordentlich gut geeignet, um ein international beachtetes Kulturzentrum zu werden. Die spätbarocke Kirche, um die herum wir unsere Toten bestatten und deren Turm weit in die umliegende Landschaft hinausstrahlt, ist der Urkultplatz unserer Gemeinde. Hier nehmen die Dorffeste ihren besinnlichen Ausgang, wenn zum Beispiel der Herr Pfarrer am Ende der Pfingstmesse verlautbart, dass die Friedhofstore heute für Lebende geschlossen bleiben, da im nun folgenden Laubdorffest sich wohl wieder alles in Rausch auflösen wird und die Vorangegangenen nicht durch allzu unchristliches Handeln in ihrer Totenruhe gestört werden sollten. Danebst der Dorfwirt, Finsterl, über Jahrhunderte ein Zentrum des weltlichen Lebens, hier wird diskutiert, leichengeschmaust, vermählt, gewählt und neulich sogar um die Wette gedichtet, denn eine Tochter des Hauses ist selbst Dichterin und veranstaltet jährlich, den mittlerweile bereits legendären Schilcherslam (5. Juli, 19 Uhr), in dem Poetinnen und Poeten aus ganz Mitteleuropa sich erst in ihrer Dichtkunst messen und dann spätnachts oft auch noch direkt vom heimischen Schilcher Inspiriertes in die Landschaft schmettern. Dieser schillernde Rebensaft hat wohl auch den Schriftsteller Gerhard Roth zu seiner Entscheidung beflügelt, sich hier in der Gegend niederzulassen. Ein Bild von ihm und seinem Kumpanen Wolfi Bauer bei geselligem Beisammensein hängt in der Gaststube des Finsterl und legt Zeugnis davon ab, dass wir nicht erst seit gestern ein Epizentrum der Weltkultur sind. In den Romanen von Roth können sie sich direkt an die schönsten Plätze unserer Gegend begeben und in seinen Fotografien schildert er uns detailliert die beeindruckende Vielfalt unseres Mikrokosmos. Ausstellungen dieser Fotografien sind immer wieder auch Programmpunkt im Greithhaus, das Neben der exzellenten Umweltzeichen-Volksschule, dem richtungsweisenden Musikheim und der frisch renovierten Feuerwehr, dem jüngsten Kulturtempel in unserem Kleinen Dorfensemble darstellt. Unaufdringlich eingebettet in die Landschaft, bietet das Greithhaus in seinem Innenraum einen multifunktionalen Kulturschauplatz, der Jahr um Jahr die besten Künstlerinnen und Künstler aller Sparten zu uns bringt. Die Sommerausstellungen zeitgenössischer Kunst sind dabei ebenso ein Fixpunkt im Programm wie die Konzerte des weltoffenen Sankt Ulricher Musikvereins. So ist das Greithhaus ein Fenster zur Welt der Hochkultur, aber auch Wirkungsstätte von lokalen Kultur­initiativen, die sich das Haus für außergewöhnliche Aufführungen zu eigen machen dürfen. Mit dem „Im Greith Theater“, einem jungen Volksschauspielerensemble aus der Region, durfte ich hier schon Ferdinand Raimund, Jura Soyfer und Wolfi Bauer inszenieren und hatte natürlich sehr begeistert im abgelegenen, ländlichen Umfeld meiner Vorfahren eine derartige Infrastruktur und Wirkungsstätte vorzufinden. Nur 5 Minuten vom Ortskern entfernt, am Mathanshof, habe ich zudem mit den Vi­tamins Of Society im Jahr 2011, noch zu Lebzeiten meiner Großmutter, damit begonnen, zeitgenössisches Theater auf den regionalen Spielplan zu setzen. Jedes Jahr schöpfen wir ein neues Stück Theatergeschichte aus der Landschaft heraus, arbeiten es gut durch und spielen es wieder in die Landschaft hinein. Jährlich kommen professionelle Musiker und Schauspielerinnen für ein paar Wochen zur Probenarbeit zu uns aufs Land und sind begeistert von der Kraft, dem Klima, der lokal organisierten Verpflegung und dem aufgeschlossenen Publikum, das sehr wohl von fern, aber auch und vor allem auch von nah kommt. Denn die Ulricherinnen und Ulricher sind Kulturmenschen, deren Neugier keine Grenzen kennt und die sich auch in einem vielfältigeren Stoasteirisch, als man es anderswo zu Gehör bekommt, ausgiebig über das Erlebte austauschen. Sie tanzen spätnachmittags am Dorffest noch Polka zum Oberkrainersound und begeben sich dann ins Kulturhaus zum Konzert der internationalen Blechblasavantgarde. Sie verkosten aufmerksam die kulinarischen Köstlichkeiten ihrer Nachbarinnen und philosophieren dabei stundenlang über die Feinheiten moderner Kunst. Wenn man ein wenig graben würde, fände man unter dem Hügel auf dem die Kirche steht gewiss ein steirisches Stonehenge, denn alles deutet darauf hin, dass Sankt Ulrich ein uralter Kraft- und Kultplatz ist, in dem das Leben laut gefeiert wird und an dem die Toten in bester Lage sanft schlummern und dem Rauschen lauschen.

Jimi Lend, geboren als Johann Wolfgang Lampl, ist Dichter, Schauspieler, Theatermacher und Regisseur