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Poesie in Ton und Linie im Steirischen Feuerwehrmuseum

Renate Krammers Werke dürfen auch gestreichelt werden. Foto: Christian Koschar

Feine Linien und archaischer Ton in zarter Inszenierung erwartet die Besucher der Ausstellung „Zwischentöne” im Feuerwehrmuseum Groß St. Florian. Irmgard Schaumberger und Renate Krammer bieten sanfte optische Herausforderungen und neue Zugänge zu bekannten Materialien.

Text: Lydia Bißmann

Seit einigen Jahren ist eine der Ausstellungen im Steirischen Feuerwehrmuseum Kunst & Kultur den zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern der Region gewidmet. Bis 26. Mai sind hier die Arbeiten der beiden Künstlerinnen Irmgard Schaumberger und Renate Krammer in der Ausstellung Zwischentöne zu sehen. Eine gemeinsame Werkschau war lange gehegter Wunsch der beiden Künstlerinnen, die nun Gestalt angenommen hat. Leider konnte Irmgard Schaumberger die Eröffnung im März nicht mehr miterleben – die Keramikkünstlerin verstarb während der Vorbereitungsarbeiten im letzten Jahr.

Neues Kleid für ein uraltes Material

Lehm und Ton sind die ursprünglichsten und elementarsten Materialien, die in der Kunst verwendet wurden. Erde als Ursprung, Wasser zur Formung, Luft zum Trocknen und Feuer zum Brennen kommen hier zum Einsatz. Irmgard Schaumberger studierte in Wien, Perugia und Linz und war seit 1988 Lehrbeauftragte für Keramische Formgebung an der HTL für Kunst und Design in Graz und leitete seit 2000 die Meisterklasse. Ihr Anliegen war es, die Keramik aus ihrer Geschichte zu sprengen und in einen anderen Kontext zu stellen. Was im Alltag als Tasse oder Krug auftaucht, bekommt von ihr die Form einer Postkarte oder Leinwand verliehen. Vasen oder Fliesen bekommen bei ihr neue Aufträge. In Kombination mit Worten und Gedichten von Friederike Mayröcker oder Bodo Hell formieren sich ihre Exponate zu dreidimensionaler Lyrik und poetischen Botschaften. Um die Wortkreationen lesen zu können, muss der Betrachter um die Gefäße herumgehen, sie von allen Seiten erfahren – Schaumbergers Werke verlangen nach Dialog und Eigenini­tiative. Auch bei einer Serie von Porträts muss man eine gewisse Licht- und Raumposition wählen, um die feinen Kopfumrisse erkennen zu können. Die Arbeit Fossilien lässt die Besucher dagegen länger ausharren. Wie ein Magnet ziehen die 450 Gipsabdrücke von sehr kleinen Alltagsgegenständen die Aufmerksamkeit auf sich. Sicherheitsnadeln, Büroklammern, Stecknadeln und Pflaster formieren sich dort zu einer Art Wimmelbild für Erwachsene.

„Fossilien“, Irmgard Schaumberger
Foto: Christian Koschar

Sinnlicher Perspektivenwechsel

Die Line gibt Richtungen vor, trennt das eine vom anderen und ist das Urelement der Gestaltung. In der Mathematik ist sie reines Gedankenkonstrukt ohne Körper, die aber alles ermöglicht. Renate Krammer gibt in ihren Werken der Linie selbst eine neue Bedeutung. Sie ist die dominierende Protagonistin ihrer Werke. Indem die Künstlerin die Papierkanten aufstellt, gibt sie der Linie eine dreidimensionale Form und verwischt die Grenzen zwischen Fläche und Raum. Sie spielt mit der Optik und stellt angelernte Sehgewohnheiten in Frage. Zwei ansonsten idente Reliefs wirken einmal rau, spröde und schuppig oder wolkig und weich, je nachdem ob die Kanten der Papierrisse nach oben oder unten zeigen. Sinnlich und zärtlich sind die relief­artigen Bilder, in denen gerissene Maul­-­beerbaumpapierkanten flauschige ­Flächen ergeben. Flächen, die man berühren und streicheln möchte, was man bei manchen Objekten auch darf. Papier aus Maulbeerbaum ähnelt der Urform von Papier, dem ägyptischen Papyrus, wird aber üblicherweise als billiges Verpackungsmaterial verwendet. An Schrifttafeln versunkener Kulturen erinnern auch ihre feinen Zeichnungen, die aus der Ferne wie fremde Buchstaben aussehen, in Wirklichkeit aber nur aus sorgsam angeordneten Bleistift­linien bestehen. Renate Krammer lebt und arbeitet in Kumberg und hat neben Betriebswissenschaft und Wirtschafts­päda­gogik Kunst bei Paul Rotterdam, dem Meister der Abstraktion und der minimalistischen Malerei, studiert.

Anja Weisi Michelitsch
Foto: Christian Koschar

Ganzheitliches Kunsterlebnis

Die Ausstellung spürt den Anknüpfungspunkten zweier zeitgenössischer steirischer Künstlerinnen nach, deren Arbeiten in ihrer jeweils eigenen, sehr reduzierten und zarten Formensprache in einen Dialog treten. Sie stellt einen holistischen Anspruch an den Betrachter – Denkprozesse der Logik und der Wunsch nach sinnlicher Erfahrung werden zu gleichen Maßen geweckt. Um dieses Erlebnis auskosten zu können, empfiehlt es sich, für den Besuch der wie gewohnt sorgfältig und umsichtig inszenierten Ausstellung Zwischentöne genügend Zeit nach Groß St. Florian mitzubringen.

Foto: Christian Koschar

 

Zwischentöne: Irmgard Schaumberger und Renate Krammer

17.3.–26.5.19, Di–So 10–17 Uhr im Steirischen Feuerwehrmuseum Kunst & Kultur, Marktstraße 1, 8522 Groß St. Florian

Erreichbar mit der S6 vom Grazer Hauptbahnhof, Tel. 03464 8820

www.feuerwehrmuseum.at