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Schrei aus der verletzten Moderne

Annette Dasch, zu sehen in Wozzeck" an der Oper Graz Foto: Ingo Pertramer

Meilenstein des Musiktheaters feiert in fulminanter Besetzung an der Oper Graz Premiere: Hundert Jahre nach der Uraufführung zeigt Alban Bergs „Wozzeck“ die Wunden der Moderne: ein Musikdrama über Deformation und die Würde des Menschen – gedeutet von Star-Regisseur Evgeny Titov.

Die Zwischenkriegszeit geriet zu einem Taumel musikalischer Extreme.  Die Kunst schwankte zwischen Abgrundtiefe und tröstlicher Illusion. Mitten im radikalen Klima Wiens wagten Arnold Schönberg und seine Schüler den Sprung ins Atonale – eine kompromisslose Absage an harmonische Verführung. Aus dieser ästhetischen Revolution erwuchs Alban Bergs Wozzeck, 1925 in Berlin uraufgeführt und als erstes großes atonales Opernwerk gefeiert. Georg Büchners Dramenfragment von 1836, das Berg in einer Wiener Aufführung 1914 zutiefst beeindruckt hatte, verdichtete der Komponist zu einer streng durchdachten Architektur aus dreimal fünf intensiven Szenen. Ihm gelingt damit das Kunststück, in einer formal kompromisslos ausgearbeiteten Partitur das Zerbrechen einer menschlichen Seele auf bisher ungehörte Weise emotional zum Ausdruck zu bringen. Wozzeck wird hier zu einem psychischen Kataklysmus: Klangflächen machen inneren Aufruhr hörbar, strenge Formen spiegeln zerbrechende Menschlichkeit. Berg selbst betonte gegenüber seinem Freund Anton Webern, es gehe ihm nicht um ein individuelles Sozialdrama, sondern um eine Vision, die „weit über das Schicksal der Titelfigur“ hinausweise. Nun kehrt Regisseur Evgeny Titov, dessen Tannhäuser in Graz noch immer nachhallt, mit einer Deutung zurück, die Wozzeck als universale Parabel liest. Der Protagonist erscheint als „Ur“-Mensch, schicksalsverloren in einer feindlich gewordenen Welt, doch mit einem Rest Würde, die er in vergeblichem Alltagskampf aufrechtzuerhalten versucht. Biblische Anspielungen, apokalyptische Naturvisionen und die sieben Todsünden – Hochmut, Habgier, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Trägheit – strukturieren das Geschehen und treiben die Figuren in den Abgrund. Getragen wird die Inszenierung von einem starken Ensemble, mit Starsopranistin Annette Dasch als Marie und Daniel Schmutzhard als Wozzeck. So erweist sich Wozzeck auch hundert Jahre nach seiner Uraufführung als erbarmungsloser Spiegel der Conditio humana – verstörend, aktuell und von ungebrochener Dringlichkeit.     

Premiere: 13.2., 19.30 Uhr
Oper Graz
Ticketzentrum: Kaiser-Josef-Platz 10, 8010 Graz
www.ticketzentrum.at