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Zeit für einen Perspektivenwechsel

Die Residenz MISSION MOTOR von KRA (Nora Köhler und Vera Kopfauf)

Wie weit ist es von Graz ins Theaterland? Eine gute Stunde Zugfahrt – und ein anderer Blick darauf, was Theater heute sein kann.

Das Theaterland Steiermark tritt 2026 neu auf und arbeitet hinter den Kulissen bereits an seiner Inszenierung. Los geht das Programm im April, wenn Stainach zur offenen Theaterwerkstatt wird. Wo dort eigentlich die Vorstellung beginnt, ist dabei die Frage. Im leerstehenden Geschäftslokal im Ossberger-Haus, direkt am Stainacher Hauptplatz? Auf dem Parkplatz der alten Hofer-Filiale, keine 300 Meter vom Bahnhof entfernt? Oder doch im Culturcentrum Wolkenstein (CCW), direkt gegenüber? Aus vertrauten – und aus verloren geglaubten – Orten werden temporäre Bühnen. Aus einer Festivalwoche wird ein gemeinsamer künstlerischer Prozess.

Theater wird weitergedacht

Die Theatertage Stainach (14.–19.April 2026) setzen bewusst auf Residenzen, Workshops und Begegnungen. Herzstück ist das von den Bühnenbildnerinnen des Grazer Knoten-Kollektivs gestaltete „Mobile Wohnzimmer“: Festivalzentrale, Treffpunkt und Diskursraum zugleich. Hier finden Einführungen, Publikumsgespräche, Meet & Greets und Vernetzungstreffen statt. Schulklassen begegnen Künstlerinnen und Künstlern am Vormittag, am Abend öffnet sich der Raum für alle – Theater wird nicht konsumiert, sondern weitergedacht.

„Zur Rettung der Blasmusik“ von bum bum pieces (AT) und vanderbolten.production (CH)
Foto: Ramon Königshausen

Grenzen werden verschoben

Produktionen wie Irreparabel (14+) von Follow the Rabbit (Graz/Mannheim) bringen preisgekröntes, humorvolles Sprechtheater über Freundschaft und Erwachsenwerden ins CCW. Bully Bully (4+) von Maas Theater and Dance (NL) zeigt als musikalisch-performatives Familienstück ohne Worte, wie kindliche Machtspiele politische Dimensionen annehmen. Mit Die Brandstifter. Eine private Heimsuchung (14+) – einer Koproduktion von Theater am Lend und Das Planetenparty Prinzip – zieht das Theater in private Räume ein und verschiebt die Grenze zwischen Alltag und Inszenierung.

Work in progress

Gleichzeitig entstehen neue Arbeiten vor Ort und im Austausch mit den weiteren Stationen von Theaterland: Die Residenz MISSION MOTOR von KRA (Nora Köhler und Vera Kopfauf) entwickelt ein performatives Abschiedsritual vom Auto, das in einem improvisierten Autokino im öffentlichen Raum präsentiert wird. Das Rechercheprojekt AUTORITÄT der Nestroy-Preisträgerin Nadja Brachvogel arbeitet in mehreren Workshops mit Jugendlichen und Erwachsenen zum Thema Autorität im familiären Kontext. Lesungen und Schreibformate – u. a. in Kooperation mit dem Dramaforum von uniT – machen Theatertext zur gemeinsamen Praxis. Mit dem Startschuss für ein Jugendensemble im Ennstal unter professioneller Leitung wird bereits an der nächsten Generation gearbeitet.

Preisgekröntes, humorvolles Sprechtheater mit der Produktion Irreparabel
Foto: Bea Henzl

Nächste Station: Weißenbach

Im Sommer folgt mit den Theatertagen Weißenbach (17.–26. Juli) ein zweiter Anlass für einen Perspektivenwechsel. Im Theater im Gsöllhof wird eine landwirtschaftlich genutzte Garage wieder zum professionellen Spielort. Der programmatische Mix reicht von Zur Rettung der Blasmusik von bum bum pieces (AT/CH) über das interaktive Format Bitte spiel mich von Das Planetenparty Prinzip bis zu einem internationalen Schwerpunkt mit drei Produktionen des Schweizer Theater Sgaramusch (Liebe üben, Urknall – am Anfang regnete es Kühe, Rosa). Hochkarätige österreichische Arbeiten wie Grow out von Material für die nächste Schicht sowie performative Abende und Interventionen im öffentlichen Raum erweitern das Spektrum.

Festivals als Begegnungsräume

Auch hier endet Theater nicht mit dem Applaus. Impro-Workshops für Ansässige, ein Diary Slam und die Weiterführung von AUTORITÄT – diesmal mit Fokus auf Berufsleben und Arbeitsalltag – machen beide Festivals zu Begegnungsräumen. Stadt und Land treten in Austausch, nicht symbolisch, sondern konkret. Dazwischen finden mit RABIAT im TZ Deutschlandsberg und FIEBERN in der Theaterfabrik Weiz weitere Begegnungsfestivals für Jugendliche und Kinder statt.

Theater ohne Altersempfehlung

Theaterland Steiermark versteht sich dabei als Plattform, die Prozesse ermöglicht: Künstlerinnen und Künstler bleiben länger, Themen wandern von Ort zu Ort, Produktionen entwickeln sich weiter. Wer neugierig geworden ist, findet Vision, Mission Statement und das laufend aktualisierte Programm auf der Website von Theaterland Steiermark. Vielleicht ist es also gar nicht so weit von Graz ins Theaterland. Vielleicht ist es nur ein Schritt auf die Bühne.  

www.theaterland.at