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Schiffbruch mit Zuschauer

Maaria Wirkkala, Vietato lo sparco – landing prohibited, 2007 – Rauminstallation für den finni-schen Pavillon der 52. Biennale Venedig Foto: Johannes Rauchenberger

Die „Blumenbergtage“ im KULTUM sind ein Denk- und Kunstfestival, das zu einem europäischen Geheimtipp zum Werk von Hans Blumenberg (1920–1996), einem der wichtigsten europäischen Philosophen des 20. Jahrhunderts, geworden ist.

Am Programm im KULTUM stehen die Premiere eines Films, spannende Diskurse und ein Live-Hörspiel im Minoritensaal. Ausgehend von Blumenbergs Denkfigur des „Schiffbruchs mit Zuschauer“ geht man heuer den vielfach erlebten Katastrophen unserer Epoche nach und fragt, wie ein Denken, eine Kunst, ein Glaube inmitten der Krise zu Orten einer Überlebenskunst werden können. „Achtzig“ bat die Kuratorin Barbara Rauchenberger und den Kurator Benedikt Alphart zu einem Gespräch.

Was steckt hinter dem Konzept der „Blumenbergtage“, die jährlich im KULTUM im Frühling stattfinden?

Barbara Rauchenberger: Hans Blumenberg (1920–1996) zählt zu den wichtigsten Philosophen des späten 20. Jahrhunderts. Mit seinem schillernden wie umfangreichen Schaffen steht er für eine im Kern auf Ethik und Bedachtsamkeit ausgerichtete Kultur- und Geschichtsphilosophie. Eindrucksvoll arbeitet Blumenberg in seinen Werken, die den großen Fragen und Themen des Lebens gewidmet sind, vor allem die Notwendigkeit von Erkenntnis, von Erzählen und das Entwickeln einer besonderen Vorstellungskraft heraus. Mit seinem Begriff der „absoluten Metapher“ hatte er mich schon im Studium als eine unentwegt Lesende maßgeblich beeindruckt. Meine Begeisterung für die Wege und Umwege seiner „narrativen“ Philosophie ist bis heute ungebrochen. In den letzten Jahren stellten wir zentrale Werke seines Œuvres in den Mittelpunkt: Die Lesbarkeit der Welt (2022), Höhlenausgänge (2024) und Matthäuspassion (2025). Dabei haben wir namhafte Theoretikerinnen gewinnen können und jeweils Schreibaufträge vergeben. Eine besondere Ehre ist es, dass der Berliner Philosoph Rüdiger Zill, der bei Suhrkamp eine 1.000-seitige „intellektuelle Biografie“ über Hans Blumenberg verfasst hat, schon das vierte Mal nach Graz kommt. Die Vorträge und Diskussionen kann man übrigens auf unserer Webseite auch nachhören.

Kuratieren die 4. Blumenbergtage im KULTUM und standen uns Rede und Antwort: Barbara Rauchenberger und Benedikt Alphart
Foto: Babahmetovic

Benedikt Alphart: Vor meiner Zeit als „KULTUM – Neue Musik“-Kurator durfte ich auch einmal als Musiker und Komponist bei den Blumenbergtagen teilnehmen. Mich fasziniert besonders die Verschränkung von Theorie, Philosophie, Literatur und Neuer Musik, die dabei entsteht. Das Live-Hörspiel, das wir von Büro Lunaire (Gina Mattiello & Reinhold Schinwald) beauftragt haben, treibt diese Verschränkung auf die Spitze: Musik, Dramaturgie und Text haben sich bereits im Entstehungsprozess gegenseitig beeinflusst und überlagern sich auch in der Vorführung. Fünf junge und etablierte Komponistinnen und Komponisten aus Österreich haben speziell dafür Musik komponiert. Das Publikum wird zum „Zuschauer“, der auch akustisch mitten im Geschehen sitzt: mit einem speziellen Elektronik-Trick lassen wir die Stimme unserer Sprecherin Gina Mattiello hautnah an jeden und jede Einzelne herantreten.

Auf welches Werk bezieht sich die heurige Ausgabe der „Blumenbergtage“ am 13./14. März?

BA: Dieses Mal steht Schiffbruch mit Zuschauer im Zentrum. Wir fragen nach der Rolle des Betrachtens und danach, ob es heute noch eine unschuldige Position des Zuschauens geben kann. Katastrophen, so finden wir, werden in unserer Gegenwart ja für die meisten von uns vor allem als Bilder konsumiert und scheinen stets woanders stattzufinden – fern und durch das Netz auch zugleich permanent verfügbar. Wir verlieren uns in diesen Bildern, werden zu Beobachtenden und unmerklich Teil eines Systems, das diese Bilder hervorbringt …

Co-Kurator Thomas Ballhausen im Gespräch mit dem Blumenberg-Biografen Rüdiger Zill

BR: Das Libretto für den Literaturbeitrag verfasste der Grazer Autor Stefan Schmitzer. Er verschiebt dabei die Perspektive: Nicht der distanzierte Blick auf den Untergang steht im Zentrum, sondern die Erfahrung einer kollektiven Beteiligung. Das Zuschauen erscheint bei ihm nicht mehr als moralisch unbeteiligt, sondern als Teil eines konsumierenden Wir. Der Text insistiert auf der Unmöglichkeit einer klaren Trennung zwischen Beobachtung und Teilnahme.

Wie ist der Film- und Diskursteil strukturiert?

BR: Nach dem Eröffnungsabend mit der Premiere eines neuen Films zu Hans Blumenberg, Die Stille unseres Scheiterns von Mersolis Schöne und einem von Co-Kurator Thomas Ballhausen geleiteten Bühnengespräch mit dem Regisseur, der Autorin Katharina Kiening und dem Blumenberg-Biografen Rüdiger Zill steht der Samstag wieder ganz im Zeichen von spannenden Vorträgen: Eröffnet wird er vom Münsteraner Bild-Theologen Reinhard Hoeps zum Tagungsthema, es folgen Lorenz Aggermann, Birgit Schwaner, Lucia D’Errico, Angelika Wienerroither und Petra Boden, die sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln dem Thema nähern. Ihre Beiträge werden jeweils von Thomas Ballhausen eingeleitet und moderiert. Und, was uns ganz wichtig ist: Die Teile sind auch eng mit gastfreundlichen, kulinarischen Beiträgen verbunden.   

Werke von Hans Blumenberg aus der Privatbibliothek
Foto: Barbara Rauchenberger

Blumenbergtage
Fr, 13.3., 19–21 Uhr, KULTUM [Cubus]
Sa, 14.3., 11–16 Uhr, KULTUM [Cubus] & 19–21 Uhr, KULTUM [Minoritensaal]

Konzept 2026: Thomas Ballhausen (Diskurs, Film), Johannes Rauchenberger (Theologie, Kunst), Barbara Rauchenberger (Literatur) und Benedikt Alphart (Neue Musik)

Eintritte Panels bzw. Live-Hörspiel: je € 15/10; Gesamtticket inkl. Live-Hörspiel: € 20/15; Anmeldung erbeten unter tickets@kultum.at

KULTUM
Zentrum für Gegenwart, Kunst und Religion in Graz
Mariahilferplatz 3, 8020 Graz
www.kultum.at/blumenbergtage