Mit der Produktion „Mein Lieblingstier heißt Winter“ geht die Oper Graz neue Wege. Wir sprachen mit Regisseur Alexander Charim über die Fortsetzungsoperette mit Suchtpotenzial.
Interview: Sigrun Karre, Stefan Zavernik
Wie kommt man auf die Idee, eine moderne Operette als spartenübergreifenden Fortsetzungskrimi aufzuziehen?
Die Serie ermöglicht uns mehr Dauer und Komplexität in Erzählung und Figurenzeichnung. Wir wollen ein komplexes Gesellschaftsporträt entwerfen, in das die Zuschauer gemeinsam mit dem (unfreiwilligen) Ermittler von Folge zu Folge tiefer versinken können. Es gibt im zeitgenössischen Musiktheater wenig Liebe zum Genre, wenig Dreckiges und lustvoll Verspieltes. Da fehlt etwas. Dafür fanden wir diesen Roman, die Sprache und die Figuren von Ferdinand Schmalz perfekt.
Welche spezifischen Herausforderungen und Freiheiten bringt diese Form des Musiktheaters für Ihre Regiearbeit im Vergleich zum Sprechtheater mit sich?
Ich versuche, für jede Folge eine neue ästhetische Herangehensweise zu finden, die Serie mit jeder Folge ein bisschen neu zu erfinden. Die erste Folge war eine schwarze Mystery-Episode, die zweite ein Stadtrandkrimi, die dritte eine Rückblende im Stil eines Film Noir. Die vierte Folge soll ein psychedelischer Albtraum werden und die fünfte ein Nahtod-Horror. Und gleichzeitig enthält jede Folge ein bisschen von all diesen Genres. Das ist sowohl Freiheit als auch Herausforderung. Und die andere große Herausforderung: Das Ensemble dieses Projekts kommt aus allen möglichen Richtungen: Schauspielerinnen, Sängerinnen, Musiker aus dem Jazz und Wienerlied, die auch Rollen übernehmen. Aber das schafft auch eine besondere Freiheit, weil sich alle auf neues Terrain wagen müssen und Neues ausprobieren müssen.

Welche Gegenwartsdiagnose steckt für Sie in „Mein Lieblingstier heißt Winter“ und warum ist Operette dafür das richtige „Gefäß“
Ferdinand Schmalz nimmt eine Krimihandlung als Vorwand für einen Querschnitt durch eine ganze Gesellschaft, vom Tiefkühlkostvertreter bis zum Ministerialrat. Ein begrenztes Personal, das für ein ganzes Land steht, besessen vom Blutigen und Modrigen. Ein gammelnder Gesellschaftskörper, auf der Suche nach dem schönsten Selbstmord in einer immer lebensfeindlicher werdenden Welt. Eine Gesellschaftsstudie, ein Reigen von Bösartigkeit und Korruption, Klimawandel und Immobilienbetrug, Nationalismus und Perversion. Eine bösartig-komische Phantasie, in der man Österreich durchaus erkennen kann. Warum das eine Operette sein muss? Weil alle Themen der Operette vorhanden sind, als wären sie für unsere Zeit neu erfunden: ein Land am Rande des Absturzes, versoffen und provinziell, schreiend komisch und grausam verrottet. Die Krise als Dauerzustand. Wir wollen die Traditionen der Operette, ihre bösartige Gesellschaftskritik mit den Mitteln des schwarzen Humors für unsere Zeit weiterdenken.
Ist die Operette als Genre vielleicht deswegen wieder im Kommen, weil Humor gesellschaftlich wunde Punkte antippen kann, die man sonst nur (noch) schwer erwischt?
Wir brauchen die Operette vielleicht wieder, weil unsere Wirklichkeit sich selbst immer mehr wie eine Satire anfühlt. Da kommt uns dieses Genre immer näher. In Österreich war die Operette früher vor allem Kitsch und Realitätsflucht, vor allem nach 1945. Alles Wilde, Überschießende, Vulgäre, Gesellschaftskritische war verdrängt. Deshalb sehe ich unser Projekt auch als eine Spurensuche zu den Wurzeln dieses Genres.
Mein Lieblingstier heißt Winter
Folge 4 & 5: 22.3. 26.3, 27.3. und 10.4. jeweils ab 18.30 Uhr
Oper Graz, Hauptbühne













