Dagmar Stehring spricht über Theater für Jugendliche im Next Liberty, den Umgang mit Klassikern und warum Theater keine Antworten liefern, sondern Denkräume öffnen sollte.
Interview: Sigrun Karre
Eine der Wiederaufnahmen in dieser Saison ist „Faust“, eine Inszenierung, die bereits über hundert Mal gespielt wurde. Warum funktioniert gerade dieser Stoff für ein junges Publikum, obwohl „Faust“ nicht unbedingt als jugendnah gilt?
Unsere Aufgabe ist es, Stoffe für ein junges Publikum zugänglich zu machen, also für Menschen, die wenig oder noch gar keine Theatererfahrung haben. Bei Faust ist der Zugriff entscheidend. Die Inszenierung von Nikolaus Habjan verbindet Schauspiel und Figurentheater und arbeitet mit einer Strichfassung, die einen kurzen, konzentrierten Abend ermöglicht und dennoch die zentralen Aussagen enthält. Der Stoff selbst ist nicht per se jugendlich. Faust ist ein Mann im fortgeschrittenen Alter, der an seinem Leben zweifelt. In der Inszenierung steht Mephisto als Fädenzieher im Zentrum, der sich die menschlichen Schwächen, das ständige Streben nach mehr, zunutze macht und zeigt, wie gefährlich dieses Verhalten ist, etwa für das Gretchen, das in diese Dynamik involviert wird. Diese Themen betreffen Jugendliche sehr wohl.

Foto: Stella
Eine weitere Erfolgsproduktion ist „Stolz und Vorurteil* (*oder so)“. Jane Austen, historischer Stoff, patriarchale Gesellschaft – was interessiert Jugendliche daran heute?
Unsere Bearbeitung spannt einen Bogen zwischen historischem Kontext und Gegenwart, wobei ein gewitzter Perspektivwechsel aktuelle Bezüge und einen Blick von außen ermöglicht: Erzählt wird die Geschichte von fünf Dienstmädchen, die alle in den Romanen vorkommen, aber natürlich dort nicht weiter beachtet werden. Bei uns kommen sie ans Mikro – und können endlich mit den gesellschaftlichen Zwängen und (patriarchalen) Strukturen abrechnen. Und das macht echt Spaß. Die Inszenierung hatte bereits in der letzten Spielzeit Premiere, pausiert jetzt und kommt im Jänner 2027 aufgrund der großen Nachfrage wieder auf den Spielplan.
Warum ist „Biedermann und die Brandstifter“ jetzt so relevant?
Weil es an vielen Stellen brennt. Das betrifft gesellschaftliche Entwicklungen ebenso wie politische. Das Stück stellt Fragen, die uns aktuell stark beschäftigen: Wo schauen wir weg? Wo handeln wir nicht, obwohl wir es könnten – und sollten? In dem Stück gibt es keine eindeutige Identifikationsfigur. Man kann Sympathien für die Brandstifter entwickeln, weil sie klug und witzig agieren. Das bricht moralische Eindeutigkeiten auf. Genau diese Ambivalenz ist produktiv.

Foto: Lex Karelly
Wie stark fließt Input von Kindern und Jugendlichen tatsächlich direkt in Ihre Produktionen ein?
Sehr konkret. Zum Beispiel beim Tanztheaterstück Challenge zum Thema Social Media hat die Regisseurin mit über vierzig Kindern und Jugendlichen Interviews geführt. Deren Stimmen bilden die Grundlage des Stücks. Wichtig ist dabei, nicht so zu tun, als wüssten Erwachsene besser, wie sich was für Jugendliche anfühlt.
Auch in der Arbeit mit neuen Texten setzt sich dieser Zugang fort, etwa in der Kooperation mit uniT und dem Retzhofer Dramapreis. Welche Bedeutung hat diese Zusammenarbeit für das Next Liberty?
Diese Kooperation ist uns sehr wichtig, weil sie Textentwicklung als längerfristigen Prozess versteht. Ein konkretes Ergebnis dieser Zusammenarbeit steht heuer am Spielplan. Mit KRI von Stefan Wipplinger, dem Siegerstück des Retzhofer Dramapreises 2025 in der Kategorie für junges Publikum, feierte Ende Jänner eine Uraufführung für ein Publikum ab zwölf Jahren Premiere. Die Produktion entstand in Koproduktion mit dem TaO! – Theater am Ortweinplatz.
Wie bewusst ist Haltung Teil Ihres Spielplans? Wie halten Sie die Balance zwischen Offenheit und gesellschaftlicher Positionierung?
Wir erreichen mit unseren Produktionen jede Saison rund 45.000 Menschen – diese Verantwortung ist uns bewusst und entsprechend bewusst wählen wir auch die Stücke, Inhalte und Formulierungen aus. Natürlich wollen wir Haltung zeigen, aber gleichzeitig ist es uns wichtig, keine eindeutigen Antworten vorzugeben. Figuren hadern, wechseln Perspektiven und treffen Entscheidungen, die sich nicht klar auflösen lassen. So entsteht kein Urteil, sondern ein Denkraum. Theater darf nicht moralisierend werden. Es soll nicht belehren. Unsere Aufgabe ist es nicht, (einfache) Lösungen zu liefern, sondern Möglichkeiten sichtbar zu machen. Wie man leben oder wie man anderen begegnen kann. Die Antworten darauf müssen die Zuschauerinnen und Zuschauer selbst finden.

Foto: Stella
Gibt es einen Wunsch für die Zukunft des Next Liberty?
Theater soll ein Ort bleiben, an dem Fragen gestellt werden dürfen, ohne sie sofort zu beantworten. Junge Menschen sollen dort unterschiedliche Formen und Perspektiven erleben und merken, dass es nicht nur ein „Richtig“ gibt.













