Die Grazer Jazznacht hat bereits lange Tradition. Sie findet – allerdings unter wechselnden Bezeichnungen – seit 1998 statt. Wir sprachen mit Organisator Otmar Klammer über die diesjährige Ausgabe des legendären Formats am 13. März.
Was möchte das Event zum Ausdruck bringen und wie hat sich die Idee über die Jahrzehnte entwickelt?
Im Herbst 1998 haben sich eine Reihe von Grazer Jazzveranstaltern als Reaktion auf das kurz vorher erfundene Gratisfestival Jazzsommer Graz zum Jazzkartell Graz zusammengeschlossen, eine Art Zweckverband und Selbsthilfegruppe in einem, die als erste ihrer Maßnahmen eine gemeinsame Jazz Week ins Leben gerufen hat, aus der dann über die Jahre schließlich die lange Grazer Jazznacht, vulgo grazJAZZnacht, hervorgegangen ist. Mit dieser Großoffensive der Grazer Jazzszene, bei der jeder der teilnehmenden Jazz-Veranstalter einen repräsentativen Beitrag zu seiner Programmlinie einbringt, wollen wir ein neues Publikum für diese Musik lukrieren und dem jüngeren Publikum gewissermaßen die Scheu vor dem Begriff Jazz nehmen, ihnen zeigen, dass Jazz längst anders klingt als alle alten oder traditionellen Vorstellungen.
Jazz als Musikrichtung ist mehr als 100 Jahre alt – was macht (zeitgenössischen) Jazz heute aus?
Das G’frett am Jazz als Kunstform heute ist ja, dass der Begriff Jazz der Musik Jazz im Wege steht. Als Jazz firmiert ja alles von New Orleans über Swing und Bebop bis Free Jazz, Contemporary Jazz und improvisierte wie experimentelle Musik. Da ist es schwer, einem eher unbedarfteren Publikum zu erklären, dass der Jazz längst in der Kunstmusik einerseits oder zeitgeistiger Groove-Musik andererseits angekommen ist. Man darf Jazz heute nicht mehr allein nach musikalischen stilistischen Parametern messen, sondern muss ihn in der Kontinuität einer ästhetischen Entwicklung begreifen.
Wie vielfältig ist die Grazer Jazzszene?
Die Vielfalt der Szene schwankte in den letzten vier Jahrzehnten mit der zunehmenden und zwischendurch wieder abnehmenden Anzahl an Clubs und Veranstaltern, ist aber grundsätzlich vielfältiger geworden – weil auch der zeitgenössische Jazz äußerst vielfältig und verzweigter geworden ist.

Gibt es neue Locations oder Veranstalter auf der Grazer Jazznacht 2026? Was muss ein Veranstalter oder eine Location vorweisen können, um an der Grazer Jazznacht teilzunehmen?
Grundsätzlich sind alle Grazer Jazzveranstalter bzw. Clubs bei grazjazz willkommen, die auch bereit sind, für ihre Konzerte Eintritt zu verlangen. Das war auch einer der Gründungsgedanken im Herbst 98. Musik hat seinen Wert, und man muss dieses Bewusstsein schärfen. Sehr viele leben ja davon! Es sind in den letzten Jahren einige neue Veranstalter wie der Kunstklub Kräftner, das Café Wolf oder der Kulturkotter dazugekommen, die wir irgendwann gerne aufnehmen würden. Vor allem auch deshalb, weil ja der legendäre Verein GamsbART mit diesem Jahr seine Tätigkeit nach über 40 Jahren eingestellt hat. Diese Lücke wollen wir schließen. An der Grazer Jazznacht können natürlich alle Mitglieder von grazjazz teilnehmen, ja sie sollten das sogar!
Ein fixer Bestanteil der Grazer Jazznacht ist seit eh und je die Beteiligung der Grazer Kunstuni. Wie wichtig ist die Einrichtung für das Event wie auch für die Szene in Graz an sich?
Die KUG bzw. das Jazzinstitut ist und war natürlich immer schon so etwas wie die Initialzündung und der Dreh- und Angelpunkt einer Szene, die vor diesem Background schon immer überdurchschnittlich viele Clubs, Veranstalter und Bands hervorgebracht hatte. Dem hat Graz ja schließlich auch seine internationale Reputation als Jazzstadt zu verdanken. Allerdings sind Bedeutung und Einfluss des Jazzinstituts für die Szene in den letzten Jahren doch spürbar zurückgegangen. Einerseits kann man heute fast schon in jeder Landeshauptstadt Jazz studieren, es gibt mehr Privatuniversitäten mit Jazzangebot und man kann Jazz auf manchen Konservatorien und Musikschulen lernen, andererseits hat die KUG die zeitgenössische Jazzentwicklung und alle affinen Stilistiken wohl auch etwas verschlafen und ist vielleicht zu konservativ akademisch geblieben. Die vergleichsweise junge Bruckner-Privat-Uni in Linz etwa hat uns in gewisser Hinsicht schon links überholt. Andere ziehen nach.
Wie interessant ist der Jazz für junge Musikerinnen und Musiker?
Der kreative zeitgenössische Jazz mit all seinen Querverbindungen und neuen Ansätzen zur Improvisationsmusik bietet sich gerade für junge Musiker und Musikerinnen als ein riesiges Territorium an, sich abseits des erschöpften klassischen Repertoires und der aktuellen Orientierungslosigkeit in der Pop- und Rockmusik einen Weg zu originärem Ausdruck und Stil zu suchen. Das muss dann auch gar nicht nach Jazz klingen.
Wie sieht das Grazer Jazz-Publikum aktuell aus? Welche Konzerte werden besonders gut besucht?
Das „Jazz“-Publikum ist in den letzten 30 Jahren viel offener und toleranter geworden. Paradoxerweise ist es aber auch wählerischer und zufriedener zugleich geworden.
Was macht das Programm der diesjährigen Jazznacht aus? Auf welche Highlights freuen Sie sich besonders?
Die Highlights sind die Vielfalt. Es gibt diesmal keine sogenannten großen Namen, sondern es zählt mehr der Eindruck des gesamten Rundgangs durch die Jazznacht. Im nächsten Jahr wird die Vielfalt mit mehr grazjazz-Teilnehmern bzw. Konzertstationen sogar noch erheblich gesteigert.













