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Ausuferndes Solieren hat seinen Reiz verloren

Oliver Mally Foto: Bernd Grosseck

Die steirische Blues-Legende Oliver Mally feierte Anfang Februar seinen 60. Geburtstag. Wir sprachen mit dem Musiker über seine musikalische Reise, sein Verhältnis zu Bühne und Publikum und natürlich über seine Bluestage.

Interview: Stefan Zavernik

Mit 60 Jahren hat man viel gesehen, gehört und erlebt. Was ist heute für Sie musikalisch wirklich wesentlich – und was haben Sie im Laufe der Jahre bewusst hinter sich gelassen?

Hab ich. Und es war sehr knackig bis jetzt. Und die Reise geht ja weiter. Was musikalisch wesentlich ist für mich? Der Vibe eines Songs ist für mich wesentlich. Technische Perfektion und ausuferndes Solieren haben bis auf wenige Ausnahmen für mich völlig an Reiz verloren. Das habe ich alles total abgedreht.  

Spielen Sie heute anders als früher – bewusster, gelassener, kompromissloser?

Ich spiele stilistisch gänzlich anders als früher. Meine Songs haben sich auch massiv verändert. Die Gitarre hat eine andere Funktion übernommen. Daher hat das die Stimme auch getan. Texte sind das Zentrum meines Werkens geworden. Und die recht schlanke Begleitung dazu. Aber auch wenn manche Songs sehr simpel erscheinen, ist das nicht ganz so. Und es steckt viel Arbeit dahinter. 

Der Blues lebt von Wahrhaftigkeit und Erfahrung. Gibt es Dinge, die man als Musiker erst mit der Zeit spielen kann – weil man sie vorher schlicht noch nicht verstanden hat?

Man kann ja wahrhaftig sein, ohne Erfahrung zu haben. Also lautet meine Antwort: theoretisch nicht, denn man kann und darf immer alles machen. Praktisch aber schon. Haha … Aber man soll ja dazulernen dürfen. Es kommt ja nicht darauf an, ob man daneben langt, sondern wie man in die Grütze greift. Und wie man damit umgeht. Ich bin da heute noch nicht gefeit davor. Aber auch das hält zumindest mich „frisch“!

Hat sich Ihr Verhältnis zur Bühne verändert? 

Ja. Es ist kein Ort mehr, um nur aufzuzeigen. Sondern es ist ein Ort geworden, um mit den Besuchern mehrere Stunden den ganzen Müll, der uns in dieser Welt gerade um die Ohren fliegt, hinter sich zu lassen. Und das auf Augenhöhe.

Sie stehen seit Jahrzehnten vor Publikum, viele Menschen begleiten Ihren Weg seit sehr langer Zeit. Was gibt Ihnen diese Kontinuität – und was fordert sie Ihnen ab?

Sie bewegt mich dazu, Neues auszuprobieren. Man sollte seinem Publikum die Chance geben, einen nicht zu mögen. Es ist zu wenig, Schönheit alleine zu liefern. Wenn du ein Album mit zehn sehr schönen Songs in Serie produzierst, endest du wahrscheinlich mit einer sehr hässlichen und sehr langweiligen Platte. Das Wichtigste ist, dass man dem Publikum die Lust zur Kontaktaufnahme zum Künstler nicht nimmt. Selbst wenn man nicht gemocht wird, aber das Publikum trotzdem diskurswillig bleibt, ist alles in Ordnung!

Neben Ihrer eigenen Musik sind Sie auch als Veranstalter der Blues-Tage Leibnitz eine prägende Figur. Wie verändert sich der Blick auf Musik, wenn man nicht nur spielt, sondern auch Verantwortung für eine ganze Szene trägt?

Er wird in vielen Dingen präziser. Ich verstehe viele Dinge besser. Werde in manchen Dingen gelassener. Aber es gibt auch Tage, da lässt meine Toleranz ein wenig zu wünschen übrig. Denn wenn ich sehe, wie sich die Live-Musik für ein wenig Applaus bei Hutkonzerten ständig selbst demontiert, wird mir mitunter recht übel. Ich meine, jeder, wie er will. Nur halt bitte nicht ständig und nicht dort, wo ich am Steuer sitze. Ich versuche, den Musikern ihren verdienten Stellenwert zu geben. Dazu gehören halt auch immer wieder angemessene Gagen. 

Die Blues-Tage feiern heuer selbst ein Jubiläum. Was hat dieses Festival über all die Jahre zusammengehalten – und was hat sich still, fast unmerklich, verändert?

Zunächst mal meine Stamina. Ist so. Und dann mehr und mehr die großartige Arbeit von Leibnitz Kult. Gernot Kratzer, Dagmar Brauchart und ich haben einen wirklich guten Arbeitsfluss gefunden. Bin sehr happy darüber. Was absurd ist, ist die Tatsache, dass sich 50 % des Festivals auch über größere Sponsoren von außerhalb finanzieren müssen. Traurig, wahr, aber trotzdem machbar! Leibnitz feiert 2026 immerhin 15 Jahre Blues-Tage und 30 Jahre Blues-Festival-Tätigkeit insgesamt. Nicht ganz so schlecht. P.S.: Begonnen hat alles gemeinsam mit Sigi Feigl, den ich sehr schätze. Nämlich nicht nur als Musiker, sondern auch als unerbittlichen Kulturkämpfer. 

Die Musikbranche hat sich radikal verändert: Streaming, Social Media, Schnelllebigkeit. Welche Rolle kann der Blues heute noch spielen – für Sie persönlich, aber auch gesellschaftlich?

Ja, die Branche hat sich verändert. Ist trendorientierter als jemals zuvor. Aber jede 9-Volt-Batterie hält länger als heutige Trends. Ich denke, dass das Weitererzählen von etwas positiv Erlebtem wieder mehr Gewicht bekommen wird. Da man über Webpräsentationen ständig in die Irre geleitet wird. Jeder ist „toll“ und „grandios“. Und dann sitzen sie mit iPads auf der Bühne und lesen ihre eigenen Texte ab. Das alles führt sich ad absurdum. Der Blues wird immer eine Rolle spielen. Dazu muss man allerdings persönlich werden. Und dazu wiederum muss man sich mit sich selbst auseinandersetzen. Was den schwierigsten Teil der Übung darstellt. Ich darf mit Menschen, die das getan haben, regelmäßig arbeiten. Und bin sehr glücklich darüber. Leider kenne ich kaum junge Musiker, die das tun. Die sind zwar kompetitiv, aber leider auf der falschen Ebene. Es gibt aber auch feine Ausnahmen, wie zum Beispiel Moritz Gamper.

Wenn Sie an Ihren 60. Geburtstag denken: Ist das eher ein Innehalten, ein Weitergehen – oder vielleicht sogar ein neuer Anfang?

Alles davon. Das macht das Leben so facettenreich. Und dieses Leben schert sich ja so gar nicht um unsere Pläne. Das macht’s außerdem noch um einiges spannender. Aber es bleibt dadurch auch inspirierend. 

Wenn Sie sich selbst ein Geburtstagsständchen spielen müssten: Welcher Song – aus dem eigenen Repertoire oder von jemand anderem – würde am besten zu Ihrem 60er passen?

Why does it hurt when I pee? von Zappa ist’s noch nicht. Aber es würde The world today vom Album Hooker ’n‘ Heat (John Lee Hooker & Canned Heat) oder Moonlight Mile von den Stones werden. Zwei der Alben, die mein Leben maßgeblich beeinflusst haben.