Der Verein Aporon 21 hat mit dem Kunst Klub Kräftner eine Herberge in einem ehemaligen Kurzwarenladen gefunden. Statt Nadel und Faden wird hier nun Kunst in all ihren Facetten angeboten.
Text: Lydia Bißmann
Ein Potpourri aus Konzerten, Ausstellungen, Talks, Film-Screenings, Lesungen, Comedy-Shows, Theater und Literatur bietet der Kunst Klub Kräftner seit knapp drei Jahren in der Reitschulgasse 13. Und das bis zu fünfmal pro Woche. Das Ambiente ist gemütlich, alles zusammen fühlt sich inspirierend und urban an. Der Kunst Klub Kräftner könnte genauso auch in Wien, Berlin, Zürich oder Istanbul sein. Organisiert und betreut werden die Veranstaltungen der freien Szene vom Verein Aporon 21, der „Vereinigung der Künste, Kulturen und Wissenschaften“, der nach der Pichlermöbelhalle in Gösting und der Rösselmühle in Gries hier eine Dauernutzung in St. Leonhard erhalten hat. Gegründet hat den Verein der bildende Künstler, Fotograf, Slawist und Konzeptkünstler Igor Petković. „Ich habe für mein Projekt zum Ersten Weltkrieg den outstanding artist award der Republik Österreich als Einzelperson bekommen. So ein riesengroßes Projekt kann man aber nicht alleine abwickeln, deshalb habe ich den Verein Aporon 21 gegründet. Im Namen steckt der altgriechische Begriff Aporie, was so viel heißt wie Prekariat. Du weißt nicht, was der nächste Schritt bringt, gehst aber mutig weiter. Wir bringen dieses altgriechische Prekariat ins 21. Jahrhundert und generieren aus der Unsicherheit Innovation.“

Kunstnachwuchs und Designklassiker
Was kompliziert und anstrengend klingt, fühlt sich im wohlig-warmen Kunst Klub Kräftner logisch, sinnlich und sinnvoll an. Igor Petković kann gut über Kunst reden, er kann aber auch gut handeln. Relikte aus dem Kurzwarengeschäft, das einst Knöpfe, Strickwaren, Stoffe, Nähgarn, aber auch Socken und Pyjamas verkaufte, dienen nun als Sitzmöbel, Regal oder Kunstrohstoff. Weitere Möbelstücke, angesiedelt zwischen Design-Juwel und Sperrmüll, werden auf Willhaben besorgt oder kommen aus dem circulART-Fundus von Max Gansberger, der ebenfalls im Vereinsvorstand ist. Was noch auffällt am Kunst Klub Kräftner: Anders als das Interieur sind die Kunstschaffenden oft sehr jung. „Ich habe immer auf Kanäle gesetzt, die die Jugend erreichen. Ich glaube, wir gebärden uns auch sehr frisch, jung – einfach offen. Wir sind nicht nur auf eine Sparte fixiert – wir sprechen viele an und haben super Kooperationen“, beschreibt Igor Petković die künstlerische Ausrichtung des Kräftner-Programms. So nutzen etwa Studierende der Kunstuniversität Graz (KUG) den Ort gerne für kammermusikartige Auftritte und schätzen das perfekt gestimmte Pianino, eine Dauerleihgabe der Sängerin Christina Gorke, die auch die aktuelle Ausstellung Good Luck kuratierte. Die feministische Indieband Planet Yoni trifft hier auf das etablierte Jazz-Ensemble Club Mineur. Comedy-Shooting-Star Sebastian Humi hostete seinen Queer Comedy Club erstmals in Graz. Klaus Lederwasch und Anna Lena Obermoser organisieren unterschiedliche Formate von Slam-Poesie. Experimentelle Sounds aus dem Hause Interpenetration sind ebenso zu hören wie Weltmusik, Pop und Dialektkunst. Immer wieder kommt Rainer Binder-Krieglstein zu den Konzerten, um sich Anregungen für seinen Jazz-Club im Café Wolf zu holen. Im oberen Stockwerk des Hauses gibt es eine Wohnung mit Platz für Artists-in-Residence oder für auftretende Künstlerinnen und Künstler. Getränke und Kunst haben keinen fixen Preis – es wird ein Wertschätzungsbeitrag erbeten. Wer nicht ganz genau weiß, wie viel ihm die Kunst wert ist, dem wird liebevoll nachgeholfen.

Foto: Stefan Pajman
Herbergssuche mit glücklichem Ausgang
Mit der Location in der Reitschulgasse hat sich der Kunst Klub Kräftner zur behaglichen Homebase von Aporon 21 entwickelt. Zu verdanken ist die neue Heimat einem glücklichen Zufall oder der gelebten Offenherzigkeit des Kunstvereins. Zwischenzeitlich obdachlos, performte der Verein spontan eine Kunstaktion zur Heimatsuche in der Weihnachtszeit und sprach mit Pauken und Trompeten im Grazer Rathaus vor. Nach der Aktion, zurück am Hauptplatz, traf die Truppe auf die heutige Kulturstadträtin Claudia Unger. Sie vermittelte den Kontakt zu ihrer Freundin Karin Kräftner, die soeben den Kurzwarenladen von ihren Eltern geerbt hatte und nicht wusste, was sie mit den ungenutzten Räumlichkeiten tun sollte. „Am nächsten Tag habe ich die Karin Kräftner angerufen und ein paar Tage später habe ich den Schlüssel in der Hand gehabt. Es ging Schlag auf Schlag“, erzählt Igor Petković. Aus dem Freiluft-Gespräch am Christkindlmarkt wurde eine Prekariatsnutzung, die nun in eine Dauernutzung übergegangen ist. Ein Deut weniger Aporie vielleicht, trotzdem gehen in einem Haus dieser Größe die Sanierungsarbeiten nie aus, aber genauso wenig die Ideen. Für eine dringend benötigte Schalldämmung ist eine Buchinstallation geplant, die Kunst und Nutzen verbinden soll. Eine aktuelle Crowdfunding-Kampagne hat schon ungefähr 40 Prozent der benötigten 15.000 Euro eingebracht, die dringend für Stromleitungen, Lichttechnik, die Reparatur der Markise und nicht zuletzt für Lärmschutz gebraucht werden. Teil der Kunstarbeit des Vereins, der unter anderem mit dem Festival prekariarte ein Rahmenprogramm für den steirischen herbst ausrichtet, ist eine exzellente Vernetzung oder schlicht Beziehungsarbeit, zu der auch ein respektvoller, achtsamer Umgang mit benachbarten Menschen gehört. Gespielt wird nie länger als bis 22 Uhr, selbst Disco- oder Clubbingabende müssen zu dieser Zeit enden. Und auch die Nachbarschaft hat sich verändert, seit der Kunst Klub Kräftner hier eingezogen ist. Im ehemaligen Weltladen ist das Grazer Ungarische Theater (GUT) eingezogen, gegenüber wird bei Fenco & Friends upgecycelte Mode designt. So kann Stadtentwicklung auch aussehen.

Kunst Klub Kräftner
Reitschulgasse 13, 8010 Graz
www.aporon21.org













