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DE PROPAGANDA FIDE

zweintopf, Maria: Trost, 2011, Plakat auf Litfaßsäule

Der KULTUM-Beitrag zu „Kunst der Verführung – 100 Jahre graphic design“ beschäftigt sich mit der Frage, wie sich Kirche und Propaganda, das Werben um öffentliche Zustimmung für Belange der Religion und des Glaubens, miteinander vertragen.

Text: Lydia Bißmann

Werbung und Religion in einer Verbindung erscheint auf den ersten Blick absurd. Zu sehr verbinden wir das eine mit kapitalistischer Manipulation und das andere mit selbstloser Nächstenliebe und der Sehnsucht nach immateriellem Glück und Geborgenheit. So weit entfernt sind die Verführung und die Kirche aber nicht voneinander. Nur wenige Religionen verzichten freiwillig auf Missionierung, die meisten stehen immer noch in aktiver Konkurrenz zu anderen. Teils mit nach wie vor schlimmen Folgen. Die Ausstellung DE PROPAGANDA FIDE widmet sich innerkirchlichen Reformbewegungen und Diskussionen innerhalb der katholischen Kirche in der Steiermark. Anhand von zeitgenössischer Kunst auf Plakaten, die für den öffentlichen Raum konzipiert wurden, zeigt die Schau in unterschiedlichen Themenbereichen, wie seit den 1970er-Jahren mit der oft kritisierten Doppelbödigkeit in dem Außenauftritt und der Werbung in der katholischen Glaubensbewegung umgegangen wurde.

Das Plakat von Karl Neubacher aus dem Jahre 1972 zählte zur ersten großen Öffentlichkeitskampagne der Katholischen Kirche nach dem II. Vatikanischen Konzil
Foto: Hans Georg Tropper

Der Nährboden für den Wandel

Der Titel der Schau stammt aus dem Barock, einer Zeit, in der das Buhlen um die Aufmerksamkeit der Gläubigen noch unkritischer gesehen wurde. Eine Epoche, die das Erscheinungsbild der Kirche in unserem Land noch immer nachhaltig prägt und die von begeisterter Reform mit Bild und Verführung erzählt. Um Wandel geht es immer noch, nur hat sich die Art der Botschaft verändert. Künstlerinnen, Künstler und Kollektive beschäftigen sich in DE PROPAGANDA FIDE mit der Janusköpfigkeit in der Allianz von Messianismus und Macht, von moralischen Appellen und Scheinheiligkeit, von Religion und Nationalismus, Glaube und Irrationalität, von Betteln und Reichtum. Sie erzählen von Selbstkritik, einer Einmischung in die Gesellschaft und dem Mut zur Kirchenreform. Die Aufbruchsstimmung der 1970er-Jahre, die sich auch optisch in knallig bunten Farben und Typografien auf den Plakaten wiederfindet, kam vielleicht zwischendurch zum Stagnieren. Aufgehört hat die Sehnsucht nach Mitbestimmung und Recht und Gerechtigkeit für alle aber nie, was an den Plakat-Sujets aus den jüngeren Jahren abzulesen ist. Die Reise geht von den Aufrufen an die Gläubigen, doch an den neu geschaffenen und noch recht ungewohnten demokratischen Strukturen wie Pfarrgemeinderat und Diözesanrat in der katholischen Kirche mitzuwirken, bis zu sehr zeitgenössischen Problematiken wie dem Gendern. Karl Neubachers Aufrufe zur Partizipation sind nicht zimperlich. Slogans wie „Alle denken nur an sich, nur ich denke an mich“ oder „Nicht mitnaschen, mitwirken“ auf seinen Plakaten für die Pfarrgemeinderatswahl 1972 sind weniger Verführung als Appell. Auch das „Fasten“-Plakat, das einen aufgeblasenen Luftballon mit Markengürtel zeigt, ist mutig und provokant. „Die auftraggebende Institution mit ihrer eigenen Botschaft zu kritisieren, ist vermutlich weltweit einzigartig“, wie es der Theologe und Kämpfer für die Ökumene Harald Baloch im Rückblick analysiert.

Karl Neubacher, Ist Christus ein Seelenspray?
Foto: Hans Georg Tropper

Fürbitten auf Litfaßsäule und knallige Meme

Weniger konkrete Kritik am Katholizismus bietet der Wiener Künstler Lukas Putsch, der für seine #MeToo-Serie ein häufig verwendetes Andachtsbild betender Hände 2019 mit Botschaften wie „Herr, vergib das generische Maskulin“ oder „Wir beten für das Binnen-I“ versieht. Das religiöse Plakat entstand in der Zeit der konfessionellen Streitigkeiten. Durch den Holzschnitt und den Buchdruck wurde eine breite Auflage möglich. Das kirchliche Sujet als Massenmedium erhält in jener Zeit seine idealtypische Signatur. In Andachtsbildern erfährt es eine enorme Breitenwirkung. Das Fehlen einer inhaltlichen Verknüpfung erinnert bei Lukas Putsch an bunte Memes auf Social-Media-Plattformen, die so auf ironische Art Reflexion mit dem Zeitgeschehen herstellen. Das Grazer Künstlerkollektiv zweintopf hat sich die seit den 1980er-Jahren aufgetauchte Spruchwerbung angeeignet, in der Glaubensbotschaften und Trost in ganz einfachen Worten in Wirtshäusern, Schaukästen, Arztpraxen oder auch Privathaushalten verbreitet werden sollen. Die simplen Botschaften wurden von zweintopf mit den Eintragungen Gläubiger in das öffentliche Buch der Wallfahrtskirche Mariatrost ausgetauscht. Hier bitten Menschen um Fürsprache bei Prüfungsangst oder einfach um billigere Benzinpreise. Die Bitten wurden von zweintopf auf den Plakaten unverändert übernommen. Dabei geht es weniger um die Naivität der Wünsche selbst als um die Konkurrenz religiöser Erwartungen und kapitalistischer Werbeversprechen im öffentlichen Raum.  

Lukas Pusch, aus der Serie #MeToo, Wir beten für das Binnen-I, 2019

DE PROPAGANDA FIDE

Ausstellung im Rahmen von „Kunst der Verführung – 100 Jahre graphic design“. Kurator KULTUM: Johannes ­Rauchenberger.

22.9.2022–14.1.2023
Di–Sa, 11–17 Uhr, So, 15–18 Uhr

Gemeinsame Eröffnung: 21.9., 17 Uhr
Kulturzentrum bei den Minoriten, ­Mariahilferplatz 3, 8020 Graz

Mit einer In-situ-Intervention von zweintopf und Werken von Karl Neubacher, Lukas Pusch, Ewa Harabasz, Nives Widauer, G.R.A.M., Hannes Priesch, büro bauer/Wien

tickets@kultum.at, 0316 711 133

www.kunstderverfuehrung.at