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Wenn die Farbe aus dem Alltag weicht

Cross, Vladyslav Riaboshtan Foto: Graz Museum

„War Views“ im Graz Museum Sackstraße zeigt die Arbeiten zweier junger ukrainischer Kunstschaffenden, die damit ihre Flucht und die Schrecken der Geschehnisse in ihrer Heimat dokumentieren und reflektieren.

15 Zeichnungen von Vladyslav
Riabosthan hängen acht Acrylbildern von Anzhelika Palyvoda im Erdgeschoss des Graz Museum Sackstraße gegenüber. Sie zeigen jeweils eine andere Perspektive, teilen den Raum in zwei Hälften und spiegeln auch die archaischen Klüfte wider, die der Krieg plötzlich den Menschen aufzwingt. Als Frau konnte Anzhelika Palyvoda in Österreich Schutz suchen. Ihre Malereien sind in ihrem Exil in Tobelbad entstanden. Vladyslav Riabosthan darf als junger Mann die Ukraine nicht verlassen. Bei dem Versuch, sich vor den russischen Truppen von Kyiv nach Luzk in Sicherheit zu bringen, hatte er nichts anderes als DIN–A4 Papier und Bleistifte bei sich.

Dinge, die ich mitgenommen habe, Anzhelika Palyvoda
Foto: Arno Friebes

Perspektiven ohne Farbe
Die beiden jungen Kunstschaffenden verwenden ihre Kunst als eine Art Tagebuch. Vladyslav Riabosthan widmet sich als Designer und Maler sonst Eisenbahnlandschaften und Industriekultur. Seine Zeichnungen zeigen jetzt zerstörte Häuser und Rauchwolken nach Detonationen aus der Vogelperspektive. Jene Perspektive, die die Kampf- und Aufklärungsdrohne Bayraktar in der Luft einnimmt. Eine Ansicht, die Distanz zwischen dem Künstler und dem Grauen schafft. Anzhelika Palyvoda wählte für ihre Arbeiten Worte, die ähnlich klingen, aber etwas anderes bedeuten (können), als durchgehenden Impuls für ihre Serie Simple Words. Das ukrainische Wort „rano“ (früh) ähnelt im Klang dem Wort „rany“ (Wunden) – das Wort dym (Rauch) dem Wort „dim“ (Haus). Bislang hatte das Wort Frieden im Russischen wie Ukrainischen dieselbe Bedeutung. Seit dem 24. Februar ist das anders, wie wir aus den Nachrichten wissen. Palyvodas Bilder lassen, wie Storyboards für Filme, Szenen auf einen Blick erfassen. Sie zeigen kyrillisch gemalte Begriffe, begleitet von schemenhaft dargestellten Menschen, die gehen oder schon liegen. Farben gibt es bei beiden keine. Die tauchen nur in den vergrößerten Fotos an der Wand auf, die zeigen, was beide auf ihrer Flucht mit hatten. Der eine nur einen Rucksack und eine gelbe Decke, die andere neben Fotos, Schlüssel und Taschenmesser auch ein schimmerndes, rotes Band. Als Blutstopper nach einer Verletzung.

Foto: Sebastian Reiser

Hoffnung gegen die Logik
Anfang August werden die Bilder durch neue Arbeiten der Künstlerin und des Künstlers ausgetauscht. Begleitet werden die Werke der beiden von einem Pamphlet des ukrainischen Autors, Aktivisten und Journalisten
Serhij Schadan, der dieses Jahr für den Literaturnobelpreis nominiert wurde.  „Was bleibt dir übrig? Glauben und hoffen. Trotz der Apokalypse, (…) der zähen Skepsis und des kalten Rationalismus. Trotz dessen, (…) dass außer dir niemand die Luftveränderungen wahr- nimmt, nicht wahrnimmt, wie Wörter Bedeutungen aufsaugen und sich mit Blut füllen“, heißt es in diesem berührenden Text, der für eine Literaturveranstaltung in Graz 2017 übersetzt wurde.                                      

Peace, Anzhelika Palyvoda
Foto: Graz Museum

War Views by Anzhelika Palyvoda and Vladyslav Riaboshtan

Graz Museum, Sackstraße 18, 8010 Graz
Erdgeschoss; bis 4.9. (Mo. bis So., 10 bis 18 Uhr)
Tel.: +43 316 872–7600
www.grazmuseum.at