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Das Glück liegt auf der Straße

Happiness, Dries Verhoeven Foto: Willem Popelier

La Strada, das Festival, das den öffentlichen Raum in Graz und darüber hinaus prägt wie kaum ein zweites, feiert seinen 25. Geburtstag. Grund genug, mit Werner Schrempf ein wenig in die Vergangenheit, vor allem aber in die Zukunft zu schauen.

Text: Wolfgang Kühnelt

Ihr habt vor einem Vierteljahrhundert als Festival begonnen, das Produktionen eingeladen und gezeigt hat. Dann seid ihr immer mehr dazu übergegangen, selbst zu produzieren. Wann hat das angefangen und warum?

La Strada hat sich über all die Jahre kontinuierlich entwickelt, wir ­haben mit Aufführungen begonnen, das stimmt. Wir haben gestaunt und gelernt, wenn wir uns etwa an die Familie Flöz erinnern oder an großes Straßentheater aus Frankreich. 2003 haben wir bereits mit der Unterstützung durch EU-Mittel koproduziert und den Austausch von heimischen und internationalen Künstlerinnen und Künstlern unterstützt. Das war möglich, weil wir damals unser internationales Netzwerk IN SITU gegründet haben, das seit damals besteht. Heute versuchen wir, uns auf dieser Grundlage weiterzuentwickeln. Wir gingen dabei immer schon gerne Risiken ein. Jetzt beginnt gerade wieder etwas Neues: Wir beschäftigen uns über den eigenen Tellerrand hinaus ­interdisziplinär mit gesellschaftlichen Fragen. Uns interessiert, was wir unterstützen und verstärken können. Etwa durch die Zusammenarbeit mit Wissenschaft und Forschung. Ich will keine Projekte mehr machen, bei denen ich am Anfang schon weiß, was am Ende herauskommt.

Euer Festival hat sich immer wieder implizit und explizit mit dem Thema Reisen beschäftigt. Ihr seid selbst viel durch die Gegend gefahren, um Produktionen zu sehen und Partnerorganisationen zu treffen. Viele Künstlerinnen und Künstler sind zu euch gereist. Und dann kam die Pandemie. Wie habt ihr reagiert?

Wir hatten ein fantastisches internationales Programm für 2020 vorbereitet, alles war fertig und plötzlich stand die Welt auf dem Kopf. Nach einer Schrecksekunde habe ich zuerst Christian Muthspiel, Günter Meinhart, Chris Haring und Willi Dorner angerufen und sie gefragt, wie es ihnen geht. Sie haben erzählt, dass alles still steht, dass es höchstens Anfragen für das Jahr darauf gibt. Ich habe dann gesagt: Es gibt euch noch, es gibt uns noch und es gibt auch noch ein kulturinteressiertes Publikum. Also lasst uns überlegen, was wir machen können. Das war mir immer wichtig: das eigene Umfeld zu betrachten, die eigenen Möglichkeiten. Beim zweiten Telefonat ging es schon um Ideen und Projekte, die wir dann weiter verfolgt haben, ungeachtet der weit verbreiteten Ängste und der übergeordneten Regeln. Günter Meinhart hat zum Beispiel ein wunderbares Projekt gemacht, mit 19 Minuten Musik und einem Solo für viele Musikerinnen und Musiker, die in der Grazer Innenstadt jeweils 15 Meter Abstand hielten. Christian Muthspiel hat ein Stück komponiert, das wir im Landhaushof und vor dem Grazer Dom aufgeführt haben. Ein Jazzorchester in Bewegung im öffentlichen Raum. Willi Dorner hat Grazerinnen und Grazer eingeladen, mit ihren Küchensesseln Stadträume wieder zurückzuerobern. Chris ­Haring hat mit Tänzerinnen und Tänzern in der Stadt am Stück Stand ­Alones gearbeitet. Mit den La Strada-Produktionen The Graz Vigil von WLDN/Joanne Leighton und What if… von Danae Theodoridou haben wir eine Achse zwischen dem Schloßberg und den Reininghausgründen gespannt.

„Mich interessieren Projekte, bei denen ich nicht schon vorher weiß, was am Ende herauskommt.“ Werner Schrempf Foto: Nikola Milatovic

Geht ihr davon aus, dass ihr in Zukunft wieder so reisen und arbeiten könnt wie zuvor?

Es ist wichtiger geworden zu fragen: Wie reist jemand an? Wie lange bleibt er oder sie für eine Residency da? Wie teilen wir Ressourcen, wie schauen unsere Städte in Zukunft aus? Genau darüber denkt unser Netzwerk In Situ nach, etwa mit dem gegenwärtigen Projekt (UN)COMMON SPACES, das bis 2024 läuft. Für mich persönlich, aber auch für uns alle, gilt heute: Wir denken darüber nach, welche Reisen notwendig sind und welche Verkehrsmittel wir dafür einsetzen.

Ihr habt euch auch schon lange mit urbanen Fragen beschäftigt. So habt ihr bereits vor vielen Jahren die Reininghausgründe bespielt. Aus der Sicht von heute: Was wird in diesem Stadtteil passieren, was würdet ihr dort gerne machen, wie siehst du den Ort heute?

Du hast recht, wir haben die Reininghausgründe früh genutzt. Es sind immer wieder Fenster aufgegangen, in denen wir gehofft haben, hier zusammen mit anderen überregional Bedeutsames zu schaffen. Gemeinsam mit Menschen, die hier wohnen und die neu hierherziehen, etwas zu gestalten, wäre möglich und sinnvoll gewesen. Wir hätten uns einen produktiven Austausch Grazer Kulturschaffender mit internationalen Künstlerinnen und Künstlern gewünscht. Ein Creation Center inmitten eines sich entwickelnden Stadtteils. Ob derartige Überlegungen dort in Zukunft noch Platz finden werden, steht in den Sternen. Heute liegen jedenfalls Konzepte auf, die in eine ganz andere Richtung gehen. Wir konzentrieren uns jedenfalls auf Projekte, die die Stadt auf zeitgemäße und kooperative Weise in ihrer Entwicklung begleiten.

Von der Stadt aufs Land. Du stammst aus dem Ennstal und hast etwa am Dachstein spektakuläre Ideen realisiert. Erfüllt dich das mit zartem Stolz, etwas „daheim“ zu machen – respektive: Reagieren die Einheimischen anders, wenn sie es mit einem zu tun haben, der den dort weit verbreiteten Namen Schrempf trägt?

Ja, es macht mir Freude. Und es bietet sicher Vorteile, wenn man sich in der Gegend auskennt. Unser widerspenstiges Projekt bei der regionale 10, einen chinesischen Stein auf den Dachstein zu hieven, hat uns Respekt und auch Feindschaft eingebracht. Was ich gelernt habe: Dass man ein Projekt erklären muss, bevor es die anderen tun. Auch wenn ein weltberühmter Künstler wie Ai Weiwei beteiligt ist, sind nicht automatisch alle dafür. Aber das war ohnehin nur die Ouvertüre. Heuer zeigen wir bei La Strada Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern, die am Dachstein entstanden sind. Und dafür haben wir auch den idealen Platz in Graz gefunden, den Steiermark-Relief-Raum im Naturkundemuseum. 2024 soll in Schloss Trautenfels dann eine Installation zu sehen sein, mit Lesungen, Diskussionsveranstaltungen und mit Musik.

Bei La Strada 2022 gibt es zum Auftakt die Uraufführung einer Komposition von Christian Muthspiel, basierend auf einer Überlegung von dir. Wie entsteht ein Projekt wie „La Melodia della Strada“?

Unseren Festivalnamen hat damals Günter Brus vorgeschlagen, der meinte: Ein Straßentheater-Festival heißt La Strada. Mit Christian Muthspiel zusammenzuarbeiten ist natürlich fantastisch. Der Ausgangspunkt waren die Filme von Federico Fellini und für einen Musiker bedeutet das auch: Eine Auseinandersetzung mit dem Werk von Nino Rota. Christian und mir war von Anfang an klar, dass es nicht darum geht, den Film herzuzeigen oder die Musik nachzuspielen – sondern dass es gelingt, die Inspiration spürbar zu machen und gleichzeitig etwas Offenes zu gestalten, das in anderer Form weitergeführt werden könnte. Das ist auch für Christian Muthspiel eine Herausforderung. Zu sehen und zu hören ist das dann in der Oper Graz.

Du sagst, du gehst gern ein Risiko ein. Das bringt die Möglichkeit mit sich, dass etwas mal „nicht aufgeht“. Wie gehst du damit um, wie lernt man daraus?

Es ist vieles aufgegangen, was großartig war. Zuweilen ist manches nicht gelungen, auch bei bekannten Kompagnien kann das passieren. Und es gibt Experimente, die sich nicht wie geplant realisieren lassen, da muss man halt im schlimmsten Fall die Notbremse ziehen, etwas letztlich nicht zeigen. Aber es dominieren erfreulicherweise bei Weitem die Momente, wo etwas gelungen ist. Die riskantesten Erfolge waren oft auch die Schönsten.

Infos über La Strada im 25. Jahr gibt es unter www.lastrada.at

La Strada Graz von 29. Juli bis 6. August 2022

Was ist Glück? Wo ist es? Und wer hat es? Kann man das lernen und auch verlernen? Oder basiert Glück nur auf einer chemischen Reaktion, die man bei Bedarf auch künstlich erzeugen kann? Fragen, die sich gleich mehrere Künstlerinnen und Künstlern im diesjährigen Festivalprogramm stellen.

Christian Muthspiel & ORJAZZTRA VIENNA – La Melodia della Strada

La Melodia della Strada wird zur Festivaleröffnung in der Grazer Oper von Muthspiels 18-köpfigem ORJAZZTRA VIENNA uraufgeführt. Im Mittelpunkt des Stücks steht die Musik, die Gemeinschaft eines Orchesters und seiner Solisten. Inszeniert mit Licht, Schatten und vor Energie sprühenden Musikerinnen und Musikern, für ein Publikum, das endlich seine (Titel-)Melodie zur Kunst des Sommers in Graz bekommt.

29.7. (UA), 30.7., 19.30 Uhr
31.7., 16.30 Uhr, Oper Graz
Empfohlen ab 12 Jahren

Foto: Lukas Beck

Ein Fest der Kunst – Zum 25. Geburtstag von La Strada Graz

Die schönsten Feste sind jene, bei denen man vorher nicht weiß, was einen erwartet, aber hinterher sicher ist, dass alle Erwartungen, die man nicht hatte, erfüllt und vielleicht sogar übertroffen wurden. Genau das ist unser Anspruch für das Fest der Kunst anlässlich des 25. Geburtstages des Festivals La Strada.

31.7., 18.30–23.30 Uhr, Opernvorplatz und Kaiser-Josef-Platz

Foto: Nikola Milatovic

Follow the Rabbit – Fear the Women in the Dark!

In einer Sommernacht im Park an einem Teich zeigt Follow the Rabbit eine Elektro-Oper, ein düster-komisches Frauen-Spektakel: Schauspiel, Akrobatik und Gesang werden sich genauso stimmungsvoll mischen wie die Natur, die Körper, die Stimmen, die Musik.

30.7. (UA), 1.8., 2.8., 3.8., 4.8. / 21 Uhr, Park beim E-Werk Franz, Graz Gösting
Empfohlen ab 14 Jahren

Atelier Lefeuvre & André – Entre serre et jardin

Diese Zirkusproduktion unter freiem Himmel bietet den perfekten Nährboden für die Kultur des alltäglich Absurden und des wilden Hohns. Im Garten der Gegensätze wird einander mächtig auf die Nerven gegangen – und doch gemeinsam die Poesie dieses besonderen Zirkus zum Wachsen und Gedeihen gebracht.

30.7., 31.7., 11 & 19 Uhr
1.8., 19 Uhr, Oeverseepark
3.8., 19 Uhr, Rauch-Hof Stainz
Empfohlen ab 7 Jahren

Foto: Matthieu Hagene

Dries Verhoeven – Happiness

Bewegen wir uns auf eine Welt zu, in der wir wie auf Kommando euphorisch sind und unsere Emotionen passend programmiert werden können? Antworten auf diese oder vielleicht noch mehr Fragen kommen bei Dries Verhoevens Installation aus einem kleinen Betongebäude, das mit ein wenig Fantasie an eine Apotheke erinnert. Happiness setzt sich mit dem künstlichen „Glück“ auseinander, das uns durch synthetische Substanzen zur Verfügung steht. Wahlweise können diese dabei helfen, unsere Menschlichkeit zu maximieren oder aufzugeben.

Jakominiplatz (Ecke Klosterwiesgasse):
30.7., 31.7., 1.8., 2.8., 3.8., 4.8., 5.8., 6.8.,
14–22 Uhr; Dauer: 25’; Empfohlen ab 14 Jahren; Begehbare Installation: Alle 30 Minuten werden 4 Besucher:innen eingelassen

Foto: Willem Popelier

Adhok

Was ist Liebe? Wer sind unsere Kinder? Was passiert in der Welt? Wie geht es mit unseren Eltern weiter? Und: Wie betrifft uns das alles? Es sind die großen Fragen, die Doriane Moretus und Patrick Dordoigne sich selbst, einander und uns allen stellen. Ohne diese Reise durch die Zeit nostalgisch zu verklären, erzählt die Produktion als Bilderbuch und Momentaufnahme die Geschichte eines Paares, seiner Familie und den großen Meilensteinen des Lebens.

30. & 31.7., 18 Uhr, ÖWG Wohnanlage (Waagner-Biro-Straße 67–69);
Empfohlen ab 8 Jahren

FOto: Bruno Maurey

Open Dance in der Kaiserfeldgasse

Endlich ist es so weit: Es darf wieder getanzt werden. Und wie lustvoll, lebendig und freudig die Eroberung der Straßen, Plätze und auch des Luftraums über der Stadt sein kann, lässt sich wieder in der Kaiserfeldgasse erleben.

30.7. Fanfare Jo Bithume
1.8. Trio Infernal & Paula Barembuem
2.8. Ismael Barrios & Sexteto Caribe
3.8. Folksmilch
4.8. Härtel Quintett und Gäste
5.8. Eddie Luis JAZZBANDITEN, ­Banditi La Strada
6.8. Eddie Luis und die Gnadenlosen XL, Swing ohne Gnade
Tischreservierung unter: www.lastrada.at/opendance

Foto: Wolfgang Spekner