Start Featureshome Sunnyi Melles: „Welches Metier wäre dazu geeigneter als die Kunst?“

Sunnyi Melles: „Welches Metier wäre dazu geeigneter als die Kunst?“

Sunnyi Melles Foto: PhotoWerk

Mit der Oper „Friede auf Erden“ gibt die viel gefeierte Schauspielerin Sunnyi Melles ein weiteres Gastspiel in Graz. „Achtzig“ sprach mit ihr über die mit Spannung erwartete Produktion und die Fähigkeit der Kunst, sich mit den Ursachen des Schreckens auseinanderzusetzen.

Text: Wolfgang Pauker / Stefan Zavernik

In der Oper Graz werden Sie das Thema „Friede auf Erden“ als ebenso zentrale wie immer gültige Herausforderung an die Menschheit interpretieren. Wie ließe sich diese Herausforderung bewerkstelligen?

In der Überwindung des Utopie-Gedankens „Friede auf Erden“, im Glauben an die selbstreinigenden Kräfte der Menschheitsgeschichte, in obsessivem Angehen gegen die übermächtigen Wiederholungen bzw. Loops der Geschichte. Die Herausforderung ist, wirkmächtige Friedensangebote an die Akteure der Gegenwart und Zukunft zu erdenken. Welches Metier wäre dazu geeigneter als die Kunst?

Arnold Schönbergs Komposition, basierend auf dem Gedicht „Friede auf Erden“ von Conrad Ferdinand Meyer, liegt sein Glaube an die „reine Harmonie unter Menschen“ zugrunde. Sie selbst sind Tochter einst zur Flucht gezwungener Eltern. Da fällt der eigene Glaube an die Harmonie unter Menschen wahrscheinlich schwer, oder?

Schönberg hat später seinen ersten Schaffensimpuls einer „reinen Harmonie“ (wohlgemerkt des Jahres 1907, als er in Wien Zeuge der frühen Friedensbewegung wurde) gründlich revidiert – ideologisch wie auch kompositionstechnisch … Mein Blick auf die Diskrepanz von Harmonie und Dissonanz zwischen Menschen nährt sich aus Realismus und Erfahrung. In diese Erfahrung spielt naturgemäß die Situation meiner Kindheit zwischen Flucht und Staatenlosigkeit hinein.

Jahrzehnte später schuf Schönberg unter dem Eindruck der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges ein weiteres Stück, in dem sein Glaube daran verloren ging und welches als eines seiner ausdrucksstärksten gilt. Kann Kunst helfen, diese Schrecken zu verarbeiten?

Schönberg war zeit seines Lebens ein Glaubender, allerdings im ethischen Sinn. Sein Ethos baute auf Zuversicht. Eine Zuversicht, der unerschütterliche Glaube an Gott sei zur Tilgung des Schreckens fähig. Deshalb wählte er für den Schlusschor in der Kantate A Survivor from Warsaw das jüdische Glaubensbekenntnis „Höre Israel“ (Shema Yisroel), das hier als Symbol für Unbeugsamkeit steht, als Symbol für Würde und Integrität des gläubigen Menschen, die durch nichts gebrochen werden können. Mit diesem Bekenntnis, das der Männerchor in hebräischer Sprache singt, gelingt ihm am Ende einer höchst beklemmenden Szene kompositorisch das höchste Maß an dramatischer Wirkung, die dazu führt, dass der Hörer, die Hörerin – egal welchen Glaubens, oder überhaupt eines Glaubens im religiösen Sinn – geradezu elektrisiert, aufgerüttelt wird. Man kann die Augen vor dem Unfassbaren verschließen, aber nicht die Ohren, die Töne dringen immer durch. Ja, Kunst kann helfen. Wenn nicht dazu, den Schrecken tatsächlich zu verarbeiten, so dazu, sich mit den Ursachen des Schreckens auseinanderzusetzen.

Sunnyi Melles
Foto: Robert Recker

Anlässlich der Feierlichkeiten zur 75-jährigen Befreiung von Auschwitz sagte der deutsche Präsident Steinmeier, er „wünschte, sagen zu können, wir hätten für immer aus der Geschichte gelernt. Aber das kann ich nicht sagen, wenn Hass und Hetze sich ausbreiten.“ Laufen wir Gefahr, dass sich die Geschichte wiederholt?

Jede Minute. Überall. Man sollte dieser möglichen Wiederholung Wachsamkeit und Rückgrat entgegensetzen. Es gilt unser Sensorium zu sensibilisieren. Unser Tun hat ebenso Konsequenzen wie Unterlassung. Wir laufen Gefahr, dass sich Geschichte wiederholt, wenn wir unterlassen und gleichgültig sind. Konsens durch Bequemlichkeit – das ist der eigentliche Motor für Wiederholung.

Was darf sich das Publikum von dieser konzertanten Aufführung mit Ihnen als Sprecherin erwarten? Und was hat Sie letzten Endes dazu gebracht, dieses Stück zu konzipieren?

Ich hege eine große Liebe zur Musik und versuche vermehrt, meine Stimme in den Dienst dieser Liebe zu stellen. Die schauspielerisch geschulte Stimme ist allerdings nur ein Instrument begrenzter akustischer Reichweite. Was ich wirklich sagen möchte, liegt außerhalb des hörbaren Tons. Es ist der in uns liegende, manchmal gleich-, manchmal verstimmte „Menschenton“, den ich aufsuche – ein Begriff, der sich mir jüngst bei der Lektüre eines Interviews mit der steirischen Komponistin Olga Neuwirth erschlossen hat. Ja, ich möchte den/meinen Menschenton anregen. Wenn es gelingt, darf sich das Publikum dazu aufgefordert fühlen, den eigenen zu erhören. Die angeblichen Antipoden Schönberg/Strawinsky – ich finde beide wahnsinnig toll, allerdings mit einem leichten Überhang in Richtung Schönberg, da ich so viele Werke als Narrator zur Aufführung bringen durfte.

Sie sind damit zum wiederholten Male an der Oper Graz zu sehen. Fühlen Sie sich auf der Grazer Bühne schon ein bisschen zu Hause?

Fügen Sie hinter „ein bisschen“ ein riesengroßes Crescendo hinzu! Zu Hause ist dort, wo erfüllende künstlerische Begegnungen ermöglicht werden und stattfinden. Die Oper Graz hat sich für mich als mittlerweile schon mehrjähriger Begegnungsort mit gleichgesinnten Künstlern und einem gemeinsamen Streben nach Musik auf höchstem Anspruch erwiesen. Meine Rückkehr nach Graz nährt sich gewissermaßen aus künstlerischem Heimatgefühl.   

Zwietracht und Brüderlichkeit

Mit zwei weiteren Werken umrahmt die Oper Graz Weinbergs Meisterwerk Die Passagierin. Zum einen wird Karl Breslauers Stummfilm Die Stadt ohne Juden von Olga Neuwirth musikalisch untermalt und zum anderen formulieren Igor Stravinsky und Arnold Schönberg mit Friede auf Erden ein Ziel aus, das im Moment ferner nicht sein kann, doch aber an die „reine Harmonie unter den Menschen“ appelliert – mit Schauspielstar Sunnyi Melles als Erzählerin.   

Friede auf Erden, Do, 26.3.2020 und Do, 2.4.2020, jeweils 19.30 Uhr

Vorstellung: Die Stadt der Juden, Do, 9.6.2020, 19.30 Uhr