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Eine Hymne an die Menschheit

Dshamilja Kaiser Foto: Hagen Schnauss

Fühlen, was unsagbar ist – mit Weinbergs Oper „Die Passagierin“ bringt die Oper Graz ein Stück Vergangenheit auf die Bühne.

Text: Bettina Leitner

Man kann Auschwitz nicht ästhetisieren. Zu grausam und noch zu nahe sind die Begebenheiten, die den moralischen Verrat an der Menschheit und am Mensch-Sein zur Tagesordnung machten und unsere Geschichte nachhaltig prägten. Um ein Stück mit derartiger Brisanz, wie es Die Passagierin ist, angemessen auf die Bühne zu bringen, braucht es Nähe, die zugleich auch Abstand hält. Mieczysław Weinberg, der seine jüdische Familie selbst durch den Holocaust verlor, komponierte seine Oper nach dem gleichnamigen Roman der Auschwitz-Überlebenden Zofia ­Posmysz, was sich auch in der zutiefst berührenden Authentizität des Stückes widerspiegelt. Er wählte dazu das mehrsprachige Libretto von Alexander Medwedew, in dem neben Deutsch, Polnisch, Französisch, Russisch, Tschechisch, Englisch auch Jiddisch gesprochen wird, und er bediente sich auch unterschiedlicher musikalischer ­Stilmittel und Instrumente, um das Stück klanglich möglichst greifbar zu machen: Die Celesta – das Engelsinstrument – für Marta, Xylophon und Marimba für die seelischen Wirren der KZ-Insassen, den Stress und die Todesangst; Trompeten und Posaunen für die todbringenden Appelle der Kommandanten. Die Musik bewegt sich dabei zwischen Beethoven, Mahler und Schostakowitsch bis hin zu Folklore und Chansons, die uns in den unvorstellbaren Wahnsinn dieser Zeit mithineinziehen.

Nadja Loschky

Hoffnung, wo es keine Hoffnung gibt

Wir schreiben das Jahr 1960: Lisa, eine ehemalige KZ-Aufseherin, glaubt an Bord des Schiffes die ehemalige Gefangene Marta zu erkennen. Zuerst sind es nur verschwommene Gedankenfetzen, doch allmählich drängen immer mehr vergessene Melodien, Gesichter, Berührungen und Narben an die Oberfläche ihres Gedächtnisses, die Lisa immer weiter in ihre traumatisierende Vergangenheit hineinzieht. Sie erinnert sich an Marta, die polnische Gefangene, die den Musiker Tadeusz liebte und gemeinsam mit ihm hoffte, das Ende des Krieges zu erleben. Endgültig zurückgeworfen in die Zeit des Nationalsozialismus spielen sich die Szenen erneut ab. Dabei bleibt das Grauen nicht nur in der Vergangenheit: ­„Auschwitz ist das Symbol für den Holocaust, den systematischen Mord an den Juden Europas. Das größte deutsche Konzentrationslager ist Sinnbild für das Leid, das Menschen anderen Menschen zufügen können. ­Auschwitz steht aber nicht nur für die Verbrechen der Deutschen, sondern auch für den „Zivilisationsbruch“ – dessen Möglichkeit jede Gesellschaft auch heute in sich trägt; denn Auschwitz ist ein Produkt der Moderne und eine stetige Mahnung an jede Demokratie“, betont Regisseurin Nadja Loschky. In die emotionale Rolle der Lisa schlüpft Dshamilja Kaiser, die 9 Jahre lang Ensemblemitglied an der Oper Graz war, und Nadja Stefanoff verkörpert die Insassin Marta. Ein stark berührendes Stück, welches unter die Haut geht wie kaum ein anderes. Die musikalische Leitung der Grazer Philharmoniker übernimmt Chefdirigentin Oksana Lyniv.    

Dshamilja Kaiser
Foto: Wolf Silveri

Premiere: Sa, 14.3.2020, 19.30 Uhr

Weitere Termine: Do, 19.3., Sa, 21.3., Mi, 25.3., Fr, 17.4., So, 19.4*., Mi, 22.4., So, 26.4*., Fr, 8.5. und Do, 14.5.2020 jeweils 19.30 Uhr (*15 Uhr)

Vor der Premiere: So, 1.3.2020, 11 Uhr

Kostprobe: Di, 10.3.2020, 17.30 Uhr

Nachklang: Mi, 25.3.2020