Start Interviews open music-Macherin Ute Pinter: Der Blick aufs Neue

open music-Macherin Ute Pinter: Der Blick aufs Neue

Ute Pinter Foto: U. Templin

Neue Musik kann vieles sein. Radikal, melodisch oder experimentell. Eines ist sie aber niemals, gewöhnlich. Wem es gelingt, sich darauf einzulassen, dem eröffnet sich eine neue Welt. „Achtzig“ sprach mit Konzertveranstalterin Ute Pinter über die lokale Szene, musikalische Fernreisen und den Wert der Kooperation.

Text: Bettina Leitner

Sie veranstalten mittlerweile seit 20 Jahren die Konzertreihe open music und arbeiten auch seit mehr als 10 Jahren für impuls in Graz. Können Sie sich nach so langer Zeit noch an den Moment erinnern, als Sie zum ersten Mal von „Neuer Musik“ berührt worden sind?

Ich bin in Leoben aufgewachsen, wo es in den 70er-Jahren ein unglaublich reichhaltiges und auch hochwertiges Konzertprogramm gegeben hat. Ich habe so schon sehr früh meine Liebe zur Musik, damals zur Klassik, entdeckt und auch selbst Ballett getanzt, mich also zu Musik bewegt, was das Verständnis, meinen Bezug zur Musik sicherlich positiv beeinflusst hat. Mit 18 Jahren bin ich schließlich nach Graz gekommen und hatte ein Zimmer vis-à-vis vom Kulturhauskeller, wo ich erstmals in die Jazz-Szene ein- und abgetaucht bin. Doch der eigentliche Erstkontakt mit der sogenannten „Neuen Musik“ kam über das Festival „musikprotokoll“ im steirischen herbst. Da gab es etwas, das ich bislang so nicht kannte, mich herausforderte, gefangen nahm, mich mitriss, da sind neue Türen für mich aufgegangen.

Was genau versteht man unter Neuer Musik?

Die „Neue“ Musik ist an sich ja schon ein historischer Begriff, hat viele Strömungen durchlaufen. Und eine große Vielfalt zeichnet auch gegenwärtig die zeitgenössische Musik aus. Da gibt es viele Individualsprachen, Schnittmengen mit anderen Genres, unterschiedlichste Tendenzen und Spielvarianten. Erst recht, wenn man nicht nur eine eurozentristische Perspektive einnimmt, an Europa als Zentrum denkt. Eine umfassende, allgemeingültige Definition gibt es also nicht. Ganz allgemein gesprochen verbindet man sie aber zumeist mit notierter, mit komponierter Musik.

Neue Musik bedient nicht den Mainstream und ist für viele Menschen musikalisches Neuland. Warum lohnt es sich dennoch für jeden, sich darauf einzulassen?

Es stimmt schon, dass ich kein reines Unterhaltungsprogramm anbiete, dass vielmehr Neues, Ungehörtes im Fokus ist. Man könnte das mit einer „Fernreise“ vergleichen, bei der eben musikalisches Neuland betreten wird, man sich vom Bekannten, Vertrauten wegbegibt, um neue Erfahrungen zu machen, Neues zu erleben, neue Menschen kennenzulernen, ihnen zuzuhören und damit auch für sich selbst neue Perspektiven zu öffnen. Es kann also ein Abenteuer werden, sich darauf einzulassen, ein Abenteuer, das Offenheit, Neugier, Beweglichkeit verlangt und belohnt.

Clemens Gadenstätter überzeugt mit seinen Solowerken in „Soltanto solo“
Foto: S. Fuhrer

Neue Musik wird oftmals zum Experiment. Wie lässt sich die Qualität in diesen Musikrichtungen festmachen? Wann handelt es sich um gute Musik?

Selbst sehr komplexe Formen der zeitgenössischen Musik vermitteln sich, erzählen und sprechen zu uns, wenn die Interpretation sinnstiftend und hochqualitativ ist. Auch die Erfahrung, auch Vergleiche liefern Möglichkeiten der Beurteilung. Um wieder einen einfachen Vergleich zu bemühen: Ob ein Kuchen gut schmeckt oder nicht, bestätigt erst der Vergleich mit anderem Backwerk. Das mag dann an der Länge des Backens liegen, dem genauen Mischungsverhältnis der Ingredienzien, an der Qualität der einzelnen Zutaten, am Ofen, wie und wo der Kuchen serviert wird, mit wem man ihn isst … und das magische Etwas, das nicht preisgegebene Geheimnis des Bäckers oder der Bäckerin ist da auch ein wesentlicher Bestandteil für das Gelingen.

Das Feld der Neuen Musik befindet sich in stetem Wandel. Inwieweit hat sich open music in den letzten 2 Jahrzehnten verändert und wohin geht die Reise in der Zukunft?

Gegründet wurde diese Konzertreihe für Musik des 20. Jahrhunderts von Wim van Zytphen in den 90er-Jahren, ihm folgte Wolfgang Hattinger. Aufbauend auf deren fundamentale Vorarbeit habe ich auch meine speziellen Interessen und Ansätze eingebracht. Neue und zeitgenössische Musik wird z. B. mit experimentelleren Formen des Jazz, der Improvisation, der Elektronik in Verbindung gebracht, es geht immer wieder auch um Schnittmengen zu anderen Kunstrichtungen wie Film, Performances oder Klangkunst. Mein persönliches Ziel ist es dabei nach wie vor, Formationen und Projekte nach Graz zu holen, die man sonst hier nicht zu hören bekommt, und neue Inputs zu geben. Und das eben in höchstmöglicher, international relevanter Qualität.

Wie finden Sie Ihre Musiker und Projekte eigentlich?

Ich bekomme natürlich sehr viele Bewerbungen zugeschickt, habe aber auch selbst immer meine Ohren offen, bin auf der Suche, besuche Konzerte, Festivals, höre Neuveröffentlichungen, gustiere in Fachmagazinen. Wenn ich Künstler schätze, tausche ich mich natürlich gerne mit ihnen aus, nehme Empfehlungen und Tipps entgegen, denen ich dann nachgehe. Eine weitere wichtige Quelle ist auch impuls, bei deren Akademien ich im Schnitt mit 250 jungen MusikerInnen und KomponistInnen aus über 50 Nationen und vielen arrivierten KünstlerInnen als TutorInnen zusammenarbeite. Das ist natürlich auch ein unglaublicher Pool, gerade von jungen, hochmotivierten KünstlerInnen mit vielen individuellen Zugängen.

Die Szene der Neuen Musik ist in Graz breit aufgestellt und auf die ganze Stadt verteilt. Braucht es Ihrer Meinung nach in Graz ein eigenes Haus dafür?

Jazzdrummer Kassa Overall kombiniert Schlagzeug mit Elektrobeats#
Foto: S. Ostrander

Für mich persönlich gibt es dankenswerterweise gute Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern, die auch selbst Räume haben. Es ist außerdem nicht unspannend, wenn auch aufwendig, verschiedene Locations zu bespielen, für bestimmte Projekte bestimmte Örtlichkeiten zu öffnen, auch informelle Orte zu wählen.   

Neue Musik in Graz (Auswahl)

open music, Anfang der 90er Jahre als Konzertreihe in Graz begründet, steht für „Vermittlung heutiger Musik“, zeitgenössischer Musik im Sinne von gegenwartsrelevanter Musikkunst/-kultur, komponierte und improvisierte Musik, klassische Moderne, Neue Musik und (Post)Avantgarde, Hoch-, Sub- und Populärkultur, jenseits ästhetischer Vorlieben.

www.openmusic.at

impuls: Gegründet von Beat Furrer und Ernst Kovacic hat sich impuls als internationale Ensemble- und Komponistenakademie und Verein zur Vermittlung zeitgenössischer Musik binnen kürzester Zeit zu einer der international führenden Institutionen auf diesem Gebiet entwickelt. Instrumentalklassen und Ensemblespiel, Kompositionsklassen und Spezialprogramme wie Ensemble meets Composers, Leseproben mit dem Klangforum Wien, Open Composers‘ Pool, Elektronik- und Improvisationsworkshops.

www.impuls.cc

Das musikprotokoll ist eine Festivalplattform, fungiert als eine Art Labor für neue musikalische Entwicklungen und steckt dabei ein heterogenes, zeitgenössisches Feld von Genres ab: Orchestermusik, Musik für Ensembles, Improvisation, Performance, Klanginstallation, in vielen Fällen sind es eigens für das Festival entwickelte und produzierte Arbeiten.

musikprotokoll.orf.at

Die andere saite wurde im Herbst 1987 von Bernhard Lang zusammen mit Gerhard Präsent und Jörg-Martin Willnauer als gemeinnütziger Verein gegründet. Seither tritt sie mehrmals jährlich als Konzertreihe in die Öffentlichkeit, die sich vor allem der Förderung und Verbreitung von Neuer Musik der jüngeren KomponistInnen-Generation im Wirkungsraum Graz widmet.

anderesaite.mur.at

Das Ensemble Schallfeld ist ein internationales Ensemble für zeitgenössische Musik mit Sitz in Graz. Die Gruppe begeistert durch Virtuosität und Klangsensibilität mit einer besonderen Aufmerksamkeit für Konzertformate, die sich mit den jeweiligen räumlichen Gegebenheiten kreativ auseinandersetzen und eine neue Dimension des Hörens eröffnen.

www.schallfeldensemble.com

Mit Cantando Admont tritt eine Musikergeneration hervor, die von vornherein sowohl Alte als auch Neue Musik zu ihren regulären Betätigungsfeldern zählt. Dabei gilt es, eine ungeheure historische, kulturelle, technische und expressive Vielfalt des Gesangs zu kultivieren. Dies gelingt durch verschiedene Annäherungsweisen an Sprache und Text.

www.cantando-admont.com

szene instrumental, gegründet von Wolfgang Hattinger, ist ein österreichisches Kammerensemble, das sich der Aufführung und Vermittlung zeitgenössischer Musik widmet. Es entwickelt Projekte und themenbezogene Konzertprogramme, die auch die unterschiedlichsten Genres zeitgenössischer Kunstformen einschließen.

www.szene-instrumental.com

Das Ensemble Zeitfluss stellt die Werke großer internationaler Komponisten des 20. Jahrhunderts den heimischen gegenüber. Ziel ist es dabei, die spannende Entwicklung zeitgenössischer Musik und ihre – der breiten Öffentlichkeit zumeist verborgene – Schönheit hörbar zu machen. Zeitfluss will vergessene, wenig gespielte und unbekannte Werke gegenwärtiger Musik zur Aufführung bringen.

ensemble-zeitfluss.com

Minoriten: Mit mehr als 180 Veranstaltungen im Jahr in zeitgenössischer bildender Kunst, Literatur, Neuer Musik, Theater, Tanztheater, Zeitanalyse und Religion ist das Kulturzentrum bei den Minoriten eines der prominenten kulturellen und geistigen Zentren der Steiermark.

www.kultum.at/neue-musik

Ausgewählte Konzerte bis Jahresende

Kassa Overall featuring Mike King – Go Get Ice Cream and Listen to Jazz

Kassa Overall, zum einen frech abgefahrener Jazzdrummer, zum anderen aufstrebender Producer-MC, legt seinen Hauptfokus auf das Schlagwerk, aber zugleich hegt er eine ­besondere Vorliebe für elektronikbasierte Produktionen und setzt auch in seiner eigenen Musik gerne Laptops und Samples ein.

Veranstalter: open music

18.11.2019, Stockwerk Graz, 20 Uhr, Tickets erhältlich im Zentralkartenbüro

Gesprächskonzert concert talk 5

In diesem Konzert wird ein Dialog zwischen Tradition und zeitgenössischem Schaffen hergestellt. Dazu werden Komponistinnen und Komponisten zusammen mit Interpretinnen und Interpreten sowie Fachleuten zeitgenössischer wie auch Alter Musik eingeladen.

Veranstalter: Cantando Admont

22.11.2019, Neue Galerie, 20 Uhr, freie Spende

Clemens Gadenstätter – Soltanto solo

Nach Pierluigi Billone, Marco Momi und Giorgio Netti steht nunmehr Clemens Gadenstätter im Zentrum von „Soltanto Solo“, einer kleinen Reihe innerhalb der Konzertreihe „open music“, die solitäre Solowerke eines Musikschaffenden präsentiert.

Veranstalter: open music

27.11.2019, Museum der Wahrnehmung, 20 Uhr, Tickets erhältlich im Zentralkartenbüro

Elisabeth Harnik, Veronika Mayer und Georg Vogel

Gipfeltreffen dreier Individualisten, zwei davon an 88 Tasten, im Fall von Georg Vogel auch an einem seiner neuentwickelten elektronischen 31+5 Ton Tasteninstrumente, die mit einer ganz spezifischen „Flügel“stimmung arbeiten.

Veranstalter: open music

14.12.2019, WIST Graz, 20 Uhr, Tickets erhältlich im Zentralkartenbüro

Junge Stücke

Als Fortsetzung des 2017 begonnenen Formates „Junge Stücke“ werden neue Werke junger Komponierender, die an der Grazer Kunstuniversität studieren bzw. studiert haben, uraufgeführt und mit Solowerken und Improvisationen kombiniert: Allesamt junge und in vielerlei Hinsicht aktuelle Stücke in seltener Instrumentierung!

Veranstalter: open music

18.12.2019, Museum der Wahrnehmung, 20 Uhr, Tickets erhältlich im Zentralkartenbüro