Start Interviews Christopher Drexler: „Brauchen überall künstlerischen Impetus!“

Christopher Drexler: „Brauchen überall künstlerischen Impetus!“

LR Christopher Drexler Foto: Toni Muhr

Als Kulturlandesrat gestaltete Christopher Drexler in den letzten beiden Jahren die steirische Kulturpolitik maßgeblich. „Achtzig“ sprach mit ihm im Vorfeld der steirischen Landtagswahlen über den Stellenwert von Kunst und Kultur, kulturpolitische Chancen und Ambitionen für eine mögliche Fortsetzung seiner Arbeit nach den Wahlen.

Text: Stefan Zavernik

Sie gelten als Kultur-Fan. Schon in Ihrer Funktion als Klubobmann der ÖVP waren Sie jahrelang als Kultursprecher der Partei im Einsatz und hatten einen guten Draht zur Szene. Was bedeuten Ihnen Kunst und Kultur persönlich?

Für mich sind Kunst und Kultur Notwendigkeit und Grundlage für gesellschaftliche Weiterentwicklung. Wir leben in einer Zeit von großen gesellschaftlichen Brüchen. Insofern braucht es künstlerische Reflexion und Auseinandersetzung für eine gedeihliche Fortentwicklung unserer Gesellschaft. Und ich kann auch für mich persönlich das wiederholen, was ich in einem meiner ersten Interviews als Kulturlandesrat gesagt habe: Ich sehne mich nach Provokation.

So gut wie jeder Mensch beteuert, dass Kultur für eine Gesellschaft immens wichtig ist. Im Wahlkampf wird die Kultur hingegen so gut wie nie thematisiert – so auch im gerade erst zu Ende gegangenen Nationalratswahlkampf. Könnte man damit folgern, dass mit der Kultur als Schwerpunkt im Wahlprogramm keine Wähler zu gewinnen wären?

Ich bin grundsätzlich gegen den Politik-Zugang, bestimmte Dinge nur aus dem Blickwinkel der Maximierung von Wählerstimmen zu tun oder zu thematisieren. Mir geht es um Überzeugungen. Und nachdem ich davon überzeugt bin, dass Kunst und Kultur wesentlich für alle Gesellschaftsbereiche sind, ist ihnen entsprechender Raum auch in Wahlprogrammen zu geben.

Ende November gibt es in der Steiermark vorgezogene Landtagswahlen: Wird Kultur im Wahlkampf der ÖVP Steiermark zum Thema werden?

Selbstverständlich. Es gibt in der politischen Diskussion immer wieder Neigungen, Kunst und Kultur als eine Art dekorative Zugabe zum Rest zu sehen. Wir müssen Kunst und Kultur jedoch ins Zentrum stellen, weil wir einfach überall einen künstlerischen Impetus brauchen. Auch in der Sozialpolitik. Auch in der Wirtschaftspolitik. Auch im Klima- und Umweltschutz. Insofern sehe ich Kunst und Kultur als allgegenwärtig, in allen Lebensbereichen. Und selbstverständlich werden wir uns auch in unseren Programmen für die Zukunft explizit der Kulturpolitik widmen.

Wie stehen Sie zum vorzeitigen Regierungsende der vielgerühmten Reformpartnerschaft in der Steiermark?

Wir haben gut zusammengearbeitet und viele wichtige Reformen umgesetzt. In den letzten Monaten wurden die Wahlkampftöne allerdings immer lauter. Deshalb war es eine richtige und wichtige Entscheidung, diesen Dauerwahlkampf, der spätestens seit der Europawahl im Mai voll entbrannt ist, nicht ein ganzes Jahr bis in den Mai 2020 zu ziehen, sondern früher zu wählen, um früher wieder durchstarten zu können. Und das im Idealfall gemeinsam mit einer handlungsfähigen Bundesregierung.

Seit 2017 konnten Sie als zuständiger Landesrat die Kulturpolitik des Landes bestimmen. Hat sich unter Christoper Drexler in den zwei Jahren kulturpolitisch Gravierendes geändert?

Ich habe mich von Anfang an darum bemüht, die Kultur vom Peripheren ins Zentrum des politischen und gesellschaftlichen Bewusstseins zu rücken. Gewisse Herangehensweisen und Ausrichtungen sind bestimmt anders als unter meinen Vorgängern. Ich habe schon das Gefühl, dass meine kulturpolitische Ausrichtung gut angenommen wird. Letztlich gilt es diese Frage allerdings dem kulturell interessierten Publikum zu stellen.

Was macht in Ihren Augen erfolgreiche Kulturpolitik aus? Welchen Mehrwert kann eine lebendige Kulturszene für unsere Gesellschaft bieten?

Erfolgreiche Kulturpolitik lebt in meinen Augen von einer Kultur des Ermöglichens. Denn die Kunst ist die Aufgabe von Kunstschaffenden und nicht Aufgabe von politischen Vorgaben. Ich will Neues, Provokantes, Unerwartetes ermöglichen. Was den gesellschaftlichen Mehrwert angeht, habe ich bereits eingangs erwähnt, dass gerade in einer Zeit mit großen Brüchen und Unsicherheiten wie der unseren künstlerische Reflexion außerordentlich wichtig ist. Diese künstlerisch kulturelle Auseinandersetzung ist für eine gedeihliche Fortentwicklung unserer Gesellschaft immens wichtig.

Eines Ihrer selbst ausgegebenen Ziele war, die kulturelle Durchflutung der Steiermark weiter voranzutreiben. Welche Durchflutungsmaßnahmen konnten Sie in den zwei Jahren umsetzen?

Ich glaube, dass das ganz stark mit dem vorhin erwähnten Möglichmachen zu tun hat. Wir wollen Bedingungen, eine kunst- und kulturfreundliche Grundstimmung schaffen, damit sich die Kunst entfalten und die Steiermark in ihrer Vielseitigkeit durchfluten kann. Wir haben viele Maßnahmen gesetzt, etwa im Bereich der Förderungen, im Bereich der Preise und Stipendien, in der Organisation des Museumsbetriebs, im Bereich des internationalen Austauschs – alles vor dem Hintergrund, die Kultur in der Steiermark weiter ins Zentrum zu rücken und die Durchflutung der Steiermark weiter voranzutreiben.

Landesrat Christopher Drexler
Foto: Toni Muhr

Nicht nur innerhalb der Steiermark hatten Sie Zielsetzungen ausgegeben. Eines Ihrer großen Vorhaben war, die steirische Kultur stärker zu internationalisieren. Mit welchen Projekten und Initiativen haben Sie steirischen Künstlern dabei geholfen, international ihre Bühne zu finden?

Wir haben einen besonderen Schwerpunkt im Bereich der internationalen Wahrnehmung und des internationalen Austauschs gesetzt. Beispielsweise mit Atelier-Auslandsstipendien für junge steirische Künstler oder den Artist-in-Residence-Programmen, über die internationale Künstler in der Steiermark tätig sind. Wir haben etwa die Stipendien ausgebaut und arbeiten daran, unseren jungen steirischen Stipendiaten noch umfangreichere nationale und internationale Präsentationsmöglichkeiten zu bieten. Was die internationale Vernetzung angeht, sind wir Vorreiter in Österreich – und bekommen auch häufig Anfragen aus anderen Ländern, die an unseren Modellen und Kooperationen interessiert sind.

Sollten Sie in der neuen Legislaturperiode wieder Regierungsmitglied sein, werden Sie sich darum bemühen, wieder das Kultur-Ressort zu bekommen?

Das ist zum jetzigen Zeitpunkt eine sehr theoretische Frage. Aber es ist kein Geheimnis, dass mir die Arbeit als Kulturlandesrat – wie übrigens in meinem gesamten Ressort – sehr viel Freude macht und ich sie auch gerne fortsetzen würde.

Welche großen Projekte und langfristigen Zielsetzungen würden Sie als Kulturlandesrat einer neuen Regierung verfolgen?

Ich glaube, dass wir insgesamt daran arbeiten müssen, die internationale Wahrnehmung des Kulturlandes Steiermark weiter zu steigern. Wir haben irrsinnig viel zu bieten – aber was die Sichtbarkeit angeht, sicher auch noch einiges an Potenzial auszuschöpfen. Ein großer Impulsgeber wird in der kommenden Legislaturperiode die Steiermark-Schau sein, die 2021 in Szene geht und auch die Regionen einbinden wird. Sie soll im Zweijahresrhythmus stattfinden und ein Nachfolgeformat für die verblichenen Landesausstellungen und die regionale sein.

Seit langer Zeit schon wird die Kultur getrennt von der Volkskultur behandelt. Einige Parteien sprechen sich dafür aus, die beiden Bereiche zusammenzulegen. Macht es wirklich Sinn, Volkskultur außerhalb von Kunst und Kultur in einem eigenen Ressort anzusiedeln, und wenn ja: Wo liegen die Vorteile?

Wir müssen in der Wahrnehmung der Kultur die starren Grenzen zwischen freier Szene, zeitgenössischer Kunst und Kultur, Festivals und der Volkskultur und Brauchtumspflege aufbrechen. Nach mehr als 50 Jahren ist auch ein Avantgardefestival wie der steirische herbst so etwas wie steirische Brauchtumspflege – nur in anderer Ausprägung. Es geht darum, wie wir im täglichen Leben mit den unterschiedlichen Kultursparten umgehen. Dass sich zwei politische Referenten mit Kultur beschäftigen halte ich für keinen Nachteil – vor allem, weil der Landeshauptmann, bei dem die Volkskultur ressortiert, und ich in ständigem gutem Austausch sind und insofern keine getrennte Behandlung von Kultur und Volkskultur stattfindet. Vielmehr eine sehr gut abgestimmte.