Start Interviews Graz Kulturjahr 2020: Kulturstadtrat Günter Riegler im Interview

Graz Kulturjahr 2020: Kulturstadtrat Günter Riegler im Interview

„Wir wollen Lust auf Kultur machen!“ Kulturstadtrat Günther Riegler

Mit der Projektpräsentation Anfang Juli hat das Kulturjahr 2020 erstmals konkret Gestalt angenommen. „Achtzig“ sprach mit Kulturstadtrat Günter Riegler über die nächsten Entwicklungsschritte und seine Erwartungshaltung.

Text: Stefan Zavernik

An die 600 Einreichungen erreichten das Kulturamt der Stadt Graz – kann man bei einer solchen Fülle an Projektideen bereits von einem Erfolg sprechen, noch bevor das Kulturjahr 2020 offiziell begonnen hat?

Ich glaube schon, gerade auch aus meiner politischen Sicht heraus. Als wir in dieses Kulturjahr-Projekt hineingegangen sind, war ja eine ganz wesentliche Frage, ob es gelingen würde, das nötige Vertrauen zu gewinnen, um es auch umsetzen zu können. Dieses Vertrauen mussten wir uns erarbeiten. Die Vielzahl an Einreichungen ist nun ein deutlicher Vertrauensbeweis. Als ich vor zweieinhalb Jahren meine Funktion angetreten habe, wurde ich ja nicht gerade mit Vorschusslorbeeren übersät. Noch bevor ich angelobt wurde, gab es auf Facebook ein Posting, an das ich mich bis heute erinnern kann: „Jetzt wird der Kultur der Riegler vorgeschoben.“ Es gab großes Misstrauen. Heute habe ich den Eindruck, dass es mir in den letzten zweieinhalb Jahren doch gelungen ist, Vertrauen in der Szene aufzubauen.

Was war für die Zustimmung der freien Szene gegenüber der Idee „Kulturjahr 2020“ Ihrer Meinung nach ausschlaggebend?

Ich denke, es war die richtige Entscheidung, auf einen Fördercall zu setzen. Und nicht auf einen einzelnen Intendanten. Mit einem Intendanten hätten wir nur ein weiteres Festival entwickelt. Der Vorwurf fehlender Nachhaltigkeit wäre sofort aufgekommen. So hätten wir nicht nur bei der freien Szene mit fehlender Akzeptanz rechnen müssen, sondern auch bei unseren Kolleginnen und Kollegen im Gemeinderat.

Welche nachhaltigen Ergebnisse soll das Kulturjahr konkret liefern?

Wir müssen mit dem Kulturjahr der gesamten Bevölkerung Lust auf Kultur machen. Ziel ist es, ein breites Publikum zu erreichen. Nicht nachhaltig wäre es, wenn nur dieselben hundert Leute an den Veranstaltungen des Kulturjahres teilnehmen, die sich ohnehin bereits für diese Themen interessieren. Genauso wäre es für mich ein nachhaltiger Erfolg, wenn die Szene untereinander enger zusammenwächst. Hier sind wir auf einem guten Weg: Schon im Rahmen der Einreichungen wurden Partnerschaften unter Einrichtungen und Kulturschaffenden geschlossen, die es vorher in dieser Konstellation noch nicht gab.

Kulturstadtrat Günther Riegler und Bürgermeister Siegfried Nagl.

Das Kulturjahr soll Ideen für ein lebenswertes, zukünftiges Graz liefern? Wie soll es hier zu greifbaren Ergebnissen kommen?

Es gibt zwischen einer gefühlten Realität des Einzelnen und einer tatsächlichen Realität einen gewaltigen Vermittlungsbedarf. Eine wesentliche Idee hinter dem Kulturjahr ist es, mit der Bevölkerung ins Gespräch zu kommen. Wie soll Graz in Zukunft aussehen? Wie soll es organisiert sein? Braucht es neue Verkehrslösungen? Braucht es mehr Grünräume? Braucht es mehr leistbares Wohnen? Viele Wünsche stehen in Konkurrenz zueinander. Mit dem Kulturjahr muss es uns gelingen, mit möglichst vielen Menschen über diese Dinge in Diskussion zu treten. Um hier Ergebnisse aus dem Kulturjahr mitzunehmen, wird eine begleitende Dokumentation sehr wichtig sein, ebenso eine wissenschaftliche Begleitung, die Diskussionsergebnisse, Ideen und Meinungen prüft.

Aus den knapp 600 Einreichungen wurden vom Programmbeirat 89 Projekte ausgewählt. Kann sich hier noch etwas verändern?

Ja. Sieben Projekte befinden sich zusätzlich auf einer Warteliste – auf einer Nachrückerliste. Diese Einreichungen wurden vom Programmbeirat zwar als passend befunden, konnten aber in das 5-Millionen-Budget nicht mehr untergebracht werden oder es waren Fragen offengeblieben. Sollte nun eines der ausgewählten 89 Projekte doch nicht umgesetzt werden – es handelt sich ja um Projektbeschreibungen, um Vorhaben und um keine fertigen Projekte –, würde eine der Einreichungen auf der Warteliste nachrücken.

Inwieweit wurden Sie in die Projektauswahl einbezogen?

Die Projekte wurden völlig autonom vom Programmbeirat ausgewählt. An der jurorischen Entscheidung habe ich nicht mitgewirkt. Ich denke, es ist wirklich eine sehr themenzentrierte Auswahl getroffen worden. Was allerdings zu 100 % meine Handschrift trägt, ist die thematische Ausrichtung des Calls. Es war mir wichtig, dass es um die Themen Stadtgestaltung, Stadtentwicklung, Digitalisierung und Klimawandel gehen soll.

Das Kulturjahr soll zum normalen Kulturbetrieb keine Konkurrenz werden – gibt es mit den großen Festivals, zum Beispiel mit dem steirischen herbst, der Diagonale, La Strada oder der styriarte bereits Kooperationen, um Synergieeffekte zu schaffen?

Unterschiedlich. La Strada hat ein Projekt eingereicht und wurde auch fürs Programm ausgewählt. Eine Kooperation gibt es auch mit dem Festival Klanglicht. Die styriarte hat nicht eingereicht, was wohl mit der langfristigen Planung des Festivals einhergegangen sein wird, vermute ich. Davon abgesehen war es ja auch nicht als Pflicht gedacht, für das Kulturjahr einzureichen, sondern als zusätzliche Chance. Der steirische herbst hat zwar eingereicht, das Projekt wurde aber nicht priorisiert.

Auch das Festival Klanglicht wird am Kulturjahr 2020 beteiligt sein.
Foto: Lupi Spuma

Sind neben dem steirischen herbst auch noch andere große Player mit ihren Projekten vom Beirat für das Kulturjahr abgelehnt worden?

Auch der Musikverein hat mit seiner Einreichung für das Kulturjahr keinen Erfolg gehabt. Für abgelehnte Projekte besteht aber nach wie vor die Möglichkeit, aus dem laufenden Kulturbudget der Stadt Graz bedient zu werden. Das Projekt würde dann gefördert werden, aber eben nicht unter dem Titel „Kulturjahr 2020“ laufen.

Bis wann wird das detaillierte Programm vorliegen?

Das Programm wird über den Sommer erstellt. All jene, deren Projekt ins Programm Eingang gefunden haben, werden nun verständigt und erhalten eine Förderzusage. Das fertige Programm wird es im September geben.

Wie wichtig wird das Rahmenprogramm des Kulturjahres werden?

Es wird sehr wichtig werden. Einfach nur die einzelnen Projekte durchzuführen wird zu wenig sein. Es braucht eine Auftaktveranstaltung, um die Menschen abzuholen. Es braucht Medienkooperationen, um mit der Bevölkerung zu kommunizieren.

Sind Sie darum bemüht, an der Abwicklung des Kulturjahres mitzuwirken? Oder obliegt dies alleinig dem Programmbeirat?

Das Rahmenprogramm wird sicherlich meine Handschrift tragen. Ich würde es gut finden, wenn es mit Projekten aus dem Programm verbunden wird, etwa mit Diskursveranstaltungen. Den Auftakt des Kulturjahres stelle ich mir als eine Mischung aus Fest und Diskussion vor – eventuell auch im Rahmen einer Fernsehübertragung.

Wie soll das Programm beworben werden, wie möchte man die Bevölkerung erreichen?

Es wird hier einen Mix an Maßnahmen brauchen. Ich denke aber, dass wir einen großen Vorteil von vornherein auf unserer Seite haben werden, nämlich die große Anzahl an Projektpartnern. Hinter den knapp 90 Projekten stehen ja viele Menschen. Vieles wird über Social Media gehen, auch über persönliche Einladungen und Kontakte der einzelnen Projekteinreicher. Viele Projekte werden im öffentlichen Raum stattfinden, die Interaktion mit Menschen ist ihre Grundintention. Darüber hinaus werden wir eine Agentur mit der Vermarktung des Kulturjahres beauftragen. Und natürlich werden Medienpartnerschaften eine zentrale Rolle spielen, um jene Menschen anzusprechen, die vielleicht noch nie in einem der teilnehmenden Kulturbetriebe waren. Hier liegt auch eines der wesentlichen Anliegen des Kulturjahres, jene Menschen für kulturelle Diskurse zu gewinnen, die bisher noch gar nicht daran teilgehabt haben.

Wird das Kulturjahr eine kontinuierliche Initiative werden? Etwa alle zwei oder fünf Jahre? Wie könnte sich das Projekt thematisch weiterentwickeln?

Sollten wir es wieder machen, was ich mir wünschen würde, hätte ich mir schon vorgestellt, dass es im weitesten Sinne immer um Stadtentwicklung und Fragen der Zukunft gehen sollte. Eventuell alle fünf Jahre. Aber wer weiß heute schon, was in fünf Jahren sein wird?