Start Featureshome Mehr Kultur, mehr Lebensqualität: Isabella Holzmann im Interview

Mehr Kultur, mehr Lebensqualität: Isabella Holzmann im Interview

Der Kulturpass Foto: Magdalena Gfoellner

Als Leiterin des Projekts „Hunger auf Kunst & Kultur“ erleichtert Isabella Holzmann sozial benachteiligten Menschen in Graz und in der Steiermark den Zugang zu Kunst und Kultur. Ein Gespräch über Kultur als unverzichtbares Lebensmittel.

Text: Pia Moser

Seit 15 Jahren gibt es „Hunger auf Kunst & Kultur“ in Wien. Was brachte Sie dazu, das Projekt im Jahr 2006 auch in Graz und in der Steiermark umzusetzen?

Ich habe bei einem Theaterprojekt für wohnungslose Menschen gearbeitet, als ich über den Leiter der Armutskonferenz, Martin Schenk, vom Wiener Projekt erfahren habe. Sofort war mir klar, dass ich dieses Projekt auch in der Steiermark ­realisieren möchte. Zu dieser Zeit gab es in Graz bereits eine Handvoll Kultureinrichtungen, die eine ähnliche Idee hatten: Menschen mit finanziellen Engpässen den Zugang zu Kulturveranstaltungen zu ermöglichen. Diese Energien haben den Start sehr erleichtert.

Mussten Sie zu Beginn Überzeugungs­arbeit bei der einen oder anderen Kultureinrichtung leisten?

Nein, ich bin überall sofort auf offene Ohren gestoßen. Begonnen haben wir mit 17 Einrichtungen, darunter das styriarte-Festival, die Diagonale, Museen wie FRida & freD, das Universalmuseum Joanneum, das GrazMuseum oder auch die Bühnen Graz. Auch kleinere Einrichtungen wie das Theater im Bahnhof oder das Museum der Wahrnehmung waren von Anfang an dabei. Mittlerweile haben wir steiermarkweit rund 300 Partner.

Isabella Holzmann leitet das Projekt in Graz und in der Steiermark.

Worin sehen Sie die Relevanz von Kunst und Kultur für sozial benachteiligte Menschen?

Es gibt Lebensmittel, die sind nicht zum Essen da. Dazu gehören Freundschaften, soziale Netzwerke, Selbstbestimmtheit und Anerkennung. All das kann über einen Zugang zu Kunst und Kultur erreicht werden. Es ist ein großes Problem, dass arme Menschen häufig über ihre Armut definiert werden. Dabei wird oftmals vergessen, dass auch Menschen mit finanziellen Engpässen vielseitig, interessiert und engagiert sind. Hier setzt der Kulturpass an, der ihnen freien Eintritt zu zahlreichen Kulturveranstaltungen ermöglicht.

Armut ist auch in einem Land wie Österreich ein Dauerthema. Steigt die Anzahl der ausgegebenen Kulturpässe? Und wer sind die Menschen, die den Kulturpass nutzen?

Aktuell haben wir steiermarkweit 9.000 Kulturpass-BesitzerInnen, pro Jahr geben wir ungefähr 18.000 Karten für Kultureinrichtungen über das Projekt aus. Von 2018 bis 2019 ist die Zahl der Kulturpässe relativ stabil geblieben, bis dorthin ist sie jedoch kontinuierlich angestiegen. Es sind Personen aus ganz unterschiedlichen Zusammenhängen, die sich in einer finanziell schlechten Lage befinden: Arbeitslose, Bezieherinnen und Bezieher der Mindestpension, Alleinerziehende wie auch eine steigende Anzahl der sogenannten „Working poor“. Darüber hinaus nutzen viele Menschen mit Einschränkungen den Kulturpass. Gerade für diese Gruppe ist das Angebot eine große Bereicherung, wie sich in den vergangenen Jahren gezeigt hat.

Kultur ist ein unverzichtbares Lebensmittel.
Foto: Tscho Findeis

Opernhäuser oder große Museen wirken manchmal auf den ersten Blick etwas „abschreckend“. Gibt es dahingehend Hürden im Umgang mit dem Kulturpass?

Tatsächlich können sich viele Menschen nicht vorstellen, dass man in diese „Kulturtempel“ einfach so hineinspazieren kann. Dann reicht es für manche Personen auch nicht aus, dass der Zugang einfach nur kostenlos ist. Sie sind gehemmt, selbstständig Kultureinrichtungen zu besuchen. Die Gründe sehe ich einerseits in der mangelnden Information, aber auch im fehlenden Selbstbewusstsein. Weitere Hürden erkenne ich vor allem im ländlichen Bereich. Neben dem Problem der Verfügbarkeit von öffentlichen Verkehrsmitteln, schämen sich hier manche, auf den Kulturpass zurückzugreifen – was an der fehlenden Anonymität in ländlichen Regionen liegt.

Wie können Sie dem entgegenwirken?

Generell versuche ich immer wieder, das Projekt lustvoll zu kommunizieren. Um die Scham zu verringern, gründen wir insbesondere in den steirischen Bezirken kleine Netzwerke: So ermöglichen wir es Kulturveranstaltungen in Gruppen zu besuchen. Hinsichtlich der unterschiedlichen Einschränkungen von Menschen veranstalten wir immer öfter sogenannte „Transfair-Veranstaltungen“ mit maßgeschneiderten, barrierefreien Angeboten für besondere Zielgruppen. Diese Veranstaltungen sind stets für alle Interessierten offen – auch ohne Kulturpass –, wodurch wir ein breit gefächertes Publikum erreichen.

Backstage-Führung durch die Grazer Oper im Rahmen des Aktionstags.
Foto: Brueckler

Sind Sie der Meinung, dass sich Grazer Kultureinrichtungen generell verstärkt einem breiteren Publikum öffnen sollten?

Viele tun das bereits. Das ist auch für unser Projekt sehr wichtig, zumal wir an das Engagement der Einrichtungen im Bereich Kulturvermittlung anknüpfen können und in Kooperation auch neue Ideen entstehen. Ich merke aber nach wie vor, dass vor allem die Sprache der Kultureinrichtungen oftmals ausgrenzend wirken kann. Das betrifft Ankündigungstexte oder Beschreibungen der Veranstaltungen, die oftmals sehr abstrakt und schlecht verständlich sind.

Wie machen Sie Ihrer Zielgruppe Lust auf Kunst und Kultur?

Abgesehen von unserer Website, dem Online-Veranstaltungskalender sowie unserem Newsletter kommunizieren wir vor allem über diverse soziale Einrichtungen. Generell ist es mir wichtig, dass wir mit unserer Öffentlichkeitsarbeit auch kulturinteressierte Menschen außerhalb des Projekts erreichen. Unser wöchentlicher Newsletter wird so auch von zahlreichen Personen genutzt, die keinen Kulturpass besitzen – das ist ein toller Mehrwert des Projekts. Lust auf Kunst und Kultur bekommt man auch bei unserem alljährlichen Aktionstag in Graz, der heuer im Juni stattfinden wird und ebenso für alle kulturinteressierten Menschen offen ist. In Kooperation mit sozialen Vereinen können am Aktionstag Partner-Kulturbetriebe kostenlos besucht werden, die ein spezielles Programm anbieten – von Führungen und Workshops über Lesungen bis hin zu Musik.

Beim jährlichen Aktionstag finden auch Workshops in Grazer Kulturbetrieben statt, wie etwa in der Medienfabrik.
Foto: Ulrike Rauch

Sehen Sie mit dem Kulturpass die gesamte Grazer Kultursphäre abgedeckt?

Ja, definitiv. Etwas schwierig gestaltet sich jedoch der Bereich Film, zumal die Kinos pro ausgegebenem Ticket einen gewissen Betrag an den Verleih bezahlen müssen. Das ist schade, da Kino aufgrund der niederschwelligen Ausrichtung für uns ein wichtiges Medium darstellt. Aktuell kooperieren wir mit dem KIZ RoyalKino, wo es immer wieder besondere Filmtage und Aktionen gibt. Das Diagonale Filmfestival ist ein langjähriger Partner, hier wird das Angebot sehr stark genutzt.

Welche Einrichtungen sind darüber hinaus beliebt?

Die Menschen gehen sehr gern ins Theater oder in die Oper. Aber auch in Ausstellungen, da der Besuch so unkompliziert ist. Theoretisch könnte man sich mit dem Kulturpass jeden Tag für ein paar Minuten ein Bild in der Neuen Galerie ansehen. Die Freie Szene hingegen ist weniger bekannt. Durch gezielte Bewerbung versuchen wir, die Menschen verstärkt dorthin zu bringen. Selbiges gilt für die zahlreichen tollen Veranstaltungen der Kunstuni Graz, die wir ebenso verstärkt kommunizieren.

Mit Ihrem Projekt befinden Sie sich inmitten einer reichhaltigen Grazer Kulturszene. Gibt es dennoch offene Wünsche, was das Angebot betrifft?

Durchaus, ich würde mir eine größere Resonanz von Familien, Kindern und Jugendlichen wünschen. Diese Zielgruppen sind nur schwer greifbar, es bräuchte irrsinnig viel kleinteilige Beziehungsarbeit, um sie zu erreichen. Das wäre aber jedenfalls erstrebenswert, denn Kunst und Kultur können das Leben von Eltern und Kindern ungemein bereichern.

 

Kulturinteressierte bei einer Führung durch das Künstlerhaus.
Foto: Ulrike Rauch

Kultur mit Engagement

So funktioniert der Kulturpass

Der Kulturpass ist für jene Menschen, die am kulturellen Leben teilnehmen möchten, sich das aber – oft auch nur vorübergehend – nicht leisten können. Die Vergabe erfolgt über soziale und karitative Hilfsorganisationen und Betreuungsstellen sowie das Arbeitsmarktservice. Jede Partner-Kultureinrichtung ermöglicht Kulturpass-BesitzerInnen einen unentgeltlichen Eintritt.

Hier gilt der Kulturpass in Graz

Das Netzwerk der Kulturpass-Partner wächst auch in Graz kontinuierlich. Zahlreiche renommierte Kulturbetriebe wie auch Einrichtungen der Freien Szene sind Teil der Aktion – hier nur eine kleine Auswahl:

Akademie Graz: www.akademie-graz.at

Explosiv Jugendzentrum: www.explosiv.at

FRida & freD Kindermuseum: www.fridaundfred.at

Forum Stadtpark: www.forum.mur.at

GrazMuseum: www.grazmuseum.at

Hin & Wider: www.hinwider.com

Inter ACT: www.interact-online.org

KIZ Royal: www.kinoinfo.at

KUG Kunstuni Graz: www.kug.ac.at

kunstGarten: www.kunstgarten.mur.at

Künstlerhaus – Halle für Kunst & Medien: www.km-k.at

LaSTRADA: www.lastrada.at

Literaturhaus Graz: www.literaturhaus-graz.at

Mezzanin Theater: www.mezzanintheater.at

Musikverein für Steiermark: www.musikverein-graz.at

MUWA – Museum der Wahrnehmung: www.muwa.at

next liberty: www.nextliberty.com

Oper Graz: www.oper-graz.com

rotor Verein für zeitgenössische Kunst: www.rotor.mur.at

Schauspielhaus Graz: www.schauspielhaus-graz.com

styriarte: www.styriarte.com

Stockwerk Jazz: www.stockwerkjazz.mur.at

TaO! Theater am Ortweinplatz: www.tao-graz.at

TIB – Theater im Bahnhof: www.theater-im-bahnhof.com

Universalmuseum Joanneum: www.museum-joanneum.at

Alle Kulturpartner, Kulturpass-Ausgabestellen sowie aktuelle Veranstaltungen unter: www.hakuk.st