Start Interviews 40 Jahre Reinisch Contemporary: Der Wow-Effekt

40 Jahre Reinisch Contemporary: Der Wow-Effekt

Helmut Reinisch Foto: Stephan Friesinger

Gefeierte Gegenwartskunst und antike Nomadenkultur: Helmut Reinisch verknüpft seit 40 Jahren antike Teppiche mit zeitgenössischer Kunst – und bespielt damit eine außergewöhnliche Nische am Kunstmarkt. Im Interview mit „Achtzig“ spricht er über die Leidenschaft für Qualität, Kunst als Lebensmittel und die ständig wachsende Faszination für antike Nomadenteppiche.

Text: Stefan Zavernik / Pia Moser

Seit 4 Jahrzehnten spielen außergewöhnliche Teppiche die Hauptrolle in Ihrer Tätigkeit als Galerist. Was lässt diese archaischen Gebrauchsgegenstände von einst nach unserem heutigen Verständnis zu Kunstwerken werden?

Teppiche aus der Nomadenkultur nehmen eine Sonderstellung ein. Nehmen wir beispielsweise einen Isfahan- oder einen Keshan-Teppich – sie sehen alle gleich aus. Bei Nomadenteppichen gibt es hingegen diesen Wow-Effekt: Diese Stücke haben eine unglaubliche Ästhetik. Warum? Der schriftlose Nomade hat sein gesamtes Weltbild als definitives Bild – und nicht als Handwerk, schon gar nicht als Kunsthandwerk – in den Teppich gelegt. Farben, Proportionen und Muster verschmelzen darauf zu einem Motiv. Kunst ist in der Lage, Dinge zu erklären und zu definieren – immer auf die jeweilige Zeit bezogen. Nomadenteppiche tun genau dies. Und umso mehr man sich mit ihnen auseinandersetzt, umso mehr Faszination üben sie auf einen aus. Selbst nach 40 Jahren.

Wie entstand die Idee einer Galerie, die antiken Teppichen zeitgenössische Kunst gegenüberstellt?

Das eine hat das andere quasi angezogen. Als 26-Jähriger habe ich mein Unternehmen gegründet und das heutige Geschäftslokal am Hauptplatz übernommen. Mit der Präsentation hochwertiger wie eigenwilliger Teppiche gingen in den folgenden Jahren auch wichtige Künstler von selbst bei uns ein und aus, darunter Franz West, Karl Prantl, Herbert Brandl, ­Hubert Schmalix, Erwin Bohatsch oder Erwin Wurm. Sie fragten mich, ob sie nicht eines ihrer Bilder gegen einen meiner Teppiche tauschen könnten. Der Kontakt zur zeitgenössischen Kunst hat sich auf diese Weise wie von alleine ergeben. Mit Hilfe meines großen Lehrmeisters Horst ­Gerhard ­Haberl, dem Erfinder der legendären Humanic-­Werbung, haben wir 1986 im Rahmen des steirischen herbst dann unsere erste Ausstellung mit Altmeister Karl Prantl realisiert.

Helmut Reinisch und Martin Roth in der gefluteten Galerie am Grazer Hauptplatz.
Foto: Clemens Nestroy

Wann sind Sie eigentlich selbst diesen speziellen Teppichen verfallen?

Der Orient hat mich schon als Jugendlicher wahnsinnig interessiert. Bereits im Alter von 16 Jahren bin ich nach Bagdad gereist, um diese Kultur kennenzulernen. Es folgten über hundert Reisen in die Türkei, nach Afghanistan, Pakistan und Marokko.

Wie schwierig waren die Anfangsjahre als Galerist?

Es war natürlich eine große Herausforderung. Auch weil wir von Beginn an nie daran interessiert waren, einen klassischen Kunsthandel zu betreiben. Wir haben bis auf ein paar Ausnahmen ganz gezielt auf einige besonders talentierte, damals noch junge Künstler gesetzt – auf die „Jungen Wilden“, eine Künstlergruppe der 80er Jahre. Es war uns auch immer wichtig, unseren Kunden und Besuchern die Möglichkeit zu bieten, Einblicke in besondere Werkgruppen zu nehmen. Das kann gefallen oder nicht.

Herbert Brandl
Foto: Rudi Molacek

Welche Rolle spielt der persönliche Geschmack beim Ausstellungmachen?

Meine persönlichen Neigungen und Geschmacksrichtungen alleine sind zu wenig, aber sie spielen doch eine gewichtige Rolle dabei, wer von uns vertreten wird und wer nicht. Ich schätze zum Beispiel Hermann Nitsch in seinem Anfangswerk enorm, aber sein Spätwerk liegt mir persönlich nicht. Der Unterschied zwischen Objektivität und Subjektivität in der Kunst ist aber in meinen Augen sehr wichtig. Ein Museum sollte sich stets darum bemühen, grenzenlos objektiv zu sein. Eine Galerie vertritt immer eine bestimmte Linie.

Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Ist das Auge für gute Kunst angeboren?

Nein. Es kann auch niemand aus dem Bauch heraus beurteilen, ob ein Wein gut ist oder nicht. Man muss sich mit dem Thema befassen. Was mir aber in den letzten 40 Jahren aufgefallen ist, ist die spannende Tatsache, dass viele Menschen, die sich mit Kunst befassen, Schlüsselwerke erkennen. Es ist kein Zufall, dass Besucher unserer Ausstellungen oft vor denselben Bildern stehen bleiben und Interesse zeigen. Jenen, die sich auskennen, gefallen meist dieselben und die besten Werke. Ein gutes Beispiel ist der Stein von Karl Prantl in der aktuellen Ausstellung: Der wurde gleich am Eröffnungsabend verkauft.

Schloss Kalsdorf bei Ilz
Foto: Niki Pommer

Stichwort „Kunstkauf“: Hat die Kunst als Wertanlage für private Sammler an Bedeutung gewonnen?

Das Wort „Wertanlage“ verwenden wir als Galerie bewusst nicht. Auch wenn es heute durchaus eine gewichtige Rolle spielt. Derjenige, der bei uns kauft, kauft Qualität und diese wird immer ihren Wert haben. Sie lässt sich auch einfach bestimmen. Es genügt zu wissen, wo ein Künstler bereits ausgestellt hat. In welchen Museen er präsent war. Ich muss kein Kunstexperte sein, um zu wissen, dass Herbert Brandl seit drei Jahrzehnten zu jenen Malern gehört, welche die Nase vorne haben. Das sagt mir alleinig die Tatsache, dass er Österreich auf der Biennale in Venedig vertreten hat, zur Documenta eingeladen wurde, in der Albertina, den Deich­torhallen oder in Basel ausstellte usw. Wer seine Bilder kauft, kauft Qualität.

Nach welchen Kriterien wählen Sie junge Künstler aus, um diese in Ihrer Galerie auszustellen?

Oft geht es dabei um den Eindruck des ersten Blicks. Ein gutes Beispiel hier waren die Werke von Martin Roth. Wir wussten sofort: Was der macht, gibt es bisher noch nicht, und es war klar zu erkennen, über welch großartige Begabung er verfügt. Wenn einer wirklich gut ist, erkennt man es einfach. Das ist schwer in Worte zu fassen. Fest steht nur, es kommt selten vor.

„Skulptur“, Hans Kuppelwieser
Foto: Stephan Friesinger

In Ihrer bisherigen Laufbahn haben Sie große Sammlungen für Kunden aufgebaut. Was gilt es zu beachten, wenn es darum geht, seine Sammlung aufzubauen?

Es liegt ein großer Unterschied zwischen einer Sammlung – die auch nur aus drei oder fünf Stücken bestehen kann – und einer Ansammlung. Eine Ansammlung wird man oft nie wieder los. Und sie kann einem den Geschmack verderben. Meine Empfehlung lautet immer: Kaufen Sie nicht irgendeinen West, sondern einen wichtigen, nicht irgendeinen Brandl, sondern einen ganz wichtigen. Eine gute Sammlung besteht aus Schlüsselwerken von Spitzenkünstlern.

Sind es vorwiegend Kunstsammler, die zu Ihren Kunden zählen?

Keineswegs. Unsere Kunden sind zwischen 18 und 100 Jahre alt, bekannt oder unbekannt, kommen aus Graz, Hamburg oder Tokio. Viele von ihnen beschäftigen sich seit langem mit zeitgenössischer Kunst oder wertvollen Teppichen, andere wiederum haben, bevor sie bei uns Kunden wurden, noch nie Kunst oder antike Teppiche gekauft. Es war für mich immer wieder spannend zu sehen, wie Menschen von der Leidenschaft für die Kunst ergriffen wurden. Die klassischen Teppich-Sammler aus den 90ern gibt es heute nicht mehr. Meist kommen Menschen zu uns, die sich in erster Linie sehr gut einrichten wollen. Dazu braucht man in der Regel fünf Bilder und fünf Teppiche, nicht mehr.

„Meditationsstein“, Karl Prantl
Foto: Stephan Friesinger

Inwiefern reagieren Sie mit Ihren Ausstellungen auf den sich verändernden Kunstmarkt?

Wir müssen ständig neu reagieren, weil sich die Kunst ständig wandelt und die Bilder unserer Künstler vor 30 Jahren ganz anders ausgesehen haben. Wenn wir aber bei einem Altmeister der Meinung sind: „Das ist in seiner Kategorie ein tolles Bild“, dann kaufen wir es. Auch gerne um etwas mehr. Weil es das bessere Bild ist. Und der Kunde versteht das.

Ist Kunst letztendlich Luxus?

Kunst ist eine Geisteshaltung. Zugleich auch Luxus. Letztlich ein Lebensmittel, mit dem man unglaublich schön lebt. Es ist eine enorme Qualität, wenn man nach Hause kommt und von Kunst umgeben ist. Besser ein gutes Objekt als drei durchschnittliche.

Ausstellungen Herbst/Winter 2018

 

„Herbert Brandl – Raubtierkapitalismus“: noch bis 23. November

„Animal Art – Geknüpfte Mythen“: 26. November bis 20. Dezember

Galerie Reinisch Contemporary

Reinisch Contemporary, Hauptplatz 6, 8010 Graz

www.reinisch-graz.com