Start Interviews Ästhetik – Politik – Show: #WasKannLiteratur

Ästhetik – Politik – Show: #WasKannLiteratur

Klaus Kastberger, der Leiter des Literaturhaus Graz. Foto: Clara Wildberger

In einem dreitägigen Symposium hinterfragt das Literaturhaus Graz den Stellenwert von Literatur. Ein Gespräch mit dem Hausherrn Klaus Kastberger über planbaren Erfolg und Roboter mit Senf.

Text: Wolfgang Pauker

Das Symposium geht der Frage nach, was Literatur im Spannungsfeld von Ästhetik, Politik und Show heute sein kann. Was darf man sich erwarten?

An sich handelt es sich hier um eine Aktion von mitSprache, einem Zusammenschluss der österreichischen Häuser für Literatur. Darin wird dem Publikum die Frage gestellt: Was kann Literatur? Über Postkarten, die Homepage von mitSprache und andere Kanäle werden Antworten eingeholt, um den Stellenwert von Literatur in der heutigen Gesellschaft neu und breiter zu bestimmen und zu diskutieren. Wir im Literaturhaus Graz haben uns entschlossen, über den gemeinsamen Aktionstag am 23. Oktober hinaus die drei Themenfelder Ästhetik, Politik und Show noch etwas genauer zu befragen. Die Frage nach der Relevanz von Literatur und Kunst stellt sich heute ja in forcierter Weise, nicht allein in Österreich, sondern in ganz Europa.

Wie kann Literatur den Bogen von der Unterhaltung zum Instrument für gesellschaftlichen Wandel spannen?

Man kann von Literatur freilich nicht immer alles auf einmal und immer alles zugleich verlangen. Auf der einen Seite soll sie unterhaltsam sein, andererseits politisch relevante Aussagen treffen. Wenn sie formal spannend wäre, wäre das auch nicht schlecht. Allgemeine Vorschriften an Literatur oder Kunst halte ich aber für prinzipiell falsch. Literatur ist ein Medium, das sehr genuin auf gewisse Dinge reagiert. Sicher gibt es eine Art von Literatur, die sich von vornherein eher auf die Unterhaltungsseite schlägt, und eine andere Literatur, oder ist es die gleiche, die sich dezidiert als politisch versteht. Letztlich trägt jedes literarische Werk Anteile unterschiedlicher Faktoren. Als Literaturhaus wollen wir eigentlich auch gar nicht in die Produktion von Literatur eingreifen oder ihr Vorgaben machen. Vielmehr fragen wir uns, was wir im Vermittlungsumfeld tun können. Wie präsentiert man Literatur? Wie formt man aus Literatur Veranstaltungen, die auch diskursive Elemente haben, zum Nachdenken anregen und die vielleicht auch noch unterhaltsam sind?

Wie findet gute Literatur heute ihr Publikum?

Es gibt eine in den letzten Jahren wirklich dramatisch werdende Klage, dass immer weniger Bücher verkauft werden. Die Veranstalter von Literatur und auch wir hier in Graz beobachten aber, dass sehr viel Publikum kommt. Da gibt es also ganz offensichtlich ein Auseinanderklaffen zwischen dem, was die Verlagsbranche beobachtet, und dem Bedürfnis, der Literatur in einem Veranstaltungsrahmen beizuwohnen. Literaturhäuser bewegen sich in diesem Zusammenhang zusehends von einem elitären Literaturbegriff weg, der mit ganz klassischen Formen operiert. Hin zu diskursiven Räumen, zu Beteiligung, zu Gesprächsformaten. Als Veranstaltung funktioniert Literatur im Augenblick so gut wie seit Jahrzehnten nicht mehr, und wahrscheinlich lässt sich das auch als eine Art Gegenbewegung zur Vereinzelung in sozialen Medien verstehen, die den Büchern so starke Konkurrenz machen. Eine Lesung ist immer ein soziales Ereignis. Der stille Akt der Lektüre aber, den die Rezeption von Literatur zur Voraussetzung hat, ist am stärksten gefährdet.

Auch der Markt hat sich geändert. Wie frei sind Autoren heute in Zeiten des absoluten Kommerzes?

Das ist schwer zu sagen. Würde man wissen, wie der Kommerz funktioniert, könnte man ja Bestseller am laufenden Band produzieren. Für die Autoren selbst spielt es im Akt des Schreibens wohl keine hervorragende Rolle, auf das Publikum hinzuarbeiten. In der künstlerischen Arbeit braucht es Autonomie und eine spezifische Eigenart, und wenn man dies konsequent durchsetzt, kann es durchaus sein, dass gerade die seltsamsten Werke ein großes Publikum finden. Grundsätzlich sind Autorinnen und Autoren aber so frei, wie wir alle frei oder unfrei sind. Es gibt vielleicht eine Art Unfreiheit, die aus dem eigenen Werk erwächst. Wenn jemand einen Bestseller geschafft hat, kann es schwierig werden, eine Fortsetzung zu finden, und man ist unfrei, wenn man dann keinen Neuansatz mehr findet. Aber die Produktion von Kunst funktioniert nicht wie Marketing, wo man schon vorher zu wissen glaubt, was klappt und was nicht klappt.

Foto: Clara Wildberger

Kann man heute überhaupt noch von einem einheitlich gedachten Begriff von Literatur sprechen?

Sicher nicht. Man merkt auch, dass es kein einheitliches Publikum mehr gibt. Was damit zu tun hat, dass die literarische Öffentlichkeit als geschlossenes Phänomen nicht mehr existiert. Heute sind es Subgruppen, die spezifische Interessen haben, aber kaum noch einheitliche Anliegen oder gar einen gemeinsamen Kanon. Leselisten, wie damals bei der Matura, von denen man glaubte, ohne sie könne kein gebildeter Mensch sein, haben ihre Strahlkraft verloren. Zu fast jedem Buch gibt es Alternativen. Und zu jeder Behauptung eine Gegenbehauptung. Alles ist pluraler geworden, und viele Stimmen haben gleichzeitig recht. Umgekehrt wächst gerade in solchen Situationen das Bedürfnis nach Orientierung, auch in der Literatur.

Das Symposium präsentiert Bücher, die man gelesen haben sollte …

Wir wollen Emotionen wecken und haben deshalb relevante Kritiker des deutschsprachigen Raums gefragt, ob sie Lust haben, jenes Buch, das ihnen ganz besonders am Herzen liegt, gemeinsam mit dem Autor oder der Autorin zu präsentieren. Da sind nun einige Neuerscheinungen und einiges Wiedergelesenes. Die Empathie gegenüber dem Buch soll sich im Publikum ausbreiten. In den anschließenden Diskussionsrunden gibt es dann auch die Möglichkeit direkter Beteiligung.

Den Abschluss bildet „Roboter mit Senf“. Der Abend verspricht eine Show, wie sie die Welt der Bücher noch nicht gesehen hat.

Das ist das gewagteste Programmelement. Ich persönlich habe schon lange das Gefühl, dass man einmal das Format einer Literatur-Show ausprobieren sollte. Eine Show, die auch dazu gedacht ist, notfalls als Fernsehformat zu dienen. Warum, so fragen sich viele, gibt es eigentlich im österreichischen Fernsehen keine wirklich schwungvolle Literatursendung? So probieren wir also jetzt einmal das Format aus. Wenn es funktioniert, geben wir es an den ORF weiter. Aufgebaut ist das Ganze nach dem Muster einer Late-Night-Show mit entsprechendem Rahmen und drei Gästen: ein prominenter Mensch, der nichts oder nicht viel mit Literatur zu tun hat, mit dem wir aber darüber schon immer einmal reden wollten, ein bekannter Autor und eine literarische Nachwuchshoffnung. Das Grazer Theaterkollektiv Das Planetenparty Prinzip hat die Regie übernommen und es gibt Elemente, die über das reine Talkformat hinausgehen. Clemens Setz wird zaubern, und natürlich gibt es auch einen Roboter mit Senf. Was der tut, ist noch ungewiss. Möglicherweise verteilt er im Publikum Würstel mit Ketchup.

 

Programm 23.–25. Oktober

 

Gemeinsam mit herausragenden Autorinnen und Autoren und prominenten Vertreterinnen und Vertretern des Literaturbetriebes zeigt das Literaturhaus Graz, was Literatur kann. Wem sie aus welchen Gründen wichtig ist. Wo ihr Stellenwert liegt.

 

Dienstag, 23.10. (Ästhetik)

Herzstücke (1) 17–18.15 Uhr

Melinda Nadj Abonji liest aus „Tauben fliegen auf“ (2010)

Einleitung und Gespräch: Katja Gasser

Melinda Nadj Abonji
Foto: Gaetan Bally

Herzstücke (2) 18.30–19.45 Uhr

Heinrich Steinfest liest aus „Die Büglerin“ (2018)

Einleitung und Gespräch: Denis Scheck

Heinrich Steinfest
Foto: Burkhard Riegels

Literatur und Medien: Gesprächsrunde 20–21.30 Uhr

Was machen die Medien aus der Literatur? Und die Literatur in den Medien? Was bleibt von der Kritik? Sind Literaturnobelpreisträger Idioten? Stirbt, wer nicht performt?

Moderation: Daniela Strigl

Mit: Katja Gasser, Michael Schmitt, Robert Weichinger und Fiston Mwanza Mujila (mit Gedichtvortrag)

 

Mittwoch, 24.10. (Politik)

Herzstücke (3) 17–18.15 Uhr

Sabine Hassinger liest aus „Frau Schneider lernt Polnisch“ (2018)

Einleitung und Gespräch: Daniela Strigl

Sabine Hassinger
Foto: privat

Herzstücke (4) 18.30–19.45 Uhr

Ilma Rakusa liest aus „Mehr Meer“ (2009)

Einleitung und Gespräch: Paul Jandl

Ilma Rakusa
Foto: Yvonne Böhler

Literatur und Politik: Gesprächsrunde 20–21.30 Uhr

Ist Literatur politisch? Und wenn ja, wie? Wirkt sie emanzipatorisch? Klärt sie auf? Schafft sie Freiheit? Sind gute Leser gute Menschen? Gibt es gefährliche Bücher?

Moderation: Klaus Kastberger

Mit: Ekaterina Degot, Doron Rabinovici, Franz Schuh, Marlene Streeruwitz

 

Donnerstag, 25.10. (Show)

Herzstücke (5) 17–18.15 Uhr

Nather Henafe Alali liest aus „Raum ohne Fenster“ (2018)

Nather Henafe Alali
Foto: Michael Zargarinejad

Einleitung und Gespräch: Insa Wilke

Herzstücke (6) 18.30–19.45 Uhr

Monique Schwitter liest aus „Eins im Andern“ (2015)

Einleitung und Gespräch: Wiebke Porombka

Monique Schwitter
Foto: Matthias Oertel

Roboter mit Senf: Die Literatur-Show 22–23.30 Uhr

Drei Gäste: Ein Promi, mit dem wir schon immer einmal reden wollten. Ein Autor, der zaubern kann. Und eine literarische Nachwuchskraft, die einfach nur grandios ist.

Hosts: Klaus Kastberger, Daniela Strigl

Gäste: Gilbert Prilasnig, Clemens Setz, Sarah Wipauer

Clemens Setz
Foto: Max Zerrahn

Assistenz: Die Miri (Miriam Schmid); Roboter mit Senf (David Valentek); Musik: Julian Werl; Ausstattung: Leonie Bramberger

Konzept und Produktion: Literaturhaus Graz und Das Planetenparty Prinzip (Klaus Kastberger und Simon Windisch)

Gilbert Prilasnig
Foto: privat

 

Eintritt: 3-Tagespass: € 25,–, ermäßigt € 15,–

Eintritt „Herzstücke“, pro Tag: € 6,–, ermäßigt € 4,–

Gesprächsrunden: Eintritt frei!

Literatur-Show: Eintritt: € 15,–, ermäßigt € 8,–

Weitere Informationen und Kartenreservierungen unter: www.literaturhaus-graz.at