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Herbert Nichols-Schweiger: Kunst und Kultur sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen

Herbert Nichols-Schweiger: Geschäftsführer der Gesellschaft für Kulturpolitik

Die Steirische Gesellschaft für Kulturpolitik (GKP) steht wie wenig andere Institutionen für die Vermittlung von Kultur und die schonungslose Aufarbeitung unserer Geschichte. Wir sprachen mit Geschäftsführer Herbert Nichols-Schweiger über das aktuelle Tegetthoff Projekt, eine Novellierung des Kulturförderungsgesetzes und wieso die Erinnerung ein schwindendes Gut ist.

Die GKP steht für das Schüren von kritischem Bewusstsein. Wie kam es zu der Motivation der unermüdlichen Vermittlung von Kunst und Kultur?

Die Frage war und ist: Wie kann aus der Kunst Kommendes in kulturelle Bildung und Vermittlung hineingeführt werden. In Großbritannien etwa ist es pure Selbstverständlichkeit, dass an jedem Museum, an den großen Theatern usw. dieser Vermittlungsgedanke aus der Kunst – und gar nicht so stark aus dem pädagogischen Aspekt heraus – eine Rolle spielt. Viel mehr Menschen als heute haben ein Recht auf eine direkte Beziehung zu Kunst und Kultur. Das ist in der Steiermark zwar immer wieder einmal geschehen, aber zu selten. Für mich verbindet sich das zum einen mit Dr. Kurt Flecker (von 2005 bis 2009 Landeskulturreferent), der bei all seinen Entscheidungen darauf geschaut hat, dass es zu künstlerisch Wesentlichem kommt. Aber auch ernsthafte Vermittlungszugänge mussten gewährleistet sein. Die sollten nicht erst mühsam über Medien passieren. Zum anderen denke ich an Heiderose Hildebrand, die ich in den frühen 1980er Jahren kennenlernte. Sie hatte damals eine Ausbildung für spezielle Museumspädagogik und Kulturvermittlung in England hinter sich. Mit ihr haben wir damals, bahnbrechend in Österreich, drei steirische Kleinmuseen aufgetrieben, in welchen Hildebrand aufbauend auf Ausstellungen kulturvermittelnde Projekte machte.

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„In Bürostuben sind noch nie die wirklich guten Entscheidungen für Kunst und Kultur gefallen.“

Sollte man die Frage nach Kulturvermittlung nicht auch bei der in Erwartung stehenden Novellierung des Kulturförderungsgesetzes stellen?

Ich befürchte eine simple Eliminierung der Bildung als Förderungsgebiet und bin aus über 50-jähriger Erfahrung sicher, dass Kunst mit kultureller Bildung und Vermittlung ganz wesentliche Momente sind. Ich denke, das sollte man sich drei, wenn nicht vier Mal überlegen. Außerdem sollte man die Vorentscheidung über Förderungen, derzeit durch das Kulturkuratorium, auf eine sinnvolle Ebene bringen, sie jedoch auf keinen Fall mindern. Weil in Bürostuben sind noch nie die wirklich guten Entscheidungen für Kunst und Kultur gefallen. In Mathematik oder Physik gibt es bekanntlich exakte Kriterien, in der Kunst gibt es diese Grenzen nicht: hier ist es noch oder hier ist es nicht mehr Kunst. Nur durch verschiedene Zugänge und hohe, verschiedene Qualifikationen im Beirat können ernsthafte Empfehlungen für kulturelle oder künstlerische Entscheidungen entstehen. Zuletzt entscheidet ohnedies der Landesrat. Grundsätzlich geht es darum, dass man aus der Perspektive von Kultur heraus schaut, wie man mehr Menschen dafür interessieren und Zugänge für sie schaffen kann – und zwar in aller Öffentlichkeit.

Wie aktuell beim GKP-Projekt rund um das Tegetthoff-Denkmal …

Wir haben das Tegetthoff-Projekt zur 80. Wiederkehr der Aufstellung ja nicht gemacht, weil wir uns an einem alten Admiral reiben wollen, sondern weil dieses Denkmal im Laufe seiner Geschichte zu etwas ganz anderem gemacht wurde, als es eigentlich gedacht war. Mit der Aufstellung des Denkmals in Graz wurde Tegetthoff plötzlich zu einem österreichischen Nationalhelden, noch dazu im damals wild um sich schlagenden Austrofaschismus. Und wenn man jetzt dieses Denkmal restauriert, dann kann man ja auch für die Vorbeigehenden, für die Leute überhaupt, eine solide Information rund um dieses Denkmal installieren.

Warum steht die Trennung von Kunst und Bildung nun überhaupt zur Debatte – siehe Akademie Graz?

Kunst und Kultur sind seit mehr als 50 Jahren, wenn nicht viel länger, u. a. mit Wissenschaft immer wieder verbunden. Man braucht sich nur anzusehen, dass beispielsweise Österreichs Paradephysiker Anton Zeilinger bei der Documenta in Kassel mit einem wichtigen Kunstprojekt vertreten war. Und so geht das bei Peter Weibel und vielen anderen weiter. Kunst und Kultur sind ja glücklicherweise in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen und also beschäftigen sie sich damit. Was man vermeiden muss, ist eine Art bienenbrave Bildung à la Schule. Aber wenn aus dem Leben und aus dem Wesen der Kunst Vermittlungselemente entstehen, dann sind die aus Kultur-Mitteln zu bezahlen und nicht aus irgendwelchen anderen. Denn dafür wird sich kein anderes Ressort zur Verfügung stellen.

Die GKP übernimmt diese Aufgabe der Vermittlung, scheint in der Steiermark aber alleine auf weiter Flur.

Das ist immer eine Frage der Wahrnehmung. Ich vergleiche das gerne mit der Zahl der Sport- und Kulturseiten in den heimischen Zeitungen. Da gibt es auch einen ziemlich deutlichen Unterschied. Für den internationalen Holocaust-Gedenktag 2016 wird im Landtag Steiermark an einem Projekt gearbeitet, und dabei stellt sich heraus, dass sehr viele Vereinigungen bis hin zu Kleingruppen sich damit beschäftigen. Und das ist ja auch wiederum ein Aspekt, der in unserer Gesellschaft für Kulturpolitik so wichtig ist: die Kooperation. Nicht nur aus finanziellen Gründen, das ist ja ohnehin bekannt.

Warum legt die GKP auf Publikationen so großen Wert?

Weil die Erinnerung ein sehr schnell schwindendes Gut ist. Es ist immer wieder erstaunlich, mit KollegInnen aus der Kunstszene und dem Publikumsbereich zu reden und draufzukommen, dass meist gerade noch ein Name in Erinnerung ist, aber eine wirklich ernsthafte Beschäftigung nicht mehr möglich ist. Und wenn es sich ernsthaft ergibt, dann ist eine Publikation der wichtigere Teil des Projekts, auch wenn viele vielleicht sagen, Bücher bleiben im Verborgenen.

Was wird das Programm 2016 neben dem Projekt rund um den Holocaust-Gedenktag beinhalten?

Es wird der neue Roman der Schriftstellerin Gioconda Belli in der Steiermark präsentiert werden und – hoffentlich – endlich das Jochen-Gerz-Projekt in einer sehr umfangreichen Dokumentation mit Kunst im öffentlichen Raum vorliegen. Wobei ich in dem Fall sehr gerne darauf verweise, dass wir hier wie auch in sehr vielen anderen Punkten mit dem Universalmuseum Joanneum zusammenarbeiten. Und wir werden ganz sicher wieder mit einer sehr spannenden Fotoausstellung vertreten sein. Der Titel steht zwar schon fest, wird aber noch nicht verraten. Und mit etwas Glück werden wir sogar sehr weitreichende internationale Projekte in Polen und im Iran haben. Wir schauen also einem ziemlich arbeitsreichen Jahr entgegen.

Text: Wolfgang Pauker